Ausgabe 
12.12.1901
 
Einzelbild herunterladen

710

Beide Hände an die Schläfen gepreßt, sah ihn der Assessor an mit einem Blick, unter dem es den Körper des Kämmerers unheimlich kalt überriefelte.

Du glaubst also, daß ich Dir eine Komödie Vorspiele? Und Du verstehst nicht, warum ich mich vor mir selbst fürchte? Nun, ich will es Dir sagen. Ich! fürchte zu vergesseu, daß der Mann, mit dem ich rede der Mann, der einen Schurken aus mir gemacht hat, und der mich! jetzt zum ge­meinen Verbrecher machen will mein eigener Vater ist. Meinen Dank glaubst Du Dir verdient zu haben meinen Dank? Großer Gott, was für ein armseliger Wicht muß ich heute in Deinen Augen gewesen sein, wenn Du Dich nicht scheust, mir das ins Gesicht zu erklären."

Tas war das drohende Gewitterrollen vor dem Aus­bruch des so lange zurückgehaltenen Orkans. Und dem Kämmerer entsank der Mut, diesem Sturme zu trotze«.

Geh'!" sagte er.Ich sehe, daß es unmöglich ist, jetzt mit Dir zu reden. Vielleicht wirst Du bis morgen hin­länglich zur Vernunft gekommen sein, um nicht wie ein Rasender, sondern wie ein zurechnungsfähiger Mensch Deine Entschließung zu fasseu. Geh' und schicke mir Deine Schwester, damit ich davor bewahrt bleibe, ganz an kind­licher Liebe und Dankbarkeit zu verzweifeln."

Kaum eine halbe Stunde später stand der Assessor Ignatius vor der Thür von Doktor Hermann Müllers Wohnung vor dem flachsblonden mecklenburgischen Be­dienten, der ihn aus seinen ehrlichen Augen mit unver­hohlenem Mißtrauen ansah.

Nein, der Herr Doktor ist nicht da. Und es ist auch ganz unbestimmt, wenn er nach Hause kommt. Soll ich ihm was ausrichten?"

Sagen Sie ihm doch nein, sagen Sie ihm nichts! Ich .werde wiederkommen heute noch; denn ich habe Dringendes mit ihm zu sprechen. In einer Stunde ist er ja hoffentlich da."

Kann sein kann auch nicht sein! Ich glaube, der Herr Doktor ist zu Gast geladen; da kommt er vielleicht erst in der Nacht."

Nun, ich werde es jedenfalls versuchen. Adieu!"

Ein ekliger Mensch !" sagte Pining nach seiner Gewohn­heit laut vor sich hin, nachdem er wieder die geschlossene Thür zwischen sich und dem Assessor wußte.Wenn ich! mein Herr wäre, ließ ich mich garnicht mit ihm ein. Heute sieht er ja noch fuchtiger aus wie neulich."

Ohne zu ahuen, einen wie ungünstigen Eindruck er auf den biederen Mecklenburger gemacht hatte, kehrte Herbert durch die völlig menschenleeren Parkanlagen, welche die Gebäude der Heilstätte in weitem Umkreise umgaben, nach der Stadt zurück. Er war unmittelbar nach der Unterredung mit seinem Vater hierher geeilt, weil er ein brennendes Ver­langen gefühlt hatte, jetzt, wo ihm die Ereignisse der letzten Wochen in einem so völlig veränderten Lichte erschienen, auch über Felicias Geheimnis aufgeklärt zu werden. Noch wußte er nicht, was er thun wollte, und er ging der nächsten Zukunft entgegen wie ein tollkühner Krieger, der in dunkelster Nacht auszieht gegen einen unbekannten, unsicht­baren, und ihm an Stärke vielleicht hundertfach über­legenen Feind. Aber es war ihm, als müsse ein pfadweisender Lichtstrahl in dieses Dunkel fallen, sobald er wenigstens die rätselhafte Ursache von Felicias Flucht erfahren. Je häufiger er sich während der letzten Tage sein Gespräch mit Doktor Hermann Müller ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, desto mehr war die Ueberzeugung in ihm befestigt worden, daß außer der Entflohenen selbst nur jener Arzt im stände sei, ihm Auskunft darüber zu geben. Ohne die Enthüllungen seines Vaters freilich würde er sich wohl nur schwer entschlossen haben, ihn noch einmal zu befragen, und auch jetzt, nach dem ersten mißlungenen Versuch, Her­mann Müller auf der Stelle zu sprechen, kamen ihm nach und nach allerlei Bedenken.

Er besaß kein Mittel, den Doktor zum Reden zu zwingen, und alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß er nur eine abermalige demütigende Abweisung erfahren würde. Aber selbst wenn der andere sich heute mitteilsamer erwies als bei jenem ersten Besuch, welchen Trost durfte Herbert davon für seine verzweifelte Gemütsstimmung erhoffen? Daß von einer Heirat mit Felicia jetzt nicht mehr die Rede sein könne, gleichviel ob sie zurückkehrte oder nicht, stand für ihn ja ohnedies mit unumstößlicher Gewißheit fest. Und tausend­mal wichtiger als die Beweggründe ihres Entweichens

mußte ihm in diesem Augenblick die Sorge nm Margaretens Schicksal erscheinen.

Ob sie sich wirklich für den Rendanten hatte opfern wollen oder ob sie sich einem von Drohungen begleiteten Befehl seines Vaters gefügt hatte jedenfalls hatte sie ihm jenen Scheidebrief, dessen Inhalt ihrem Herzen völlig fremd gewesen war, unter einem grausamen Zwange ge­schrieben. Und er verfluchte sich selbst bei dem Gedauken an die Leiden, die sein schon nach wenigen Wochen erfolgtes Verlöbnis mit der Amerikanerin ihr bereitet haben mußte. Daß er sich durch die Verhältnisse zu diesem unglücklichen Bande hatte zwingen lassen, dünkte ihm jetzt so unbegreiflich, wie wenn er nicht selbst, sondern irgend ein anderer die handelnde Person dabei gewesen wäre. Und in seiner Seele war nur noch.Raum für das einzige, inbrünstige Verlangen, der Schwergeprüften Äug' in Auge zu sagen, daß er niemals aufgehört habe, sie zu lieben, und sie auf den Knieen um Verzeihung zu bitten für die verdammenswerte Leicht­gläubigkeit, die ihn verführt hatte, ihren Brief für lautere Wahrheit zu nehmen.

Obwohl er wußte, daß nach allem, was sich seit dem Empfange dieses Briefes zwischen ihnen aufgetürmt hatte, nicht ohne weiteres zu ihr gehen konnte, am wenigsten zu einer so unschicklichen Stunde, lenkte er doch, einem inneren Zwange gehorchend, seine Schritte jener Straße zu, in dex die Wohnuug des Rendanten lag.

Der Mond war aufgegangen und übergoß mit bläulichem Lichte das Haus, unter dessen Dache er die Geliebte wußte. Tie gegenüberliegende Seite der Straße aber ivar in tiefe Schatten gehüllt, und dort schritt der Assessor unermüdlich auf und nieder, die Augen immer und immer wieder zu jenem matt erhellten Fenster im zweiten Stockwerk er­hebend, hinter dem er so manche glückselige Stunde verlebt hatte, während sich jetzt da droben sicherlich nur bitteres Herzeleid und hoffnungsloser Kummer verbargen. Als ^all­gemach um ihn her auch die letzten Geräuschs des Verkehrs- lebeus verstummten, und als er fürchten mußte, durch den gleichmäßigen Klang seiner Schritte. irt der tiefen Stille Aufmerksamkeit zu erregen, trat er in die finstere Thermische; eines Hauses und harrte mit zuckendem, von allen Qualen der Sehnsucht und der Reue zerrissenem Herzen an diesem Standorte aus, bis endlich auch das matte Licht hinter Margaretens Fenster erlosch.

Siebzehntes Kapitel.

Wenn ein ortskundiger Bewohner von M. gefragt wor- den wäre, welche Straße er für die reizloseste und trüb­seligste halte, so würde er wahrscheinlich ohne Besinnen die Mathildenstraße genannt haben. An der äußersten Grenze einer Arbeitervorstadt gelegen, hatte sie nur auf der einen Seite in langen Zwischenräumen ein paar armselige Wohnhäuser aufzuweisen, während die andere durch eine lange, schmucklose, von weißen Grabkreuzen und Urnen melancholisch überragte Kirchhofsmauer gebildet wurde.

Der Kirchhof war es denn auch, der der langen, spär­lich bebauten Straße ihren Charakter gab. In dem einen der alten, durchweg nur einstöckigen Häuschen hatte ein Steinmetz, der nichts als Grabsteine anfertigte, seine Werk­statt aufgeschlagen, und zwei andere wurden von Gärtnern bewohnt, die niemals Geburtstagssträuße und Braut- bouquetts, sondern jahraus, jahrein nur Kränze zu winden hatten. Dazwischen dehnten sich wüste, mit Schutt und allerlei Abfällen bedeckte Baustellen und der von zwei Un­aufhörlich kläffenden Hunden bewachte Lagerplatz eines Kohlenhändlers aus.

Am Tage zwar gab es hier einigen Verkehr und manch­mal sogar ein gewisses Gepränge, wenn ein Leichenwagen erster Klasse" mit einem Gefolge von zahlreichen Trauer­kutschen über das holprige Pflaster rollte. Mit dem Ein­bruch der Dunkelheit aber, wenn keine Beerdigungen mehr stattfanden und die Friedhofspforte sich hinter dem letzten Besucher geschlossen hatte, wurde es in der Mathildenstraße! ganz still. Selten nur vernähmen die wenigen Anwohner den hastigen Schritt eines späten Wanderers und noch seltener das Rasseln eines Wagens. Das heisere Gekläff der beiden hungrigen Hunde hatte dann einen fast schauer­lichen Klang, und wer ein einziges Mal um solche Zeit die schlecht beleuchtete Straße passiert hatte, der machte künftig sicherlich lieber einen weiten Umweg, als daß er sich abermals dem beklemmenden Eindruck dieser trostlosen Stille und der düsteren Mauer mit dem gespenstisch herüber schimmernden Kreuzen ausgesetzt hätte,