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vsn dem am Ruder stehenden Matrosen gehört zu werden wünschte.
„Schlafen die Leute in Hängematten oder in Kojen?" fragte ich. Ich wußte kaum, ivie ich das Gespräch fortsetzen sollte, und stellte die Frage nur, um irgend etwas zu sagen. Dabei sah ich aber an dem eigentümlichen Blick, den er mir zuwarf, daß er irgend eine direkte Absicht bei meinen Fragen vermutete.
„Nun, da ist beides zu finden", sagte er. „Sind Sie noch niemals in einem Volkslogis auf einem Schiffe gewesen?"
„Niemals."
„Na, ich wünschte bloß, daß ich das auch sagen könnte", rief er, indem er ein kurzes, rauhes Gelächter ausstieß und sich wieder nach dem Manne am Ruder umsah. „Meine Bekanntschaft mit den Ratten und Kakerlaken (Schwaben) dürfte dann Wohl nicht so ausgedehnt sein, und ■ ich hätte mir ein gutes Teil Mühe sparen können und nicht so viele Maden aus dem verschimmelten Brot herauszuklauben brauchen, aus einer Sorte von Brot, das die Schweine nur beschnuppern und gerne den Matrosen überlassen würden."
„Sicherlich ist es doch hier nicht so?" sagte ich.
„Nein, nein; der Proviant ist gnt genug. Dagegen kann hier nichts gesagt werden. Sie fragten mich ja nachdem Volkslogis auf den Schiffen im allgemeinen, Madame. Und darauf antwortete ich Ihnen eben."
Ich dachte bei mir, wenn ich in der Unterhaltung mit diesem Manne fortführe, könnte er leicht irgend etwas sagen, worüber sich Richard ärgern würde, namentlich, wenn er hörte, daß ich das Gespräch angeregt habe. Ebensowenig mochte ich es aber anch so plötzlich abbrechen, und so sagte ich:
„Ich weiß, daß die Matrosen auf manchen Schiffen schlecht verpflegt und behandelt werden. Aber in einem guten, neuen Schiffe, das von einem wohlwollenden, tüchtigen Führer befehligt wird und mit so guten Lebensmitteln versehen ist, wie man überhaupt auf See findet, da kann es ihnen doch nicht so schlecht gehen."
„Na, das kann es wohl nicht", antwortete er, indem er sich wieder von mir abwandte, „das heißt, wenn Sie meinen, daß weiter nichts nötig ist, damit die Matrosen sich glücklich und behaglich fühlen. Da ich indessen nicht im Volkslogis wohne, kann ich Ihnen auch nicht sagen, was sie dort reden und treiben. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen — denn sehen Sie, das gehört nicht zu meinem Amt, daß ich mich um Sachen bekümmere, die mich nichts angehen. Und darin stimme ich mit Ihnen überein, Madame, daß unsere Leute mit dem Proviant und dem Schiff und dem wohlwollenden und wichtigen Kapitän, der uns alle kommandiert, zufrieden sein können."
Jetzt war ich entschlossen, das Gespräch nicht weiter fortzusetzen. Ich verließ ihn und nahm meinen Spaziergang wieder auf.
Short war ein Mann, der nicht ganz so schwer zu behandeln zu sein schien, wie Herr Heron. Unter den meisten Schiffsmannschaften gießt es irgend einen alten, fortwährend nörgelnden und fluchenden Seemann, der jeden ihm erteilten Befehl bekrittelt und die geringste Arbeit, die ihm von den Vorgesetzten aufgetragen wird, als persönliche Bosheit betrachtet. Ein solcher Mann war ohne Zweifel auch Short. Obgleich er sich jetzt in einer ähnlichen Stellung befand, wie die Leute, die er gehaßt haben würde, wenn er Matrose hier an Bord gewesen wäre, so änderte das doch nichts an der Sache. Auch wenn er als wachhabender Offizier das Kommando der Bark übernahm, geschah es mit denselben aufrührerischen Gedanken, die er gehabt hätte, wenn er Matrose gewesen wäre. Ich durchschaute ihn, wie ja die meisten Frauen mit offenen Augen und ohne Vorurteile int stände sind, die Männer zu durchschauen. Und doch sah ich. noch nicht weit genug. Die meisten Meutereien werden durch derartige Hetzereien unter den Matrosen erregt und kommen nur dadurch zum Ausbruch, daß das Benehmen der Meuterer bis zum festgesetzten Augenblick durchaus keine Veranlassung zum Argwohn gießt.
Ich 'vermutete, daß es beinahe Mittagszeit sein müßte. Die Leute verließen ihre Arbeit und gingen in das Volkslogis zum Essen, und mein Mann und Heron erschienen, jeder mit seinem Sextanten in der Hand, an Deck.
„Nun, Jeß", fragte Richard, an mich herantretend, „wie ist es Dir ergangen?"
„Ausgezeichnet", antwortete ich, „aus Mangel an frischer Luft werde ich wohl nicht umkommen."
„Bist Du seit dem Frühstück an Deck gewesen?"
„Ja, ich habe Ausguck gehalten, während Du schliefest."
„Ist es Dir auch nicht zu kalt, Schatz Du mußt die Sache nicht übertreiben, Jeß. Vielleicht war aber die Gesellschaft nach Deinem Geschmack." Dabei blickte er zu Short hinüber. „Du hast doch Wohl nicht mit. jenem alten Knaben geliebäugelt, während ich schlummerte?"
„Sieht er aus, wie ein Mann, der einer Dame Artigkeiten sagen kann?" rief ich lachend. „Er ist ein Menschenfresser, Richard, und würde sich für die Weihnachts-Pantomimen im Tynetheater eignen. Diese beiden Steuerleute und der saure Herr John Orange müssen von irgend einem bösen Geiste eigens für die „Aurora" ausgesucht sein."
„Hat er Dich etwa beleidigt?" fragte Richard schnell, während ein harter, finsterer Ausdruck über seine Züge flog.
„Nein, nein", beeilte ich mich zu entgegnen. „Ich rede nur ganz im allgemeinen von seinem Benehmen."
„Na, Jeß, kümmere Dich nicht nm ihn. Short ist kein Mann, der es — selbst Dir gegenüber — jemals fertig bringen könnte, höflich zu fein. Er und Heron sind ein paar Seehunde,- von denen der eine nur vou etwas unreineren Rasse ist als der andere, so eine Art Bastard. Ich denke mein möglichstes zu thun, daß sie mich satt bekommen, ehe wir noch in Sierra Leone eintreffen, und dann werden wir hoffentlich unsere Kajüte und unser Quarterdeck mit etwas angenehmerer Gesellschaft ausstatten können."
Damit schritt er hinüber auf die andere Seite, wo Heron stand, und beobachtete die Sonne durch seinen Sextanten.
Inzwischen bemerkte ich, daß vorne in der Luke des Volkslogis ein Matrose stand, ein dunkelbärtiger, blasser Manu, "nur mit dem Kopf daraus hervorragend. Ich nahm an, daß der Mann auf das Mittagessen wartete; aber auch, als die Leichtmatrosen die Mahlzeit bereits hinuntergetragen hatten, sah ich ihn noch immer dort stehen und uns fortwährend beobachten.
Herr Short hatte das Quarterdeck verlassen und spazierte hin und her an der Kombüse. Er näherte sich dabei zuweilen jenem Matrosen. Ob er mit ihm sprach, konnte ich nicht bemerken.
„Acht Glasen!" rief mein Mann, als die Sonne die Meridianhöhe erreicht hatte.
Der Zimmermann ging an die Glocke und schlug sie achtmal an. Es schien mehr die Folge eines verabredeten Zeichens als der Schiffsordnung zu sein, als mit dem letzten Glockenschlage der Mann, der bis dahin in der Luke gestanden hatte, an Deck trat. Ihm folgte die ganze Mannschaft, einer nach dem andern, wie bei dem Kommando: „Alle Mann an Deck."
Richard sprach gerade mit mir. Er schaute überrascht auf die ungewöhnliche Bewegung vorne, als er zufällig den Blick dorthin richtete.
„Nun, was soll das bedeuten?" murmelte er vor sich hin. Er trat an das Oberlicht, legte seinen Sextanten nieder und blickte einige Augenblicke sehr scharf zu 'Herrn Heron hinüber, der sehr angelegentlich mit dem Ablesen seines Sextanten beschäftigt zu sein und die plötzliche Versammlung der Mannschaft gar nicht bemerkt zu haben schien.
Der Zimmermann trat, nachdem er die Glocke angeschlagen hatte, in seine Kammer und blieb unsichtbar. Es schien ziemlich klar, daß er die Mannschaft sich zu irgend einem andern Zweck versammelt hatte, als um frische Luft zu schöpfen oder sich das Wetter anzusehen. Die Leute ließen uns jedoch noch eine Weile in Ungewißheit. Sie standen und sprachen miteinander und schauten mit einer gewissen Entschlossenheit zu uns herüber.
„Weshalb sind alle Mann an Deck? Was wollen die Leute, Herr Heron?" fragte Richard.
„Ich habe keine Ahnung, Herr", antwortete der Steuermann.
„Wahrscheinlich wohl doch", dachte ich bei mir selber.
„Was meintest Du denn heute morgen damit, daß die Leute uns noch viel zu schaffen machen würden?"
Richard wartete eine zeitlang. Tann drehte er sich kurz um, offenbar in der Absicht, seinen Sextanten aufzu-


