Ausgabe 
14.5.1901
 
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Fräulein Hanna, es darauf ankommen zu lassen um der armen Erika willen."

Natürlich um ihretwillen. Sie würden es also gern sehen, wenn ich sie ohne weiteres aufsuchte, vielleicht schon morgen?"

O, wenn Sie das thun wollten! Bis an mein Lebens­ende würde ich ' es Ihnen danken."

Nun, nun", wehrte sie lächelnd ab.Soviel Tank ist es doch wohl nicht wert. Aber ich verlasse mich darauf, daß Sie mir einen freundlichen Empfang erwirken. Denn Sie begreifen, wie peinlich eine kühle Aufnahme für mich sein müßte."

Sie werden keine Ursache haben, sich enttäuscht oder verletzt zu fühlen seien Sie dessen gewiß, Fräulein Hanna!"

Und werde ich bei der Gelegenheit auch etwas von Ihren künstlerischen Arbeiten zu Gesicht bekommen, Herr Boysen?"

Wenn Sie sich von Fräulein Erika oder von einem der Dienstboten in das Atelier führen lassen wollten gewiß! Aber Sie dürfen Ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen. Ich sürchte mich sogar ein wenig vor Ihrer Kritik."

Sie fürchten sich o, das ist doch wohl kaum Ihr Ernst." , c ,

Mein voller Ernst. Denn ich weiß sehr wohl, daß meine Kunst nicht von der einschmeichelnden Art ist, die den Beschauer unmittelbar gewinnt, indem sie seine Sinne besticht. Klemens Herbold hat mich gelehrt, daß es noch ein höheres Schönheitsideal giebt als das der weichen Linien und der berückenden Formen. Aber es hat wohl keinen Zweck, darüber zu reden, ehe Sie meine Arbeiten gesehen haben."

Sie haben mich natürlich nur um so neugieriger gemacht. Morgen vormittag also! Darf ich Ihnen jetzt noch eine Tasse Thee bereiten?"

Aber er lehnte ab, weil es ihn zu seinem kranken väterlichen Freunde zurücktrieb. Als ihm Hanna die Hand zum Abschied reichte, sprach er ihr noch einmal in schlichten, aber ersichtlich aus dem innersten Herzen kommenden Worten seinen Dank sür ihre Zusage aus.

Sie werden ein gutes Werk thun, und Sie werden Ihren hochherzigen Entschluß nicht bereuen, nachdem Sie Erika Herbold gesehen haben."

Als die Geschwister wieder allein waren, sagte der Rechtsanwalt:

Tu bist fürwahr ein seltsames Mädchen, Hanna! Man weiß niemals, wie man mit Dir daran ist, nnd in der kurzen Zeit unseres Zusammenlebens hat mir fast jeder Tag eine neue Ueberraschung gebracht. Daß Du ,jemals ein Verlangen fühlen könntest, gerade dem Fräulein Her­bold freundschaftlich beizustehen, hätte ich wahrhaftig nicht für möglich gehalten."

Und warum nicht ihr so gut als irgend einer anderen? Vielleicht thue ich es auch gar nicht ihretwegen."

Wenn Tu es aber um Harros willen thust, hast Du dann .auch bedacht, Hanna, was aller Voraussicht nach daraus entstehen wird?"

Sie schüttelte den Kopf und ihre Augen richteten sich in unbefangener Frage auf sein Gesicht.

Mein Gott er ist doch nicht von Stein. Und es kann Dir unmöglich entgangen sein, daß er nun, daß Du ihm schon jetzt nicht mehr gleichgiltig bist. Wenn es also nicht gerade Deine Absicht ist, einen Roman mit ihm an­zuspinnen, so"

Nun? Möchtest Du nicht vollenden?"

So stelle Dich nicht zwischen ihn und Erika! Denn darauf kämss es doch schließlich hinaus. Er ist ja schon jetzt auf dem besten Wege, sich in Dich zu verlieben."

Und Tu würdest das, wie es scheint, für ein großes Unglück halten?"

Nicht, wenn Tu seine Neigung erwidertest und es ehrlich, mit ihm meintest. Aber nach Deinen neulich ab­gelegten Bekenntnissen ist daran ja nicht zu denken."

Weshalb nicht! Ich habe doch, soviel ich mitf). erinnere, das Heiraten keineswegs verschworen."

Und Deine hochfliegendcn Träume von Reichtum und Macht? Als Harro Boysens Gattin würdest Du auf ihre

Verwirklichung wahrscheinlich verzichten müssen. Denn seine Vorstellungen von irdischer Glückseligkeit sind so weit ich ihn kenne von wesentlich anderer Art."

Es würde also nur darauf ankommen, ihn zu den meinigen zu bekehren", erwiderte sie gelassen.Aber das alles ist doch nur müßiges Gerede. Und ich denke, wir thun besser, zu arbeiten, als hier über so weit entfernte Möglichkeiten zu disputieren."

Sie kehrte in ihr Zimmer zurück, nnd noch lange nach Mitternacht brannte die Lampe auf dem Schreibtische, an dem sie sich mit Dietrich von Restorps nachgelassenen Pa­pieren beschäftigte.

Sechstes Kapitel.

Als Hanna am nächsten Vormittag in Klemens Her- bolds Hause erschien, konnte sie sich sogleich überzeugen, daß Harro Boysen ihren Besuch angemeldet habe; denn so­bald "sie ihren Namen genannt hatte, wurde sie von dem freundlichen Dienstmädchen in ein Zimmer geführt, das ohne allen Zweifel das Stübchen Erikas war.

Das Fräulein ist drinnen beim Herrn Professor; aber ich sollte sie sofort von Ihrem Kommen benachrichtigen, und sie wird gewiß gleich erscheinen."

Damit ließ sie die Besucherin allein, und Hannas klare Augen musterten aufmerksam ihre Umgebung. Es konnten nur günstige Schlüsse sein, die sie aus der Be­schaffenheit dieses Gemaches aus seine Bewohnerin zog; denn ein fein ausgebildetes Schönheitsgefühl und ein zart­sinniger vornehmer Geschmack ofsenbarten sich überall in der Wahl wie in der Anordnung der Einrichtungsstücke. Nirgends ein aufdringlicher Luxus, und nirgends eine Anhäufung jener glänzenden oder bizarren Nichtigkeiten, mit denen junge Mädchen sonst wohl ihr Boudoir auszu­schmücken lieben. Hanna hatte Verständnis genug, nm zu erkennen, daß sich eine ganze Anzahl sehr kostbare Gegenstände im Zimmer befand. Aber sie waren so har­monisch dem ganzen eingefügt, daß ihre Kostbarkeit sich nicht prahlerisch geltend machte, sondern nur dem Kenner zum Bewußtsein kommen konnte.

Eine sehr kurze Zeit nur hatte sie wartend zugebracht, als Erika Herbold in der Thür erschien. Sie war größer als Hanna, und ihre dunkle Kleidung, ihr glatt gescheiteltes Haar wie der sür ihre Jugend fast befremdliche Ernst im Ausdruck ihres Antlitzes gaben ihrer Erscheinung auf den ersten Blick etwas Strenges und Kaltes, das eher ab­stoßen als gewinnen mußte.

Ohne jede Befangenheit trat sie auf die Besucherin zu und reichte ihr die Hand.

Guten Morgen, Fräulein Sylvander! Ich war durch Herrn Boysen auf Ihr Kommen vorbereitet, und ich danke Ihnen von Herzen sür die freundliche Absicht, die Sie dazu bestimmte."

Ihre Stimme war ein schöner dunkler Alt. Und von großer Schönheit waren auch die braunen, wie mit kleinen glänzenden Goldtupfen durchsetzten Augen, die Hanna mit festem, ruhigen Blick auf sich gerichtet sah. Sie hatte sich nach Harros Andeutungen eine wesentlich andere Vorstell­ung von Klemens Herbolds Tochter gemacht, und sie er­kannte sofort, daß es sehr thöricht sein würde, diesem Mädchen ihre Freundschaft wie ein großmütiges Gnaden­geschenk anzubieten. Nicht mit jener etwas herablassenden Güte und Herzlichkeit, die sie gegen die schüchterne Braut ihres Bruders an den Tag gelegt hatte, sondern in einem sehr schlicht und natürlich klingenden Gesprächstone er­widerte sie:

Ich habe keinen Anspruch aus Dank, Fräulein Herbold; denn meine Beweggründe ivaren ziemlich selbst­süchtiger Natur. Da ich hier völlig fremd bin und weder die Möglichkeit noch den Wunsch habe, mich in den Strudel eines abwechslungsreichen geselligen Lebens zu stürzen, würde ich den engeren Anschluß an ein halbwegs gleich­geartetes Wesen als eine große Annehmlichkeit empfinden. Tas ist die ganze Erklärung für meinen Besuch, und ich bin schon zufrieden, wenn Sie ihn nicht für eine Zudring­lichkeit nehmen." . ,

Sie hatte sich aus Erikas stumme Einladung wieder niedergelassen, und die Tochter des Professors setzte sich ihr gegenüber. Ihre unverändert ernsten Züge ließen nutzt erraten, ob sie Hannas Worte für ganz aufrichtig hcelt. Aber es mußte doch wohl der Fall sein, da sie erwiderte: