£« 1901. - Nr. 114.
mß deinen Mund verschlossen sein, So schluckst du keine Fliegen ein.
Hans Aßmann v. Abschatz.
(Nachdruck verboten.)
Der Schmetterling.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Mehr besorgt als getröstet sah Frau Willisen zu ihm auf. „Sie, mein Herr? Aber Sie hören doch, daß wir kein Geld haben, Sie für Ihre Mühe zu bezahlen."
„Davon ist auch nicht die Rede. Ich! betrachte mich als Ihren Schuldner; denn wenn auch die irrtümliche Aussage meines Vaters die Verurteilung wohl nicht allein her- beigeftthrt hat, so hat sie sie doch immerhin mit verschuldet. Ich thue also in diesem Falle ganz und gar nichts anderes, als meine Pflicht, ivenn ick mich! Ihnen mit allem, was ich kann und habe, zur Verfügung stelle."
Me Kranke schien merkwürdigerweise noch immer Bedenken zu hegen, diesmal aber ließ ihre Tochter es nicht zu, daß sie ihnen von neuem Ausdruck gab.
„Sie handeln damit so edel und großmütig, Herr Referendar", sagte sie, „daß wir Ihnen niemals genug werden danken können. O, wenn es möglich wäre, daß dies Furchtbare wieder von mir genommen würde! Es bringt mich ja dem Wahnsinn nahe, nur daran zu denken."
„Ich; darf nichts versprechen, was zu erfüllen ich- nicht die Macht habe, mein Fräulein! Davon aber dürfen Sie überzeugt sein, daß ich Ihre Sache so führen werde, wie wenn es meine eigene — nein, wie wenn es die meiner Mutter oder meiner Schwester wäre. Ich bin mit einem Rechtsanwalt befreundet, auf dessen Opferwilligkeit ich ebenso sicher rechnen kann, als auf seine Tüchtigkeit und seine Energie. Noch heute werde ich mit ihm Rücksprache nehmen, und ich erwarte, daß Sie seiner Aufforderung Folge leisten werden, wenn er Sie zu einer Besprechung in sein Bureau bittet."
„Gewiß! Ich; werde alles thun, was Sie mir raten und was Sie von mir verlangen."
Ein so tiefes und demütiges Vertrauen war in ihren Worten, daß Rudolf Jmberg ihr in einer Aufwallung der Rührung feine beiden Hände entgegenstreckte.
„Wahrhaftig, Fräulein Willisen, Sie sollen es nicht bereuen. Halten Sie nur den Kopf hoch; — und auch Sie, verehrte Frau! Menschen können irren, aber Recht muß am Ende doch immer Recht bleiben."
Frau Willisen antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, der nichts weniger als Zuversicht ausdrückte, und als Rudolf Jmberg, dem sein Zartgefühl verbot, länger zu bleiben, die Thür hinter sich; zuzog, hörte er schon wieder ihr Jammern und Weinen. Er war aus das Schmerzlichste erschüttert von dem, was er hier erlebt hatte, aber er wußte, daß ihm noch. Schwereres bÄorstand. Noch nie in seinem Leben war ihm so bitter traurig zu Mute gewesen, als jetzt, da er den Heimweg nach der väterlichen Behausung einschlug.
An der Thür von August Jmbergs Kontor war ein Zettel befestigt mit der Aufschrift: „Heute bis fünf Uhr nachmittags geschlossen." Als Rudolf in das Wohnzimmer trat, sah er den kleinen Mann an seinem Schreibtisch über ein Buch gebückt, das er sogleich als eine kommentierte Ausgabe des Strafgesetzbuches erkannte. So eifrig hatte sich der Pfandleiher in die Lektüre versenkt, daß er das Oeffnen der Thür völlig überhörte, und daß er bei dem ernsten kurzen Gruß seines Sohnes erschrocken auffuhr.
„Ah, Du bist es, Rudolf! Entschuldige, wenn ich mir bei Deinen Büchern zu schaffen machte. Ich weiß, Du siehst es nicht gern, — aber id) — ich! langweilte mich eben ein bißchen — und da--"
„Es bedarf keiner Entschuldigung, Vater! Alle diese Bücher gehören Dir!"
August .Jmberg sah ihn verständnislos an, dann lachte er gezwungen auf. „Natürlich! Nach dem Grundsatz: was mein ist, ist dein — und umgekehrt. Wir leben ja seit langem in der besten Gütergemeinschaft. Das ist es doch, was Du meinst — nicht wahr, mein Junge?"
„Nein, Vater! Ich meine, daß ich außer den Kleidern, die ich! auf dem Leibe trage, und die ich nicht gut hier zurücklassen kann, nichts mit mir nehmen werde, wenn ich heute aus Deinem Hause gehe."
Der Pfandleiher griff nach, einer Stuhllehne. Es war erbarmungswürdig anzusehen, wie es in seinem alten Gesicht arbeitete und zuckte.
„Aus dem Hause? Und vielleicht auf Nimmerwieder- kehr?"
„Ich denke wohl, daß es so sein wird. Sei mir nicht böse, Vater, und mach mir's nicht noch schwerer. Es kann nicht anders sein."
„Es kann nicht? So? Und warum nicht? Etwa weil ich; heute auf dem Gericht die Wahrheit gesagt habe?"
„Hättest Du's doch gethan, Vater! Aber versteh mich recht — ich weiß wohl, daß Du der festen Ueber- zeugung warst, sie zu sagen. Nur Tein Gedächtnis hat Dich im Stich gelassen, nicht Deine Rechtschaffenheit — daran habe ich selbstverständlich keinen Augenblick gezweifelt."
„Wenn Du das weißt, was für eine Ursache kann dann noch für Dich vorliegen, Dich von mir zu trennen?"


