895 —
das kaum drei Meter vom Wohnhause entfernt lag, und sofort in Hellen Flammen stand.
Jedem Forstmann ist bekannt, daß es in großen Waldungen eng begrenzte Bezirke giebt, in denen häufige Spuren der Zerstörung durch Blitzschläge zu finden sind; man hat an solchen Stellen schon mehrfach verborgene Quellen oder Erzlager entdeckt Im Jahre 1893 wurde in der Nähe von Sets in Tirol, in der Tedaschlucht, eine Eisenquelle durchs den Blitz erschlossen, indem der mächtige Strahl das Gestein zerspaltete.
Eigenartige Verhältnisse, bezüglich! des Grundwassers, sind fast immer die Ursache, wenn im Laufe weniger Jahre der Blitz stets wieder in bestimmte Gebäude schlägt; man sieht, namentlich in Gebirgsdörfern, bisweilen Ruinen von Häusern, die nicht wieder aufgebaut werden, weil erfahrungsgemäß die Blitzgefahr an diesen Orten zu groß ist.
Einer der merkwürdigsten Fälle, wo der Blitz innerhalb weniger Tage in dasselbe Haus schlug, hat sich in einem Dorfe des Kreises Bunzlau in Schlesien zugetragen. Während eines heftigen Morgengewitters frühstückt der Besitzer des Wirtshauses an einem Tische, der mitten in der Schenkstube steht; plötzlich steht die Stube in Flammen, und der Wirt sinkt tot vom Stuhle. Zwei Tage später entladet sich in derselben Morgenstunde wieder ein Gewitter über dem Torfe. Bor dem heftigen Regen flüchtet sich ein Handwerksbursche in die Schenke und setzt sich! zufällig an denselben Tisch, an dem der Wirt vom Blitz erschlagen wurde. Während die Wirtin dem Gaste weinend das Unglück erzählt, schlägt der Blitz abermals ein und tötet auch den Handwerksburfchen.
Bei einem Gewitter, von dem im September 1895 der Ort Waltersdorf in Sachsen betroffen wurde, ereignete sich ein seltsamer Fall, den der Volksmund als Gottesurteil bezeichnete: Eine zur Miete wohnende, böhmische Familie, die seit mehreren Jahren den Zins schuldig geblieben war, wurde vom Besitzer des Hauses gezwungen, es zu verlassen. Während des Gewitters schleicht sich die rachsüchtige Böhmin, die ihr Kind auf dem Arme trägt, in der Dunkelheit an das Haus, um Brandstiftung zu begehen; da zuckt ein Strahl hernieder und erschlägt die Frau, das in ihren Armen ruhende Kind wurde fortgeschleudert, blieb aber unverletzt.
Unter allen Waldbäumen wird am häufigsten die Eiche vom Blitz getroffen; dieser Umstand dürfte die Veranlassung gewesen" sein, daß bei den heidnischen Germanen die knorrige, stolze Eiche dem Gewittergott Donar geweiht war.
Die neueren Forschungen über die elektrischen Entladungen während eines Gewitters haben ergeben, daß nicht nur aus den Wolken der verderbliche Funke zur Erde zuckt, sondern daß durch die Ausgleichung mit der Elektrizität der Erdoberfläche ein sogenannter „Rückschlag" hervorgerufen wird, der zwar nicht so heftig wie der direkte Blitzstrahl wirkt, aber stark genug ist, um Menschen und Tiere zu töten. Es sind auch schon „Erdblitze" wahrgenommen worden, nämlich! elektrische Ausstrahlungen, die in Blitzgestalt der Erde entsteigen. Ein Erdblitz scheint thätig gewesen zu sein bei einem Fall, der in der Nähe von Lausanne beobachtet wurde: man fänd ein Mädchen als Leiche, das bei heftigem Gewitter unter einem wilden Birnbaum Schutz gesucht hatte; die in viele kleine Fetzen zerrissenen Kleider, sowie die Kopfhaare der Getöteten hingen hoch! oben im Wipfel des Baumes; es muß also angenommen werden, daß diese Stoffe von einem nach oben zuckenden Blitz dorthin geschleudert wurden.
Ein Apotheker, Namens Pfeffer, beobachtete bei seiner Besteigung des Col de Balan, daß während eines heftigen Gewitters, wenige Schritte vor ihm, ein Blitz aus der Erde fuhr und sich mit dem Strahl aus der Wolke vereinigte.
Den interessanten Aufzeichnungen des Pastors Johannes Tobias Volkmar, der im achtzehnten Jahrhundert in Petersdorf im Riesengebirge amtierte, ist nachstehender Bericht entnommen, der die mit furchtbarer Gewalt bewirkte Zertrümmerung eines Felsens durch Blitzschlag aus der Erde schildert; der gelehrte Herr schreibt: „In dem Jahre 1755, da in anderen Gegenden der Welt die Erdbeben auf eine ungewöhnliche Weise wüteten, hatten wir ein paar Monate hindurch täglich die heftigsten Donnerwetter; ein Blitz durchfuhr bei den „Dreisteinen" einen ungeheueren Felstnrm in einer Oeffnung gleich einer
Kanonenkugel unten am Boden. Ohngezweifelt hat der Blitz den ganzen Felsen heben müssen, weil er, an Höhe einem ziemlichen Turm gleiche eingestürzet und in lauter gleiche Tafeln gespaltet ist. Sein Fall hat einen prasselnden Knall verursacht, der bis in viel Meilen weit entlegene Thäler ist gehört worden. Ich habe keine größere Gewalt des Blitzes gesehen; denn eine einzige von diesen Tafeln würde kaum mit zwölf Pferden von der Stelle zu bewegen sein. — Ein anderer Blitz durchfuhr einen Fels in der „großen Schneegrube" vou oben bis unten auf den Grund und schlug seine ganze Vorderwand in Stücken, so daß man die Straße an dem Felsen viele Meilen weit iin Thale sehen konnte. In der Mitte dieses zerschmetterten Felsens offenbarte sich» der reichste Bleiglanz nebst einem Silbererze." Diese gewaltigen Zerstörungen zeigen, welcher ungewöhnlichen Kraftentfaltung der elektrische Funke fähig ist; um so überraschender berühren jene Fälle, in denen der Blitz wie ein gewandter Taschenspieler auftritt, verschwinden läßt und andere derartige Scherze übt. Klingt es nicht, als hätte ein neckender Kobold die Hand im Spiel, wenn man in den, vom französischen Astronomen Camille Flam- marion gesammelten Beobachtungen liest, wie der Blitz zwei strickende Damen trifft, sie selbst ganz unversehrt läßt, aber den Strümpfen sämtliche Stahlnadeln entreißt? Der französische Gelehrte berichtet u. a., daß einer Dame der goldene Ring im Ohr geschmolzen wird; daß der Blitz einem Manne die Uhr in der Westentasche und das Geld in der Börse schmilzt, — ohne deren Besitzer zu schädigen; einem Trinkenden schleudert der Blitz den Becher aus der Hand und wirft ihn durchs Fenster; einem Reiter stiehlt er die Peitsche, — aber alle bleiben unverwundet. Sehr merkwürdig ist folgende Begebenheit: In Courcelles-les- Sens standen während eines Gewitters drei Damen um eine Nähmaschine; der Blitz schlug ein und tötete die älteste von ihnen; als die beiden jüngeren Damen aus der Betäubung unversehrt erwachen, finden sie sich gänzlich entkleidet, auch ihre Schuhe sind von den Füßen gerissen. — Selbst den Aerzten pfuscht der Blitz in ihre Kunst: Ein Gastwirt, der heftig am Rheumatismus leidet, beobachtet ein Gewitter von der Schwelle der offenen Hausthür; plötzlich wird er vom Blitz ins Innere des Hauses geschleudert, und, nachdem der Mann sich von dem Schreck erholte, bemerkt er, daß diese elektrische Kur seine rheumatischen Schmerzen vertrieben hat.
Viele Radfahrer huldigen dem Glauben, durch Isolierung auf ihrer Maschine vor Blitzgefahr geschützt zu sein, es ist dies jedoch nicht der Fall, wie ein Bericht der Radfahr-Zeitschrift „Velo-Sport" beweist: Zwei Radfahrer wurden am späten Abend vom Gewitter überrascht, wobei den einen der Blitz trifft und ihn mehrere Meter weit vom Rade fortschleudert. Hierauf sehen beide, daß die Maschine des aus dem Sattel Geworfenen von zuckenden Flammen umgehen ist, die sich schlangenförmig um die Speichen winden; es zeigte sich, daß die Lager geschmolzen waren.
Mit den Worten: „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel" pflegt der Volksmund bekanntlich ein sehr überraschendes Ereignis zu bezeichnen. Thatsächlich sind schon mehrfach Fälle' beobachtet worden, wo elektrische Entladungen, bei völlig wolkenlosem Himmel, den Tod von Menschen und Tieren veranlaßten; so ereignete es sich vor mehreren Jahren, daß im Klostergarten von Maria Trost in Schvn- bornslust ein junges Mädchen vom Blitz erschlagen wurde, während sich, von diesem Orte tocit entfernt, ein Gewitter in der Nähe von Koblenz entlud.
Der Blitz vermag auch durch Telegraphenleitnngen zu töten. Im Orte Kowrow (im Gouvernement Wladimir) stürzte einst ein Arbeiter Plötzlich entseelt zur Erde, der mit der Befestigung von Leitungsdrähten beschäftigt war. Nachforschungen ergaben, daß in einer Entfernung von 107 Werst ein starkes Gewitter gewütet hatte; -ein Blitz zersplitterte vier Telegraphenstangen und wurde dann durch die Drähte weiter geleitet.
In gänzlich abweichender Weise von den zickzackförmigen Linienblitzen und den Flächenblitzen zeigen sich dem Auge die weit selteneren Kugelblitze, die sich nur mit geringer Geschwindigkeit fortbewegen. Die feurigen Kugeln erscheinen entweder geräuschlos, oder von starkem Knattern begleitet und zerplatzen häufig mit donnerartigem Krachen; sie bewegen sich mitunter rollend über die Erdoberfläche oder,


