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über den Kopf, und er mußte ihn doch immer wieder von neuem anstaunen, für sein langsam arbeitendes Hirn war und blieb er ein Wunder.
Der Zins für seine sünfzigtausend Mark, welche er selbstverständlich im Haus Polentz angelegt hatte, floß pünktlich und reichlich. Er konnte ihn gar nicht aufzehren.
So gewöhnte er sich allmählich an diese behagliche Ruhe, zu welcher der Bauer, sobald ihn nicht die Verhältnisse zwingen, ohnehin neigt.
Es fanden sich Genossen, Bürger Werkleute der Umgegend, welche ihn in ihre gemütliche Kreise zogen. Früh- und Abendschoppen wurden besucht. Man hörte ihn gerne erzählen von seiner Heimat, von seinem Walde, von den vergangenen Zeiten, der ganze Bauer vom Wald mit seinem Stolze, seinem starren Standesbe'wußtsein, seiner uralten Tradition ging allmählich in breiten, seichten Biergesprächen auf, und an seine Stelle1 trat der Herr Altinger mit einem schwammigen, aufgedunsenen Gesichte, aus dem jede Energie gewichen war, und einem runden, behäbigen Bäuchlein.
Ganz anders verhielt es sich mit der Bäuerin, der jetzigen Frau Altinger. Dazu hatte sie den Hof nicht verlassen, um in dem Hinterhause ihr Leben zu verbringen! Sie mußte sich zwar wohl oder übel in diese neue Marotte des Bauern fügen, und auf die Wohnung im dritten Stock des Vorderhauses Verzicht leisten; aber damit gleichsam sich in den Winkel stellen zu lassen, daran dachte sie nicht. So weit ging die Machtbefugnis des Mannes nicht.
Sie wollte ja erst anfangen zu leben, zu genießen, und sie fühlte die volle Kraft dazu. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, die Bäuerin auszuziehen. Matthias, ihr Liebling, war ihr jetzt ein leuchtendes Beispiel.
Aber es fehlte ihr die nötige Anpassungsfähigkeit, sie brachte es nur bis zu einer Karrikatur der Frau Polentz.
Frau Wanda war völlig normal in die Verhältnisse hineingewachsen, die echte Tochter ihres Vaters. Sie glich den Häusersassaden, welche der Herr Vater fabrizieren ließ. Der schimmernde Anstrich ihres ganzen Wesench die billigen Bildungsschnörkel, mit denen sie sich ausstaffiert, genügten vollkommen für den Kreis, in dem sie lebte; ja, sie genügten sogar, verbunden mit einer starken Dosis Koketterie, denselben zu beherrschen.
Um so unbequemer wurde ihr von Tag zu Tag die Schwiegermutter mit ihren mißglückten Umwandlungsversuchen. Zuerst versuchte sie es mit kühlem Benehmen, dann mit offenem Spotte; als auch dieser nichts fruchtete, wandte sie sich an Matthias, er solle der Mutter begreiflich machen, daß sie sich etwas mehr im Hinterhause halten solle.
Das war eine schwere Aufgabe, die schwerste, die ihm seit seiner Verheiratung zu teil wurde. Abgesehen davon, daß sich! sein noch nicht ganz erstickter Familienstolz verletzt fühlte; es war die Mutter, die stets zu ihm gehalten gegen den herben Vater. Und doch mußte es sein.
Wanda hatte im Grunde genommen recht; auf der Bahn, die sie beide betreten, gab es keine Rücksichten. Er ging so schonend wie möglich vor. Der Vater habe ja auch eingesehen, daß er sich in die neuen Verhältnisse nicht mehr fügen könne.
Alles umsonst. Ein Sturm brache los. Noch nie hatte er die Mutter so gesehen. Die Entrüstung über den Verrat ihres Sohnes schien plötzlich den Schleier zu lüften, welcher ihr bisher die Wahrheit verbarg, ihr Blut zu wecken.
Was war denn das Volk, daß eine Bäuerin vom Wald ihm zu schlecht war?
Und nachdem einmal die Schleusen geöffnet, war kein Halten mehr. Sie riß gleichsam die Tünche von den Wänden, und zeigte mit Seherblick den klaffenden Riß, der sich jetzt schon zeigte im Mauerwerke. Schwindel, nichts als Schwindel, und ihr gutes Geld steckte mitten darin auf Nimmerwiedersehen!
Zornentbrannt verließ sie das Vorderhaus.
Jetzt drängte sie es zu Johannes, der nur klüger war, wie sie, und der Demütigung zur rechten Zeit auswich, die sie eben erfahren. Jetzt waren sie Leidensgenossen und Verbündete.
Er war nicht zu Hause. Sie fühlte sich verlassen wie noch nie. Sie sehnte sich, nach ihm.
Der Abend kam, die Nacht. Im Vorderhaus war alles hell erleuchtet, Gesellschastsabend. Sogar Wagen, vornehme Wagen, keine Mietkutschen, fuhren in die Eingangshalle. Deshalb hatte Matthias heute mit ihr gesprochen, damit sie das Fest nicht störe mit ihrer Gegenwart.
Ja, war es denn eine Schande, seinen schonen Besitz gehabt, auf seinem eigenen Grund und Boden gesessen zu haben? Ist denn das nicht das vornehmste gewesen zu allen Zeiten?
Aber sie hatte ja selber nicht daran geglaubt, und ihren Stand verachtet. Kann sie es denn jetzt den Leuten verdenken, dem zusammengelaufenen Volke, das sein Lebtag kein eigenes Dach über dem Kopse gehabt hat? Recht geschieht ihr, ganz recht.
Wenn nur der Johannes endlich käme, auf den Knieen wollte sie ihm alles abbitten, was sie ihm in- gethan seit Jahren.
Zehn Uhr! Endlich! Da kam er über den Hof. Aber er taumelte ja, seine Kleidung war beschmutzt, besudelt. Er war wohl krank, oder ein Unglück war ihm zugestoßen? Sie eilte ihm entgegen, die Treppe hinab, mit einer Sorge um ihn, die sie bis jetzt nicht gekannt.
„Johannes — Johannes!"
Da stand er vor ihr, schwankend, schmutzbesudelt. Der Hut saß ihm tief im Nacken. Er lachte und lallte.
„Johannes!" Die Bäuerin schrie den Namen, von Entsetzen gepackt.
Er war betrunken! Der Bauer vom Wald betrunken! Der Alkoholdampf ging ihm aus dem Munde.
„No, was giebt's denn. Alte? Was schreist denn so? Na i werd do amal — schau da 'nüber, die versteh'n es besser, als wir Alt'n. Ja, aber —" Der. Bauer sah sie plötzlich starr an. „Was machst denn Du da? Warum bist denn net drüb'n in dein'm neu'n seid'nen Kleid?" Er kicherte seltsam. „Geht ja hoch her heut'! Oder haben s' Di gar vergess'n?"
„Nausg'jagt hab'n s' mi, z'schlecht bin i ihna. Und der Matthes selb'r hat mir's verkünd't."
Die Bäuerin brach in Thränen aus.
Johannes lehnte sich an die Wand, und lachte still vor sich hin. „Kennst Du s' jetzt, Deine guat'n Freund'? A was! Mach's wia i, lummer Di net drum. Nur kan Stolz nirnrna hab'n. I nirnrna! G'rad leb'n von die schön'n Zins'n. O, i hab's jetzt heraußn, Frau, rni — mir kann nix mehr an."
Er stolperte die Stiege hinauf.
Ter Bäuerin brach-bei diesem Anblick das harte Herz. Sie hatte ihn auf dem Gewissen, sie allein! Sie dachte des heimatlichen Hofes, der mit Leinwand gefüllten Truhen, der Ställe mit dem gefleckten Vieh, der grünen Wielen, des duftigen Heues, das die Tenne füllte; dachte eines pausbäckigen, kräftigen Buben, den sie närrisch geliebt, eines kleinen sanften Mädels, das immer zurückstehen mußte, der sie nie so recht Mutter war. An all das dachte sie in dem finsteren Gange, auf der Stiege sitzend, während von dem Vorderhaus Walzertöne herüberklangen, der Bauer oben im Zimmer ein Sieb pfiff, und mit seinen Stiefeln herumpolterte — der betrunkene Z-auer vom Walde, der seinen ganzen Stolz verloren hatte. > I
Herr Polentz war wütend, als er von dem Vorfall hörte. Hatte er doch noch seine besonderen Pläne mit dem Alten, jedenfalls sollte er in Reserve gehalten werden.
Er unternahm einen Bermittelungsversuch, jedoch vergebens, die Bäuerin war unerbittlich. s
„Lass'n wir's dabei, es is besser so", war ihr Schlußwort.
Lange mit einer verlorenen Sache sich abmühen, war seine Art nicht. Die Zeit war für ihn zu kostbar. Eine krankhafte Gier hatte ihn erfaßt, ein Heißhunger nach dem Golde, das sich jetzt so spielend gewinnen ließ.
Einige Wochen, und die alten Leute im Hiuterhause lebten für ihn nicht mehr. . .
Ein Jahr verging; man sah sich kaum. Johannes hörte nur am Biertische von der Firma Polentz & Altinger.
So ein Erfolg war noch nie dagewesen. Dieser Polentz war der reinste Zauberer, unter dessen Berührung alles zu Gold wurde. Und wem hatte er es zu danken? Dem


