Ausgabe 
13.6.1901
 
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ihren Kopf an seine Schulter sinken und duldete mit ge- i schlossenen Augen seine Küsse. . I

Wie ich Dich, liebe, Hubert!" flüsterte fte.9cte hatte I ein anderes Weib Dich lieben können wie ich."

Er antwortete ihr nur durch Liebkosungen, aber nicht I länger als für wenige Sekunden gab sie sich der selbst- I vergessenen Aufwallung ihrer leidenschaftlichen Empfind- I ungen hin. Tann machte sie sich frei, rückte ihr verschobenes I Hütchen zurecht und zog den Schleier über das glühende | Gesicht herab. . I

Ich darf nicht zum zweitenmale hierher kommen, I sagte sie.Und wenn Du darauf bestehst, daß ich, den I unglückseligen Brief vor Deinen Augen vernichte, so muß I es an einem anderen Ort geschehen."

Weder hier noch, anderswo", erwiderte er hastig, denn I er war fest entschlossen, seine Mitwirkung bei der Beseitigung I des gefährlichen Dokuments lediglich auf die heute ge­gebene Zustimmung, die sich- ja später leicht genug, ab­leugnen ließ, zu beschränken.'Ich vertraue Dir unbedingt, mein geliebtes Mädchen, und verlange durchaus nicht, der Vernichtung des Briefes beizuwohnen. Sein Dasein oder Nichtsein wird für mich, ja auch' vollkommen gleichgiltig sein an dem Tage, wo meine Gegner den Verzicht unter- | schreiben."

Hanna nickte zustimmend.

So werden wir uns vielleicht nicht Wiedersehen bis zu jenem Tage. Und auch, da wird es zunächst nur heimlich geschehen dürfen und nur, damit wir den Zeitpunkt unserer öffentlichen Verlobung und alles weitere festsetzen. Denn Du mußt nachher selbstverständlich sofort von hier ab­reisen, und auch, ich, werde einen Vorwand finden, meinen Bruder unverzüglich zu verlassen, sobald es hier nichts mehr für Mich zu thun giebt."

Gewiß '.Das alles werden wir besprechen, sobald die Angelegenheit im Reinen ist. Und Du wirst dann über mich gebieten dürfen wie über den gehorsamsten Sklaven."

Sie schüttelte den Kopf, und er sah ihr bezauberndes Lächeln hinter dem dichten Gewebe des Schleiers.

Nein, nicht mein Sklave sollst Du sein, Hubert, son­dern mein Herr und Meister. Vor keinem Manne auf Erden würde ich' mich je gebeugt haben als vor Dir. Deine Ueber- legenheit und Deine Kraft sind es ja, um deren Willen ich. Dich liebe."

Nun, jedenfalls sollst Tu sie niemals, als eine drückende empfinden, liebster Schatz! Und was die bewußte Affaire angeht, so werde ich ' also morgen Deinem Bruder schreiben, daß ich' noch eine weitere Bedenkzeit von acht­undvierzig Stunden haben müsse. Ist es so recht?"

Ja. Sobald ich Dir dann einen Rvhrpostbrief ge­schickt habe, der nichts als die beiden Worte enthalten wird: Alles geordnet!" ist der Zeitpunkt sür Deine Entschlüsse gekommen." ,

Er wollte sie noch Keinmal umarmen, diesmal aber ließ sie es nicht zu.

Laß mich, jetzt, Hubert!" bat sie.Ich muß sort. Und begleite mich, nicht hinunter. So wenig Bekannte ich, auch in Berlin habe, der tückische Zufall könnte uns doch einem von ihnen in den Weg führen. Lebe wohl nein, nicht so! Auf ein glückliches Wiedersehen!".

Der Regierungs-Assessor küßte ihr beide Hände und geleitete sie ihrem Wunsche gehorsam, nur bis zur Thür des Zimmers. Noch eine Sekunde lang horchte er auf das sich' rasch entfernende Rauschen ihres Kleides, dann ging er "langsam zu dem Tische, aus dem das silberne Rauchzeug lag und entzündete sich' eine Zigarette.

Wie unvorsichtig und leichtgläubig doch die klügsten Frauenzimmer werden, sobald sie verliebt sind!" dachte er; und dann, indem er sich bequem in ein Fauteuil streckte, nahm er den schmalen, schlichten Goldreif, den er vorhin abgezogen hatte, aus der Tasche, um ihn spielend zwischen den Fingern zu drehen.

Wie gut, daß ich das nicht vergaß! Arme kleine Hanna! Die Vergeltung für den umsonst gepflückten Edel­weißstrauß mag "Dir ein bischen hart vorkommen. Aber es kann eben nicht anders sein. Und vielleicht nun, vielleicht bist Du auch mit weniger als einer Heirat zu­frieden."

Fünfzehntes Kapitel.

Bernhard Shlvander hatte in dieser Nacht einen selt­samen Traum. Er hatte bis lange nach Mitternacht ge­arbeitet, nnd auch als er dann sein Lager aussuchte, stellte sich trotz aller Ermüdung der erhosfte Schlummer nicht sobald ein. Die Aenderung, die in seinem Ver­hältnis zu Inge eingetreten war, beschäftigte unausgesetzt alle seine Gedanken. Kaum je zuvor hatte er es so tief empfunden, wie heiß und innig er sie liebte, als jetzt, wo er mit jedem Tag deutlicher fühlte, daß er in Gefahr sei, sie zu verlieren. Wohl glaubte er das Mißverständnis zu kennen, das feindselig trennend zwischen sie und ihn getreten war, und damit war ihm ja zugleich, die Mög­lichkeit gegeben, es auszuklären. Aber selbst, wenn es , ihm gelang, Inge zu überzeugen, daß er sie nur um ihrer selbst, nicht um ihrer Mitgift willen liebte, würde damit doch, nicht wieder ausgelöscht worden sein, was diese letzten Tage an Schmerz und Bitterkeit in seinem Herzen erzeugt hatten. Aus wie schwachen Füßen mußte ihre Zuneigung und ihr Vertrauen gestanden haben, wenn der erste ver­dächtige Anschein genügte, sie so ganz an ihm irre werden zu lassen! Und keine späte Erkenntnis des Unrechts, das sie damit an ihm begangen, konnte wiederherstellen, was die traurige Zeit des Schwankens und Zweifelns ihnen an ihrem Glücke gestohlen. t

Immer aufs neue drängte sich Bernhard die Frage auf, ob es nicht unter diesen Umständen für ihre und seme Zukunft das beste sein würde, ein Band zu lösen, das Inge offenbar nur noch als eine drückende Fessel empfand. Sein Verstand antwortete ja; aber sein Herz krampfte sich, in tiefem Weh zusammen, wenn er den traurigen Gedanken weiter versolgte und sich eine Zukunst auszumalen suchte, aus der ihm zugleich mit der Hoffnung auf den Besitz des geliebten Mädchens alles Lichte , und , Sonnige ver­schwunden schien. Nein, noch hatte er nicht die Kraft, diesen letzten, verzweifelten Schritt zu thun; noch klammerte er sich mit der ganzen Kraft feiner Seele an die Hoffnung, daß ' alles gut werden würde, wie thöricht auch' angesichts des von Inge beobachteten Verhaltens bei nüchterner Ueber- legung solche Hoffnuiig scheinen mußte.

Daß die Vorstellungen, die im Wachen feinen Geist erfüllten, ihn auch bis in seinen unruhigen Schlummer verfolgten, war natürlich genug. Er glaubte Inge zu sehen, wie sie mit totenbleichem Antlitz und verweinten Augen vor ihm auf den Knien lag und flehend die gefesselten Hände gegen ihn ausstreckte, damit er sie aus ihren Bauden erlöse. Es war sein Wille, es zu thun, aber er i strebte umsonst, sich ihr zu nähern. Denn er war der

Herrschast über seinen Körper beraubt und suhlte sich an allen Gliedern gelähmt. Nicht einmal ein tröstendes Wort konnte er ihr zurufen; denn wie er auch, rang und sich mühte, es kam kein Laut über seine Lippen.

Und dann war ihm die Gestalt der Geliebten plötzlich, wie in einem Nebel entschwunden. Dichte graue Wol«u- I sch,leier wogten und wallten um ihn her, bis ein magischer I Lichtschein die ungewisse Dämmerung erhellte und eine I übermenschlich hohe, dunkle Frauengestalt, von jenem un- I irdischen, bläulichen Lichtschein umflossen, vor ihm aus- I tauchte. Anfangs schien sie ihm fremd; dann aber nahm I ihr weißes Antlitz die schönen Züge seiner Schwester Hanna I an, und er erschrak vor dem dämonischen Leuchten tu ihren I unverwandt auf ihn gerichteten Augen.

| Er wollte sie anrufen, wollte eine Frage nach ihrem I Begehren an sie richten, aber die schreckliche Lähmung, me I seinen Leib zu einer toten, willenlosen Masse machte, hielt I noch immer an. Stumm und unbeweglich, mußte er es I geschehen lassen, daß sie ihm langsam näher kam, schwebend, I lautlos, mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen. Sie mußte I von irgend einer bösen Absicht gegen ihn erfüllt fern I er erkannte es an dem feindseligen Funkeln ihrer Augen I und an der medusenhasten Starrheit ihres Antlitzes. Aber I wenn es sein Leben gegolten hätte, wäre er hoch nicht | tm stände gewesen, auch, nur einen Finger zu rühren. Gr | sah, wie sie sich, über ihn heräbneigte und er fühlte, wie 1 ihre Hand, deren schlanke Finger mit spitzigen Krallen | besetzt schienen, nach seinem Haupte griff. Zwar empfand I er keinen Schmerz, aber er war nichtsdestoweniger gewiß., I daß diese scharfen Krallen unbarmherzig in seinem Hmter- I köpfe wühlten lange, lange, während das unheimliche