Ausgabe 
13.6.1901
 
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Medusenhaupt immer dicht über dem feinigen Web unb die großen glühenden Augen ihn unverwandt mit ihrem entsetzlichen Blick anstarrten.

(Fortsetzung folgt.)

Mn schönes Stückchen Erde.

(Nachdruck verboten.)

Zum Walde mußt du wandern geh'n. Zum grünen §ag, zum dunklen Tann.

Wenn die Schwalben wiederkommen, die Natur vom Winterschlaf erwacht zu neuem Leben, toenn> wie der Dichter singt,das fernste, tiefste Thal blüht'', dann regt sich auch im Menschenherzen das Sehnen, hinaus in die Ferne zu ziehen und ein Stück der schönen Gotteswelt zu durchwandern. Wer so glücklich ist, int Laufe des Sommers dem Aktenstaub, der Schulstube oder dem Kontor für einige Wochen entfliehen zu können, sich Seele, Geist und Körper zu erfrischen, zu neuem Schaffen zu kräfttgerr und zu stählen, dem winkt verlockend so manches schöne Plätzchen. Tie Nordsee mit ihrer h erlichen Luft, ihren rauschenden Wogen, das liebliche Thüringen, der roman­tische Harz, der alte, ewig junge, herrliche Rhein nut seinem Niederwald, seinen sagenumwobenen Bergen und Burgen und seinen Rebenhügeln. Ein wahrhaft zauberi­sches Stück Gottesschöpfung aber ist der Schwarzwald. Der Schwarzwald ist ein bewaldetes Mittelgebirge, das von seinen dunklen Tannenforsten den Namen führt. Dank den vorzüglichen Vorkehrungen der Neuzeit kaitu mau sich in wenigen Tagen ein Gesamtbild des Schwarzwaldes ver­schaffen. Ein rüstiger Fußwanderer kann denselben in acht bis zehn Tagen von Norden bis Süden durchstreifen, und fast jede Stunde wird ihm neues und schönes zur Befriedig­ung seiner Schaulust und Wißbeaierde bieten. Ten eiligeren Reisenden, oder solchen, die den Schwarzwald als eine Vorstufe zu den Wundern der Alpenwelt ansehen, eröffnet sich seit 1873 in der Schwarzwaldbahn mitten hindurch durch die höchst gelegenen Landschaften dieses Gebirges, eine Straße. Tie Sch warzw aldbahn ist ein Werk, das an Kühnheit des Gedankens und an Großartigkeit der Aus- sührung in Deutschland seinesgleichen sucht. Der mittelste Teil der 28 Km. langen Strecke zwischen Homberg und St. Georgen erforderte einen Kostenaufwand von 19 Mill. Mark. Die höchstgelegene Station Sommerau ist 834 Meter über Meeresspiegel, auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Donau und blickt man von hier aus wett htnab in alle Lande. Durch einen großen Viadukt, 38 Tunnel und 140 Brücken hat der Mensch die Natitr bezwungen; in fort­gesetzten Zickzacks bahnt er sich seine Straße über und durch die Felsen, oft vorbei an Klippen und Abgründen, mitunter rings nm einzelne Kuppen herum oder int Kehr- tnnnel die Höhen erklimmend. Unmittelbar an der Schienenstraße liegen einige der malerischsten Punkte des Schwarzwaldes. Von Offenburg an geht es das Kinzigthal aufwärts. Eine der schönsten, fruchtbarsten Ebenen um­säumt den Fluß in ansehnlicher Breite; saftig grüne Wiesen, heitere Dörfer, Fruchtfelder und Obstgärten, Rebenhugel und bewaldete Höhen wechseln in bunter Mannigfaltigkeit ab; auch mittelalterliche Burgen, neue Schlösser, behäbige Bauernhöfe zeigen sich neben schmucken Kirchen und idyllisch in Seiteuthälern versteckten Mühlen. Kaunt laßt sich so viel des Schönen auf einmal in sich aufnehmen und bewältigen. Bei Hausach wendet sich die Bahnlinie an das Gutachthal: Tie Anmut der Landschaft weicht mit bent ansteigend engeren Thal mehr einem Waldgebirgs- Charakter; die kerzengrade, tiesdunkle Schwarzwaldtanne bedeckt weithin die Abhänge und Kuppen der Berge. In entzückender Lage breitet sich Homberg in einem Kessel unterhalb des Bahnviaduktes aus. In Triberg, wohin man durch viele Tunnel aufsteigt, hat die Landschaft bereits ihre Anmut verloren, nur kümmerlich gedeihen in dieser Höhe noch die Obstbäume; nur Tannen, Fichten, Wiesen und Felsen werden zu beiden Seiten der kühnen Bahnbauten wahrgeuommen. Triberg wird seines Gebirgsklimas und Wasserfalls wegen viel besucht, auch wohl als Kurort zu längerem Ausenthalt gewühlt. Fast unmittelbar oberhalb des Städtchens stürzt in sieben Absätzen die ansehnliche Wassermasse der Gutach 180 Meter hoch, schäumend und brausend zwischen gewaltigen Granitblöcken herab. Das

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Gesamtbild, im Rahmen dunkler Tannen, wirkt so mächtig, daß wohl in ganz Deutschland sich kein Wassersall dem Triberger an die Seite stellen darf. Außer seiner reinen, kräftigen Schwarzwaldluft, seiner Bergbahn und seinem Wasserfall bietet Triberg als ein Hauptsitz des Uhrenhandels viel des Interessanten dar. Wie weit gehen nicht dte Schwarzwälder Uhren!

Tie trauliche Kuckucksuhr mit dem reichen Schmtzwert zaubert dem Auswanderer, wo er auch- weilen möge, den schönen, deutschen Wald vor die Seele. Gern kehrt der Schwarzwälder, wenn er vom Uhrenhandel in der weiten Welt zurückkommt, in sein Heimatsdorf wieder ein. Aber auch die in FreiligrathsAuswanderer" also angeredeten, und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe, ihr Schwarz­waldmädchen braun und schlank" sie beteiligten sich an den Arbeiten der Männer oder sie erzeugen kunstvolle Strohgeflechte. Von TriÜerg führt die Bahn durch immer neue Tunnels in Zickzackwindungen auf die Höhe von Vtl- lingen. Von da zweigt sich die Bahn nach Stuttgart ab. Auf württembergtschem Gebiet liegt am Ostabhang das Pfarrdorf Nordstetten, der Geburtsort Berthold Auerbachs, den er in seinenTorfgeschtcyten" dichterisch verherrlicht hat. Für jene Bilder voll Innerlichkeit und Gemütstieie ist unser Volk dem Dichter desBarfüßele" undSorte' zu herzlichem Dank verpflichtet. Die dunklen, tiesenBerg- seen haben eine Menge von Sagen und Märchen tm Volks- gemüt erzeugt. Keiner aber fordert mehr die Poeste heraus, als der Mummelsee, tast 1000 Meter hoch, in einem Felsenkessel an der Hornisgrinde gelegen:

1 LWZur Brandmatt stieg ich nachts hinauf, hinauf zur Hornisgrinde,

Tie dunklen Wipfel flüsterten im sommernächt'gen Winde.

Auf Steiugeröll herab den Berg die wilden Wasser rannen, Ter Vollmond schien in hellem Licht herüber durch die Tannen." (Heinrich Vierordt.)

Tie Fruchtbarkeit der Scbwarzwaldthäler, die heiteren Dörfer und Städte, die bequemen Straßen und Wege, die üppigen Wiesen, die munteren Quellen, alles läßt den Schwarzwald als eine wahre Perle unter Deutschlands Landschaften erscheinen. Gern stimmt man Jacobis Worten zu:

Wem ist der Schwarzwald unbekannt Mit feinen hohen Tannen?

Kein Wandrer kommt ins Schwabenland Und keiner geht von bannen, Ter nicht bei seiner halben Pracht Still steht und große Augen macht."

Tie größeren Ortschaften und die zahlreichen Bäder des Schwarzwaldes erhöhen den Reiz des Landes. Im Schmuck von Natur und Kunst prangt Baden-Baden, das auch nach Aufhebung der Spielhölle ein Luxusbad großen Stils geblieben ist. Das heutige Baden-Baden wird stark vom guten, deutschen Mittelstände besucht, es zählt all­jährlich 50 000 Kurgäste. Seine Anziehungskraft bleibt stets sein unvergleichliches Friedrichsbad, seine Lichten- thaler Allee, seine luxuriösen Gasthöfe und der internatio* nale Korso vor seinem Kurhause an schönen Sommer­abenden. Eine fortwährende Festatmosphäre schwebt über Thal und Höhen, und mehr als eine der zahllosen Villen, in denen reich mit Glücksgütern gesegnete Sterbliche einige Sommermonate verbringen, kann ihrer herrlichen Lage wegen als ein wahres Eden angesehen werden. Eine wahre Perle, das Paradies des württembergischen Schwarzwaldes aber ist Herrenalb; in der Mitte zwischen Wildbad und Baden-Baden gelegen, ist es von Gernsbach, Neuenbürg und Höfen in je zwei Stunden erreichbar. Von Karlsruhe führt die Albthalbahn über Ettlingen, Marxcell und Fraueualb dahin. Der Ort selbst ist von herrlichen Tannen- waldungen eng umschlossen, welche auf der ganzen West- und Ostseite bis unmittelbar an denselben heranreichen. Im Süden wird die Waldesmauer von dem hier einmünden- ben Gaisbachthal durchbrochen, unb gegen Narben erstreckt sich das wiesenreiche Albthal, durch welches die Alb in die nahe Rheinebene enteilt. Gewaltige Bergrieseu erheben sich in der Runde und zaubern eine Gebirgslandschaft