Ausgabe 
14.4.1901
 
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öffne«, wenn man sich entschließe, sofort en das Werk M gehen.

Das zog.

An einem herrlichen Herbsttage sand die Grundstein- legnng statt. Polentz, als der großmütige Schenker des Platzes, that die drei Hammerschläge, daß es weithin schallte, dann hielt er eine Rede, die den Pfarrer be­schämte, und alle Anwesenden zu Thränen rührte.

Johannes, der neben ihm stand, schluchzte wie ein Kind. Er gedachte unwillkürlich der kleinen Pfarrkirche zu Hause, an deren Wand die Bauern vom Wald ruhten unter rotem Sandsteine.

Und ringsum war das Arbeitsfeld dieses Wunder­mannes. Im Glanze der Oktobersomie lag ein ganzes Stadtviertel da, das er gebaut hatte. Neue Verehrung ergriff Johannes für diesen Mann, ja er kam sich dagegen ganz erbrämlich vor.

Der Minister hatte sich für die Grundsteinlegung entschuldigen lassen; aber für den Abend hatte er zu­gesagt. Das war ein großer Tag. Das ganze Stadt­viertel sprach davon.

(Fortsetzung folgt.)

Rach zeh« Jahren.

Novellette von C. Gerhard.

(Nachdruck verboten.)

Melitta, Du mußt es ja längst wissen, daß ich Dich liebe, sei mein, werde mein Weib!"

Tie Stimme des Sprechenden bebte vor Erregung, seine. Augen hefteten sich voll leidenschaftlichen Flehens auf das noch halb kindliche aber wunderschöne Antlitz des Mädchens, das vor ihm im Erker lehnte. Die Wendsonne umwob ihr goldbraunes Gelock mit einem Glorienschein, erschreckt blickte sie zu ihm empor.

Ach Eberhard, warum ließest Du es nicht bei unserer Freundschaft?"

Weil aus dem ehemaligen Empfinden ein anderes in mir erwachsen ist, die tiefe Liebe", flüsterte er.Melitta, als Kinder schon spielten wir Mann und Frau und waren froh dabei, laß aus dem süßen Spiel beglückende Wirk­lichkeit werden! Tu schweigst, Du liebst mich nicht?"

In ihren Zügen matte sich ein Kampf, und doch er­widerte sie fest:Ich bin Dir gut, wie einem Bruder! O, daß ich Dir wehe thun muß. Doch in meinem Innern lebt ein Wunsch, ein Hoffen nur, meiner Kunst zu dienen!"

Ter eitle Glanz der Bühne, die Huldigungen der Menge locken Dich, erscheinen Dir begehrenswerter, als das be­scheidene Los an der Seite des Gymnasiallehrers!" rief er bitter.

Sie hob mit stolzer Gebärde den schönen Kopf.Glaubst Tu dies, so kennst Du mich nicht und kannst, mich nicht lieben. Tas Verlangen, die edlen Gestalten unserer Kom­ponisten zu verkörpern kraft des mir geschenkten Talentes, ist nicht der Eitelkeit entsprungen. Ich muß. singen"

Singe für mich in unserem lauschigen Heim!"

Da sie stumm blieb, sagte er schmerzlich:So leb' wohl, und mögest Du nie bereuen, ein treues Herz von Dir ge­stoßen zu haben!"

Sie achtete es kaum, daß er das Zimmer verließ.

Brausender Jubel durchhallte das Opernhaus und immer von neuem mußten sie an die Rampe treten Elsa und Loheugrin, Ortrud und Telramund, aber der be­geistertste Beifallsruf galt nicht den fremden Tenoristen, galt der gefeierten und beliebten Primadonna, der Dar­stellerin der Elsa. Und mit strahlendem Lächeln verneigte sich Melitta Waldeck, sie hatte ihr Ziel erreicht, nach sechs­jähriger Bühnenlaufbahn war sie eine der gefeiertsten deutschen Bühnensängerinnen, die Kunst füllte ihr Leben ans, machte sie glücklich;

Zu den letzten, die das Opernhaus verließen, gehörten einige Offiziere.Famoses Weib!" bemerkte ein Unterleut­nant.Aussehen, Stimme, Spiel, Vortrag, alles ist vollendet an ihr."Dabei ist der Ruf der Waldeck tadellos", fügte ein anderer hinzu,sie ist in den besten Kreisen persona gratissima!"Aber gegen die Männer kalt wie Eis!" seufzte der erste.Sie müssen es ja mässen, Hoheneck", lachten die andern,haben ihr ja offen gehuldigt!"

9htn, das ist doch keine Schande!" verteidigte sich der kleine Offizier,auch andere warben vergeblich um sie, der Legationssekretär von Düren, der Bankier Lanken, ja, man spricht noch von einer hochgestellten Persönlichkeit!"

Allen soll sie mit größter Liebenswürdigkeit scherzend erklären, sie sei mit ihrem Beruf vermählt und sehne sich nach keinem anderen Lebensgefährten."

Bis der Rechte kommt! Warten wir's ab!"

Dabei landeten sie in einem vornehmen Restaurant und wechselten das Gespräch.

Vier Jahre sind vergangen. Die Wellen des Mittel­meeres rauschen und raunen. Ihr Gemurmel dringt durch das geöffnete Fenster in ein lauschiges Gemach. Ruhelos wie sie schreitet eine königliche Frauengestalt im schwarzen Sammetkleide auf und nieder. Braungoldenes Haar schmückt den edel geschnittenen Kops, auf dem schönen Antlitz liegt hoffnungslose Trauer.

Zögernd läßt sich Melitta Waldeck an dem offenen Flügel nieder, ein tiefer Atemzug hebt ihre Brust, sie beginnt zu "fingen. Aber statt melodischer Klangfülle entringen sich ihrer Kehle nur heisere, gebrochene Töne. Mit einer jähen Dissonanz bricht sie ab und birgt das Gesicht in den Händen! Sie kann es! noch immer nicht fassen, daß ihre zStimme, ihre Wunderstimme tot ist, daß sie ihr Lebens­glück verloren!

Ein Jahr ist's her, da sang sie während eines Gast­spiels in Dresden die Isolde. Glühend vor Erregung hatte sie sich in später Stunde im Hotelzimmer zur Ruhe be­geben, in ihrer tiefen Erschöpfung es nicht merkend, daß das ungenügend geschlossene Fenster sich gelöst, daß der eisige Wind über "sie hinfuhr. Am andern Morgen war sie heiser, doch dachte sie nur an einen vorübergehenden Katarrh. Das Sprachorgan stellte sich wieder ein, die köst­liche Singstimme nicht. Melitta konsultierte einen Arzt und noch einen der Residenz, die ganze musikalische Welt nahm Anteil an ihrem Leiden, ihrer Verzweiflung; sie unterwarf sich lästigen Kuren, sie reifte von Bad zu Bad, vergebens, vergebens! Zuletzt hatte man sie nach dem Süden geschickt. Die milde Luft Nizzas werde sie genesen lassen. Auch dies war vergebens, die erstorbene Stimme weckt nichts mehr zu neuem Leben! Heimlich hatte Melitta noch immer Hoff­nung gehegt, jetzt ist diese zerstoben. Nie mehr wird sie ihre Seele hinströmen lassen im Gesang, nie mehr wird sie tausend und abertausend Hörer entzücken, sie über die Mltagssorgen erheben!

Wie leer, wie nutzlos' ist nun ihr Leben, dem nur die Kunst Inhalt gab!

Aufstöhnend gleitet Melitta in einen Sessel, da fällt ihr Blick auf ein Buch und ein hellerer Schein fliegt Über ihr Antlitz. Dieses W^rk, das ihr der Buchhändler geschickt, hat ihr schon in mancher schweren Stunde, da der Gram sie zu überivältigen drohte, Trost gebracht, sie über sich selbst erhoben. In die fesselnde Form eines Romans sind tiefgründige Betrachtungen über Welt und Leben gestreut, die sie seltsam bekannt anmuten, doch sie weiß nicht, wer der Autor ist, der sich unter dem Pseudonym Germachos verbirgt. Auch heute übt diese klare, kraftvolle Sprache wieder ihren Zauber auf sie aus, und sie vergißt für eine kurze Stunde ihr Leid.---

Es ist wenige Tage später. Goldener Abendsonnenschein ruht über den tiefblauen Meereswellen, die Melitta zum Bade locken. Der größte Teil der Kurgesellschaft ist bei einer Partie beteiligt, der Strand ist verlassen, nur ein kleiner Knabe spielt neben seiner Wärterin. Plötzlich ver­nimmt Melitta einen gellenden Schrei. Das Kind ist, um Muscheln zu suchen, ins seichte Wasser getreten, die Ström­ung hat es ergriffen und treibt es fort. Melitta sieht sein weißes Kleidchen wehen. In mächtigen Stößen schwimmt sie hin und reißt es an ihre Brust. Sie küßt die goldenen Locken, das schneebleiche Antlitz, und stößt einen Jubellant aus, als der Knabe wieder zu sich kommt und sie aus tiefblauen Augen erstaunt ansiehi. Auf ihren Armen trägt sie ihn zu der fassungslosen Wärterin. Ein unendliches Glücksgefühl durchströmt sie und läßt sie in der Nacht kaum schlafen, sie hat ein Kind gerettet, nicht nutzlos war der Tag! Am frühen Morgen schon kommt Herbert, sich zu bedanken; höchst ungeniert klettert er auf den Schoß ber