454

Muß ich Dir's erst sagen? Auf Grund Deines Zeug­nisses ist das unglückliche Mädchen verurteilt worden, was auf die bloße Aussage der Frau Haller hin bei dem Fehlen aller wirklichen Schuldbeweise nimmermehr hätte geschehen können. Und Dein Zeugnis war objektiv falsch, darüber ist jeder Zweifel bei mir ausgeschlossen; denn meine Augen sind eben jünger und schärfer als die Deinen, wovon ich. die Richter leider nicht zu überzeugen vermocht habe. Wenn ich jetzt für die unschuldig Verurteilte eintrete, ivas ich als meine Pflicht ansehe, so kann es nur geschehen, indem ich Dich eines verhängnisvollen Irrtums bezichtige. In dem Kampf, den ich da um die Ehre eines schutzlosen Mädchens führen werde, bin ich Dein Gegner, Vater! Ich muß es sein, so schmerzlich und peinigend auch die Vor­stellung für mich ist. Und es wäre ehrlos, wenn ich hier im stillen Deine Wohlthaten genösse, während ich; Dich öffentlich anklage."

Die kleine Gestalt des Pfandleihers luctr immer mehr- in sich zusammengesunken, als drückte eine unsichtbare Last seine schgnalen Schultern nieder.

Also anklagen willst Du mich öffentlich anklagen! Um dieses wildfremden Geschöpfes willen, das Dir's mit seinem hübschen Lärvchen und seiner heuchlerischen Un­schuldsmiene angethan hat!"

Nein, um der Gerechtigkeit willen, Vater! Wir müssen uns ivohl niemals recht gekannt und recht verstanden haben, wenn Du einen so schimpflichen Verdacht gegen mich; hegen kannst."

August Jmberg nickte traurig.Es scheint so, mein Sohn! Ich hätte wohl darauf gefaßt sein müssen, daß einmal ein Tag kommen würde wie dieser. Und ich; selbst trage die Schuld daran, wenn auch anders, als Du es jetzt in Deinem Ehrlichkeitshochmut meinst. Wer aus seinen Kindern so viel mehr machen will, als er selber ist, der darf sich nicht wundern, wenn sie sich eines Tages mit Geringschätzung von ihm abwenden. Und vielleicht ist's auch so am besten. Geh mit Gott, Rudolf, und thue, was Du für Deine Pflicht hältst. Ich; werde Dich; nicht daran hindern."

Ter Referendar wollte antworten, aber der Alte erhob abwehrend die Hand.

Laß es gut sein, mein Junge! Und da ich Dich, tote Tu siehst, nicht verfluche, obwohl Tu doch; mit der Absicht umgehst, mich vor aller Welt zum Lügner und zum Meineidigen zu machen, da wir vielmehr in Frieden und Freundschaft voneinander gehen, so hast Du auch teilten vernünftigen Grund, meinen väterlichen Beistand zurück­zuweisen. Du Mußt doch Dein Leben fristen, und wenn es Dich gar so sehr drückt, in meiner Schuld zu sein, so kannst Du mir ja später zurückzahlen, was ich Dir jetzt gebe."

Nein, Vater, nein! Quäle mich nicht mit einer Groß- mnt, die ich; in diesem Widerstreit der Pflichten nicht annehmen kann und darf. Ich bedarf auch" keiner Unter­stützung. In wenigen Wochen werde ich mein letztes juristi­sches Examen bestehen, und als Assefsor finde ich schon Gelegenheit, so viel zu erwerben, wie ich! für meinen Lebensunterhalt brauche."

Nun, tote Du willst. Ich; will Dich, selbstverständlich; nicht quälen. Aber wenn Du jemals in Not geraten solltest, in eine Lage, wo Du Dir aus eigener Kraft nicht mehr zu helfen weißt und es ist nicht bloß die leibliche Not, an die ich dabei denke dann erinnere Dich, daß Dir hier allezeit ein Frennd und Tröster bereit ist. Einer, der nicht lange fragen wird: was hast Du verschttldet? sondern nur: was kann ich für Dich thun?"

Der junge Mann kämpfte schwer mit seiner Beweguitg. Aber er mußte stark bleiben, wenn er sich selbst die Treue halten wollte und er blieb stark. Als August Jmberg sah, daß sein Entschluß unwiderruflich war, reichte er ihm die Hand.

Ich will an mein Geschäft gehen", sagte er scheinbar gelaßen,und es ist wohl am besten, daß wir nns gleich; jetzt verabschieden. Meine besten Wünsche begleiten Dich. Möge Dich nie eine bittere Erfahrung darüber belehren, daß es doch noch Heiligeres auf Erden giebt, als diese so­genannte Gerechtigkeit, der Du jetzt Deine kindliche Liebe zum Opfer bringst."

Rudolf hatte seinen Vater kaum jemals in so gewähl­ten Worten sprechen hören, und jedes dieser Worte schnitt ihm ins Herz; denn er war gewiß weder lieblos noch un­dankbar. Aber er durfte der Rührung nicht nachgeben, die ihn ergriffen hatte, und über dem Bemühen, gefaßt und standhaft zu bleiben, gewann sein Lebewohl einen viel trockeneren und kälteren Klang, als er es gewollt hatte.

Der Pfandleiher ging in sein Kontor, aber er nahm den Zettel nickst von der verschlossenen Thür, und er öffnete sie auch noch nicht, als die fünfte Stunde gekommen war. Er stand an seinem alten, wackeligen Pult und starrte auf die zahllosen Tintenflecke, die seine Platte bedeckten, bis sie vor seinen Augen zu allerlei abscheulichen Fratzen zu- sammenflossen, und bis zwei schwere, heiße Thränen auf das verblichene Tuch herniederrollten.

Fünftes Kapitel.

In den ersten Tagen des November hatte die Gerichts­verhandlung gegen Margarete Willisen stattgefunden. Heute schrieb man bereits den fünfzehnten Mai des folgenden Jahres.

In seinem hübsch ausgestatteten Arbeitszimmer saß Rudolf Jmberg über einem dickleibigen Aktenstück, das er aufmerksam studierte. Er war seit zwei Monaten der Sozius seines um zehn Jahre älteren Freundes, des Rechtsanwalts Doktor Volkmar. Dieser hatte die außergewöhnlichen Fähig­keiten des jungen Mannes seit langem erkannt und fand nun täglich aufs neue Gelegenheit, sich im stillen zu der Gewinnung diefes klugen und unermüdlich fleißigen Mit­arbeiters zu beglückwünschen.

Doktor Volkmar war es auch der auf Rudolfs Bitte die Einlegung der Revision gegen Margaretes Verurteilung bewirkt und sie vor dem zuständigen Gericht vertreten hatte trotz all seiner Bemühungen und seiner glänzenden Beredsamkeit aber ohne Erfolg. Bei der Verhandlung, die vor einigen Wochen stattgefunden hatte, war die auf Ru­dolfs Nichtvereidigung gestützte Beschwerde zurückgewiesen, und das Erkenntnis der ersten Instanz damit unanfechtbar geworden.

Der Eintritt des Freundes veranlaßte Rudolf, von seiner Arbeit aufzublicken. Doktor Volkmar sah sehr ernst aus und reichte ihm den Brief.

Da lies! Wenn sie selbst es nicht anders haben will, läßt sich; freilich nichts mehr für sie thun."

Von Fräulein Willisen!" rief Rudolf, nachdem er einen Blick auf das Blatt geworfen, und dann, als er es überflogen, fügte er in großer Bestürzung hinzu:Wie? Sie schreibt, daß sie beim Eintreffen dieses Briefes ihre Strafe bereits angetreten habe! Sie hat also den Erfolg des Gnadengesuches nicht einmal abgewartet!"

Nein. Und aus richtigem Frauenzimmertrotz. Weil eine Begnadigung die Thatsache ihrer Verurteilung nicht aus der Welt geschafft 'mti> den Makel, der sie zur Ver­brecherin stempelt, nicht von ihr genommen haben würde, will sie nun auch; die Strafe verbüßen.Gerechtigkeit, nicht Gnade ist es, die ick begehre" schreibt sie. Ist das nicht etwas überspannt?"

Nein", widersprach! Rudolf, der von seinem Schreib­sessel ' aufgesprungen war, mit Wärme.Es ist ein be­rechtigter Stolz, den ich begreife und achte. Genau so würde auch ich an ihrer Stelle gehandelt haben. Die Gnade des Landesherrn hätte das furchtbare Unrecht nicht sühnen können, das die Justiz an ihr begangen hat, und darum that sie wohl daran, sie zu ver-

Doktor Volkmar schüttelte den Kopf, aber als er sah, daß Rudolf nach Hut und Ueberrock griff, fragte er: Willst Du schon fort?"

Ja, ich; will zu ihrer Mutter und dann ins' Ge­fängnis. Vielleickst kann man doch irgend etwas thun, um ihr diese grausamen drei Monate zu erleichtern."

Viel wird das schjverlich fein; denn man kennt Bei uns keine Ausnahmen zu Gunsten des einen oder des anderen. Aber ich; will Dich natürlich! nicht abhalten. Dein Heil zu versuchen."

(Fortsetzung folgt.)