Ausgabe 
13.8.1901
 
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Die Berufsarten der Tiere.

Von Herniann Grelling.

: ; :| (Nachdruck verboten.) I

Tie Tiere haben es doch recht gut". Diesen Aus- I spruch habe ich schon ost gehört.Sie haben keine Sorgen I und Krankheiten, brauchen nicht zu arbeiten, keinen Be- I ruf zu erlernen, nicht Soldat zu werden, nicht Knechte I und Diener zu sein, keine Steuern zu zahlen, und was g dergleichen unangenehme Folgen unseres modernen I Menschendaseins mehr sind." Nur gemach! Steuern zahlen I die Tiere freilich nicht, aber so leicht und bequem, wie I es nach diesem Ausspruch scheinen sollte, haben sie es I doch nicht. Jedes Tier hat für seinen eigenen Unterhalt I und seine Nachkommenschaft zu sorgen, und das ist bei I dem vortrefflichen Appetit, dessen sich die meisten Tiere I erfreuen, keine kleine Aufgabe. Die unermüdlichste Arbeit I ist. notwendig, um ihr zu genügen, und es folgt ihr I ebensowohl vor allem bei den größeren Säugetieren, oft I eine Zeit völliger Teilnahmlostgkett und Erschöpfung, wie I es beim Menschen der Fall ist. Der Kampf ums Dasein ist I in der Tierwelt nicht minder schwer, wie unter den I Menschen; denn wenn die Tiere auch keine Sorgen, Krank- I heiten, Steuern, Lasten usw. kennen, so hat doch auch auf I der anderen Seite jedes Tier nur seine eigene Thätigkeit, I es kann nur von der Hand in den Mund oder richtiger I von der Pfote in das Maul oder vom Maul in beit Magen I leben, kennt in den überwiegendsten Fällen keine Ar- I beitsteilung, ist auf den Platz angewiesen, den es eben I bewohnt, und ganz der Gnade und Ungnade der Natur I anheimgegeben. Zeiten der Not sind nichts Seltenes unter I den Tieren, in kalten Wintern gehen Tausende elend zu I Grunde.

Die Tiere arbeiten alf» so gut wie wir, und! was I noch! mehr sagen will, die meisten in ihrem besonderen I Berufe; denn sie haben ihre Berufe so gut wie wir, I nur sind diese nicht Gegenstand ihrer freien Wahl, son- I dern ihnen von der Natur kraft ihrer Geburt zugeteilt I worden. Der Sohn oder die Tochter denn darin sind I sie uns voraus, es giebt keine Emanzipativnsfrage, und das schöne Geschlecht übt ebensowohl seinen Beruf aus wie das stärkere! erbt einfach! den Berus der Eltern,- und vererbt ihn wieder auf die eigenen Sprößlinge weiter. Und zwar sind die Berufsarten der Tiere die mannigfal-. tigsten. Wir finden unter ihnen Jäger, Fischer, Weber, Spinner, Künstler, Baumeister, Totengräber, Schneider, Zimmerleute, Ackerbauer, Viehzüchter, ja sogar Soldaten, Sklaven und Räuber. Auch, üben sie ihren Berus aus demselben Grunde aus, wie. wir Menschen, sie leben von ihm, höchstens dient er noch in manchen Fällen zum I Zwecke der Sorge für die Nachkommenschaft, oder sie wen­den ihre Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit an, um sich! gegen Feinde und Verfolgung zu schützen.

Betrachten wir einige Berufe der Tiere! Das edle Waidwerk ist am meisten vertreten, eine große Zahl Tiere aller Klassen von den großen Säugetieren bis hinab zu den Insekten sind kühne und gewandte Jäger, die Jagd ist ihr natürlich!es Handwerk, und sie bieten nicht nüst Kraft und Geschicklichkeit, sondern auch! List ititb Klugheit auf, um sich in Besitz ihrer Opfer zu setzen. Wer kennt nicht das herrliche Gedicht vomLöwenritt"? Lauernd hockt der König der Tiere im dichten hohen Schilfrohr! der Lagune, mit Gebrüll stürzt er sich aus den Nacken der trinkenden Giraffe, und während sie ihn in rasen-« dem Laufe, Todesschweiß vergießend, durch die Wüste trägt, saugt er gierig ihr Blut, und klammert sich an ihr fest, bis sie leblos zu Boden stürzt, unb seine Speise wird. Auch der Trotze fehlt dem gewaltigen Nimrdd der Wüste nicht. Schakale, Hyänen unb Aasgeier begleiten ihn, um einen Teil der Beute für sich zu erhaschen. Gewaltige! Kämpfe werden unter den großen Raubtieren dabei aus- gefochten; denn die kräftigeren Opfertiere setzen sich zur Wehr, und lassen ihr Leben erst nach blutigem Streite. Manche Tiere, wie der Fuchs, verlassen sich! mehr ans ihre Intelligenz, als aus rohe Gewalt, und! andere wieded stellen, wie die Wölfe und wilden Hunde, förmliche Treib­jagden an. So wird von den Kolsnns, indischen Wind­

hunden, sowie den Hyänenhunden, berichtet, daß sie ihre Beute in größeren Meuten mit der größten Ausdauer verfolgen, und fiel) sogar in Gruppen teilen, um der­selben den Weg nach allen Seiten zu verlegen. Ihnen ent­geht selbst der schnellste Hirsch nicht, durch, ihre kluge Methode hetzen sie ihn müde, und treiben ihn einander, zu. Der Kuriosität halber sei hier ein Fisch erwähnt, der Schützenfisch, der seine Opfer regelrecht schießt, toenn er auch weder Gewehr, noch Pulver, und Blei besitzt. Steht der schlaue Bursche irgend ein ihm zusagendes ^nsekt auf einer Wasserpflanze sitzen, )"o schleicht er sich bis auf eine Entfernung von ungefähr einem Meter heran, und fpritzt aus seinem Schnabel, der die Form, einer Röhre hat, einige Wassertropfen mit solcher Sicherheit nach! dem Kerbtier, daß es ins Wasser herabfällt, und seine Beute wird. Ein Jäger aus der Jnsektenklasse, der seine Leute wie ein echter Nimrod! auf dem An stand belauert, ist der Ameisenlöwe, oder vielmehr die Larve desselben. Rückwärts im Kreise sich bewegend, stellt sie sich eine trichterförmige Höhlung im Sande her, auf deren Grund sie ans Insekten, hauptsächlich Ameisen, lauert. Erscheint ein Kerbtier am Rand der Grube, so wirft sie mit ihren Freßzangen Sand nach ihm, sodaß es mit, diesem m den Trichter hinabgezogen, und ihre Beute wird.

Ein Fischer, wie ihn die zweihändige Lebewelt wohl nicht aufzuweisen hat, ist der Fischotter, er, schwimmt und taucht mit unglaublicher Gewandtheit. Die Taucher und, Fifcher sind noch durch! eine große Zahl anderer Säugetiere und Vögel vertreten, die Wasserratten, und Wassermäuse z. B. vereinigen alle notwendigen Qualitäten beider Berufe in sich. Unter den Vögeln unserer Heimat zeichnen sich der Eisvogel und die Wasseramsel als ebenso ! geschickte und kühne Taucher und Fischer aus. Die Wasser­amsel lebt an den Gebirgswässern Deutschlands,und wenn der starke Frost", sagt Dr. Ruß,, -selbst die fließen- den Gewässer in Fesseln schlägt, so sucht sie gleich anderen Vögeln, welche nicht nach dem Süden wandern, di-e Stellen auf, wo das Wasser durch! reißende Bewegung oder Dittel) sogenannte warme Quellen offen gehalten wird. Trotz I eisiger Kälte taucht sie hinab in die Flut, und schlupft unter dem Wasser, selbst unter Eisschollen, hinweg, um wohl erst nach 15 bis 20 Sekunden emporzukommen". So­gar der Angelsport ist in der Tierwelt vertreten: Der Angler oder Seeteufel, ein bis zu zwei Meter langer häß­licher Fifch, trägt auf seinem ungeheuren Kopfe eine Art I Angeln, regelrechte Fangfäden mit einem Anhängsel. Ter I seltsame Angler wühlt in dem Meeresschlamm, und laßt I feine Angelschnüren in verschiedenen Richtungen spielen, I wodurch er die Fische, die eine Beute wittern, heranlockt, I um sich dann hervorftürzend auf sie zu werfen, und sie I zu verschlingen.

Unter den Baumeistern steht wohl der Biber obenan. Er I ist geradezu der Wasserbauingenieur unter den Tieren, setne I berühmten Burgen baut er aus geschälten, oft mehr als I armdicken Stämmen von 1 bis 2 Meter Länge. Sie haben I fußdicke Wände, ein festes Dach, sind oben gewölbt und I gleichen den Schneehäufern der Eskimos. Bei sinkendem I Wasserstand errichten die Biber Dämme, um das Trocken- I legen ihrer über den Wasserspiegel emporragenden Häuser I zu verhindern. In ihren scharfen, starken Vorderzahnen I besitzen sic sowohl Sägen als Beile, sie fällen starke Baume I damit und errichten förmliche Brustwehren; ihre Damme I sind oft 3 bis 4 Meter dick und einzeln bis 200 Meter I lang! Die künstlichen Bienenbauten kennt jedermann, I ebenso die Kolonien der Ameisen mit ihren regelrechten I Straßen und Kammern, auch die oft achtzehn Meter im I Umfang messenden, mehrere Meter hohen Bauten der Ter­miten, die Nester der Vögel usw. gehören hierher. Als I tüchtigen Maurer kannen wir alle die graziöse Schwalbe; I fetter Schlamm dient ihr als' Baumaterial, ihr klebriger I Speichel als Mörtel; mit diesem überzieht sie tedes Klümp­chen des Schlammes oder Lehms und fügt eins so lange I itt das andere, bis die mühevolle Arbeit des Nestbaues gelungen ist. Gleich nach, der Schwalbe kommt die Sing­drossel die sich ebenfalls vorzüglich ans den Maurerberuf versteht; ihr Nest ist ein äußerst künstlicher Bau, den sie tnt Zunern sorgfältig verkittet, wobei ihr, gleichfalls eine schleimige Absonderung ihrer Speicheldrüsen als Mörtel