Ausgabe 
14.2.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Seekönigin.

Geeroman von Clark Rüssel.

(Fortsetzung.)

Siebzehntes Kapitel. Meuterei.

Ich begab mich an Deck und atmete die reine, frische Luft trotz der Kälte mit Vergnügen ein. Es war nichts in Sicht; ringsumher nichts als blitzender, silberner Sonnen­schein und dunkelblaues Wasser. Trotz des schönen Wetters aber konnte ich meiner Befürchtungen doch nicht Herr wer­den. Ein förmlicher Truck lastete auf meiner Seele, den ich mit dem Gefühle eines eben aus dem Schlafe erwachen­den Menschen vergleichen möchte, der weiß, daß ihn irgend eine Sorge oder ein Kummer drückt und sich doch nicht darauf besinnen kann, bis er wieder völlig wach ist.

Wenn man sich in solche Stimmung verrannt hat, wird durch einen schönen, heiteren Tag die Niedergeschlagenheit womöglich noch vergrößert.

Herr Short als dienstthuender Offizier wurde er Herr" genannt befand sich an Deck und ging breitbeinig zu Xmrtmrb auf und ab, indem er fortwährend an einem großen Priem kaute. Um den Tabakssaft auszuspritzen, ging er von Zeit zu Zeit hinüber an die Leereeling. Die Mann- fmaft war verschiedentlich an Deck oder in der Takelage beschäftigt und schien sehr ruhig zu arbeiten. Als ich sie betrachtete, dachte ich an das Volkslogis vorne unter der -Barct und zerbrach mir den Kops darüber, wie es dort Wohl aussehen möge, auf welche Art die Leute ihre Zeit darin hinbrächten und so weiter.

Es wurde mir jedoch langweilig, immer allein herum- zuwandern, und da ich aus Furcht, ich! könnte Richard ni dem ihm so notwendigen Schlummer stören, nicht hmnntergehen wollte, wendete ich mich Herrn Short zu, mit dem ich bis dahin noch nicht gesprochen hatte. Ich hoffte, daß seine Rauheit eben nur äußerlich sein würde, und daß er mir irgend etwas über das Leben im Volks­logis erzählen oder sich mit mir in jener Seemannsweise

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as verkürzt mir die Zeit? Thätigkeit!

Was macht sie unerträglich lang? Müssiggang!

Was bringt in Schulden? Harren und Dulden!

Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen!

Was bringt zu Ehren? Sich wehren!

Goethe, Fünf Dinar.

unterhalten würde, in welcher einer der Hauptvorzüge des Charakters eines echten Seefahrers liegt.

Ich habe früher schpn erzählt, daß die Gestalt dieses Beaunes nur wie die eines verstümmelten Riesen vorkan: Dreser Gedanke wurde durch die Länge seiner Arme hervor- gernfen. Seine Hände reichten fast bis zu den Knien herab. Es waren kolossale, knochige, braune Hände, die beim Gehen Ichtaff herunterhingen, ohne zu schlenkern. Die Finger waren gekrümmt, als ob sie ein Tau umspannten, und die Handflächen hatten durch Teer und harte Arbeit ein Aus­sehen erhalten, als ob sie mit Walnußsaft gefärbt wären. Ermge Pockennarben auf seinem Gesicht vervollständigten noch die seltsam rauhe Erscheinung.

Bei dem Leben an Bord eines Schiffes gewöhnt man sich leicht und schnell an die merkwürdigsten Erscheinungen, und so machte auch Herr Short jetzt bei weitem nicht den Eindruck auf mich wie zuerst, wo mir seine Erscheinung besser für eine Schaubude auf einem Jahrmarkt, als für das Quarterdeck eines Schiffes zu passen schien.

Er bemerkte, daß ich ihn anzureden beabsichtigte und machte einige Finten, mir zu entgehen, indem er that, als ob er in den Kompaß schaute oder nach der anderen Seite hinübergehen wollte. Schließlich, als er mich heran- fommen sah, blieb er an den Besanwanten stehen und schien ganz plötzlich in die Betrachtung des Großmars ver­sunken zu sein.

Es ist merkwürdig", sagte ich! in einem so freundlichen 2wn, wie er mir nur irgend möglich war,daß wir bereits seit acht ^agen auf See sind, ohne bis jetzt miteinander gesprochen zu haben. Was halten Sie von der Bark, Herr- Short? Entspricht sie Ihren Erwartungen?"

Er sah mich flüchtig an, offenbar in Verlegenheit darüber, mich eine Unterhaltung mit ihm anknüpfen zu sehen, ergriff mit der einen Hand eine Pardune und fing an, sich hin und her zu drehen und zu wenden, während er mit der anderen Hand seine Pelzmütze erst über die Nase und daun wieder zurückschpb. Bei dieser Gelegen­heit bemerkte i ch einen kolossal dicken Silberring an seinem Mittelfinger und ein rot und blau tätowiertes Armband auf seinem Handgelenk.

Ja, sie entspricht meinen Erwartungen, Madame", ant­wortete er.Sie ist trocken und sie ist schnell und kann auch zu Lnward aufkommen."

Ist das Volkslogis einigermaßen bequem?" fragte ich.

Gut genug für Matrosen; ich bin nicht oft darin", antwortete er, indem er sich abwandte.

Meinen Sie, daß es nicht behaglich ist?"

Ich meine, daß es gut genug für Matrosen ist, die ja doch nur zur See gehen, um wie die Hunde zu leben und nichts anderes erwarteten, als eine Hundehütte, um darin zu liegen." Dabei erhob er- seins Stimme, als ab er