Ausgabe 
14.7.1901
 
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1901.

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wer nur immer lieben wollt',

Nicht klagen und nicht trauern sollt'

In allem Leid der Erden.

Und droht der Himmel trüb und grau,

Ihm muß das ew'ge Himmelsblau,

Ihm muß die Sonne werden! Aug. Sturm.

(Nachdruck verboten.)

Auf der Felseninsel.

Eine Erzählung aus den norwegischen Schären.

Von M. O t t e s e n.

(Fortsetzung.)

Unschlüssig, was ich beginnen sollte, um ein Allein­sein mit Gunhilda zn erreichen, trieb ichl mich am folgenden Morgen im Garten umher.

Da erschollen laute Stimmen aus der Laube, ich! sah den Doktor mit den drei übrigen Herren im eifrigen Gespräch und glaubte die Namen Gunhilda Ravenskjold zu Haren. Wollte man den Freund unseres Hauses mit in den Anschlag ziehen, ihn als Bundesgenossen gegen mich gewinnen? Meinem Onkel würde eine Frau ohne Namen und Ver- mögen nicht willkommen sein, das wußte ich wohl; doch der Gedanke an den Widerstand, der mich erwartete, be­stärkte mich noch mehr in meinem Vorsatz, nicht von Gun­hilda zu lassen/ sie zu zwingen, die Meine zu werden, auch gegen ihren eigenen Willen. Schnell verraucht war mein Unmut, tausend Entschuldigungen fand ich! für das gestrige Benehmen der Geliebten, und fest entschlossen, nicht zu weichen, bevor sie mir ihr Wort gegeben hatte, eilte ich! ins Haus. Leer waren die Zimmer, durch! die offenen Küchenfenfter sah ich die Zwillinge eifrig damit beschäftigt, einen Teil der gestern gefangenen Fische in große Korbe zu verpacken.

Schon wollte ich! wieder die Wohnung verlassen, als ich> in einer Nische des Gartenzimmers eine Gestalt hinter dem großen Blumentisch hocken sah.

Hanna!" rief ich erstaunt.

Mit einem freudigen Ausruf flog sie mit entgegen.

Lieber Toktor, Gott sei Dank, daß. Sie gekommen! Ich fürchtete mich schon hier ganz allein. Was ist denn geschehen? Gunhilda hat sich oben mit der Mutter emge- schlossen, und niemand will etwas von mir wissen!" Ein Thränenstrom brach aus ihren Augen, und sie schmiegte sich so ängstlich an mich, als sei endlich der Reiter in der Not erschienen.

Kommen Sie", sagte ich, ihr beruhigend über die blonden Haare streichend.Zusammen wollen wir Gun­hilda aufsuchen. Ich will und muß sie sprechen."

Gehorsam wie ein Kind gab sie mir die Hand und zog mich mit sich die Treppe hinaus. Beklommen blieb ich stehen, meine frohe Sicherheit war wieder verschwunden: mir bangte vor der Erklärung, die ich fordern wollte.

Ta öffnete sich! plötzlich eine Thür, die Pastorin trat heraus. Einen Moment starrte sie bald mich, bald ihre Tochter an, als wären ihr plötzlich Gespenster erschienen. Dann sagte sie rasch entschlossen:

Ich weiß, wen Sie suchen Gunhilda erwartet Sie. Tie Wahrheit verlangen Sie zu hören ertragen Sie sie als ein Mann. Gehen Sie und Gott sei mit Ihnen, mit uns allen!"

Sie zog die Tochter heftig an sich; einen Moment blickte ich bestürzt in ihr sorgenvolles Gesicht, dann stieß ich die Thür auf. Mir gegenüber, hell beschienen von dem Tageslicht, stand Gunhilda. Noch nie war mir ihre Erschein­ung so stolz, so gebieterisch erschienen, und unwillkürlich verneigte ich mich tief, wie ein Bittender, der von den Lippen seiner Königin das Urteil über Leben und Tod empfangen soll.

Sie winkte mir, näher zu treten, und sagte mit lauter, klarer Stimme, als könnten diese Worte sie von einer Last befreien, die sie sonst zu Boden drücken würde:Recht hat die Freundin, Wahrheit muß zwischen uns sein. Machen Sie mir Vorwürfe, ich habe sie verdient, aber verurteilen Sie mich nicht- Gott sei mein Zeuge, nie habe ich! geahnt, daß Sie, der überlegene Mann, durch! Stand und Erziehung von mir so verschieden, für Ihre Schsilerin andere Gefühle als die der Freundschaft hegen konnten. Ueberrascht, bestürzt hörte ich gestern Ihr Geständnis. Ihre Leidenschaft überwältigte mich, machte mich einen SWen- blick gar an meinem eigenen Herzen irre. Nie hatte ich ähnliche Worte gehört, und mir fehlte die Kraft, die Be- finnung, Ihnen zu fagen--"

Sie stockte und blickte zum Fenster hinaus. Von einer furchtbaren Ahnung ergriffen, trat ich dicht an sie heran und zwang sie, mir tu die Augen zu sehen.

Sie lieben einen anderen, Sie lieben Sigurd Hall?" rief ich verzweifelt. , ,

Gestern wußte ich! es noch nicht", sagte sie traurig und fest zugleich.Von Kindheit an war ich ihm gut und wollte mir'» doch nicht gestehen. Erst als ich einen kurzen Moment dem Gedanken Raum gegeben, einem anderen an­zugehören, erkannte ich plötzlich klar und deutlich, wie es um mich stand, und jetzt möchte ich es in alle Winde rufen: habe ich ihn auch in die Fremde getrieben, werde ich ihn auch nie Wiedersehen, so liebe ich doch .ihn allein, heute und in alle Ewigkeit!"