Ausgabe 
14.5.1901
 
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Es wird nur leider sehr wenig sein, das ich Ihnen zu bieten vermag. Auch wenn die Voraussetzung hinsicht­lich der Gleichartigkeit unserer Naturen zuträfe, würden Sie von dem Verkehr mit mir weder erheiternde Unter­haltung noch geistige Anregung erwarten dürfen. Ich bin durch das eingezogene Leben, das wir seit vielen Jahren führen, etwas weltfremd geworden. Und nun beherrscht vollends die Sorge um den Vater alle meine Gedanken."

Diese Sorge wird hoffentlich bald von Ihnen ge­nommen werden. Der Herr Professor wird genesen und"

Das traurige Kopfschütteln Erikas hinderte sie, zu vollenden.

Ich wage nicht mehr, das zu hoffen. Tie Veränder­ung, die während dieser letzten Tage mit ihm vorgegangen ist, hat mir den Mut dazn genommen."

Worin besteht Ihres Vaters Leiden? Sie wissen viel­leicht, daß ich mich ein wenig mit der ärztlichen Wissen­schaft befaßt habe, und ich frage deshalb nicht bloß aus müßiger Neugier."

Es ist eine Herzkrankheit, deren Anfänge wohl schon seit längerer Zeit vorhanden sein mögen, die aber erst in den letzten Wochen diesen furchtbaren Charakter ange­nommen hat. Sie äußert sich in.oft wiederholten, qual­vollen Anfällen, von denen jeder einzelne aussieht, als könnte mein armer Vater ihn nicht überleben."

Hütet der Herr Professor das Bett?"

Nein, es ist unmöglich, ihn dazu zu bewegen. Aber er wird täglich schwächer und kann nur mach kurze Strecken ohne Unterstützung gehen."

(Fortsetzung folgt.)

Hefter unsere Kraft.

Ein Beitrag zur Hygiene der Arbeit und des Sports.

Von Dr. med. Adelbert Günther.

(Nachdruck verboten.)

Es ist die Bestimmung des Menschen, daß er, um sich durch die Welt zu schlagen, zu ernähren und zu vervoll­kommnen in fleißiger Arbeit seine Hände regen muß. Die unerfüllbaren Zukunftsträume von Weltverbesferern werden an dieser Thatsache nichts ändern, und der Einzelmensch findet sich mit der Notwendigkeit, von früh bis abend zu arbeiten, in der einen oder anderen Weise ab, indem er sich entweder dem Machtgebot unterwirft, welches ihm zuruft:Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod essen" oder indem er sich die bittere Pille, die er tagtäglich schlucken muß, mit der Spruchweisheit versüßt Arbeit macht das Leben süß".

Im Grunde ihres Herzens glauben aber doch nur recht wenige, welche bis in ihre höchsten Lebenstage von einem leidenschaftlichen Thätigkeitstriebe beseelt sind, an die wohl- thätige Wirkung der Arbeit. Das Ziel eines jeden ist es, sobald wie möglich, sich, so viel zu erübrigen, daß er sich' zur Ruhe setzen kann, um dann im Besitze eines kleinen Anwesens gerade nur noch so viel leichte Arbeit zu ver­richten, als er bedarf, um nicht der grauenhaftesten Lang­weile anheimzufallen. Wer dies Ziel nicht erreicht, sondern in steter Frohnde schaffen muh, bis die Spannkraft des' Geistes und Körpers erlahmt, und er selbst der Alters­oder Armenversorgung zur Last fällt, zählt sich zu den Enterbten dieser Welt, und sieht in der Arbeit einen schwer auf ihm lastenden Fluch, dessentwegen er mit den Schick­salsmächten hadert.

Wenn die Arbeit unter allen Umständen ein Uebel wäre, dann wäre der idealste Zustand eigentlich das Leben eines von der Zivilisation noch unberührten Negers, dem eine üppige Vegetation mühelos das zum Leben Notwendige in den Schoß wirft. Im Ernste würde sich aber wohl keiner von uns eine derartige Rückkehr an den Busen der Natur, wie sie seinerzeit vom Weisen von Ferney gepredigt worden ist, wünschen; denn bei gänzlichem Nichtsthun verkommt der Mensch, an Körper, wie an Geist und Cha­rakter, und von der bevorzugten Minderheit, welche nie einen Finger zu rühren braucht, um zu erwerben, geht derjenige Teil sicher unter oder gerät auf allerhand nichts­nutzige Tollheiten, der es nicht versteht, seinem Leben durch irgend eine Thätigkcit einen Inhalt zu geben.

Tie Arbeit wird nur dann zum Fluche, wenn sie

über unsere Kraft" geht. Während der, welcher seinen Kräften angemessen arbeitet, einem Kapitalisten gleicht, der nur die Zinsen seines Kapitals verbraucht oder das letztere durch, weise Ersparnis vielleicht sogar noch ver­mehrt, zehrt der Ueberarbeitete von seinem Kapital an Lebenskraft, und steht, ehe die Uhr seines Lebens abge­laufen ist, eines Tages vor der Erwerbsunfähigkeit. Dies gilt nicht nur von dem Arbeiter, der in der Fabrik vor der Maschine steht, im Walde den Baum fällt, oder mit dem Pfluge die Furchen über den Acker zieht, sondern auch für den Geistesarbeiter. Der fleißige Student, der durch eine falsche Berufswahl in ein Studium gedrängt wurde, welches ihm Aufgaben stellt, denen seine geistige Fassungs­kraft nicht gewachsen ist, der Beamte in verantwortlicher Stellung, den Ehrgeiz und Gewissenhaftigkeit zu viel höheren Leistungen treiben, als billigerweise von ihm er­wartet werden, der Kaufmann oder Geschäftstreibende, der bis in die späte Nacht hinein doppelte Arbeit leistet, um eine Hilfskraft zu sparen, oder schneller wohlhabend zu werden, der Schriftsteller, der sein Hirn zermartert, und sich die Finger wund schreibt, um sein kärgliches Einkommen zu erhöhen sie alle muten ihren Kräften zu viel zu, und laufen Gefahr, daß eines Tages bei ihnen die Neu­rasthenie zum Durchbruch kommt, und sie zu vielwöchiger Unthätigkeit verdammt.

Allerdings führt jede Arbeit, auch wenn sie sich in maßvollen Grenzen hält, zur Ermüdung; denn Mensch und Tier sind, wenn sie auch die vollendetsten Kraft­maschinen sind, doch nicht in dem Sinne Maschinen, daß sie bei genügender Zufuhr von Kraft ununterbrochen arbeiten können, bis irgend ein Teil mangelhaft wird, der dann nur gegen einen neuen umgewechselt zu wer­den brauchte. Sie' gleichen einer Maschine nur insofern, als sie statt Kohle der Nahrungszufuhr bedürfen, und die in derselben enthaltene Kraft der Muskelsubstanz, und der Blutflüssigkeit einverleiben. In dem Maße, wie Arbeit geleistet wird, findet ein Verbrauch! dieser Kraft und ein Eiweißverlust in den Zellen statt, der in kurzen Zeit­räumen immer neu ergänzt werden muß; der Muskel- und Nervenapparat braucht aber auch außerdem Ruhe, um sich zu erholqn, und die Zersetzungsprodukte zu ent­fernen, welche sich bei längerer Arbeit in ihm aufgehänft haben. Diese Zersetzungsprodukte, welche man als Er­müdungsstoffe bezeichnet, sind Nervengifte. Sie wirken auf die Zellen und Fasern des Nervensystems lähmend ein, wenn das Wachsein allzulange währt, oder die Arbeit ohne Erholung fortgesetzt wird. Die körperlichen Verricht­ungen und die Denkprozesse vollziehen, sich mit immer größerer Langsamkeit; in den Vorstellungsreihen treten Lücken ein, die einen immer breiteren Raum einnehmen; das Bewußtsein ist zeitweise unterbrochen, und endlich dämmert der Mensch in jenen Zustand hinüber, den wir Schlaf nennen. Während der Dauer desselben erfolgt eine Erstarkung des ganzen Körpers. Der niemals stockende Blutstrom wäscht die erzeugten Ermüdungsstvffe aus den Muskeln und Nerven aus; die Zellen der beiden genannten Gewebe sammeln ans dem Blut und Lymphsafte, die zu ihrer Wiederherstellung nötigen Stoffe, und nach einer Reihe von Stunden erwacht man mit dem Gefühl, ausgeruht und zu neuer Arbeit fähig zu sein.

Ueberall, wo Arbeit und Erholung nicht im richtigen Verhältnis stehen, vollzieht sich der Prozeß der Er­quickung nur in ungenügender Weise. Während den Faul­lenzer schließlich der Schlaf flieht, weil es in seinem Körper nie zu einer wirklichen Ermüdung kommt, zwingt der Ueberanstrengte seinem Organismus ttud), dann noch Arbeit ab, wenn jener bereits schlafbedürftig ist; die Willenskraft treibt die Muskulatur oder den Denkapparat zu weiteren Kraftleistungen an, und fordert obendrein auch! nach verkürzter Rast neue Arbeit. Die Summe der Er­müdungsstoffe wird also vermehrt; die Zeit zu ihrer Aus­scheidung und Ersatz verkürzt, und nebenher läuft obendrein häufig eine gleichfalls auf der Ermüdung beruhende Ver­richtungsuntüchtigkeit des Magens, der nicht mehr den Appetit und die Verdauungskraft entwickelt, wie sie bei dem gesteigerten Kraftverbrauch, sehr notwendig wäre.

Wer in der vorbeschriebenen Weise nut seinem Körper wirtschaftet, betreibt ein Geschäft, welches zweifellos mit