Ausgabe 
12.12.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Und wenn ich Dir sage, daß Deine Heirat mit Felicia um jeden Preis zu stände kommen muß daß meine Ehre und Existenz die Zukunft Deiner Schwester und vielleicht auch Deine eigene Zukunft davon abhängen? Wirst Du auch dann auf Deinem hochmütigen Standpunkt be­harren?"

Ich verstehe Dich nicht, Vater! Es ist doch nicht etwa Felicias Mitgift, an die Du dabei denkst?"

Ja, ja und tausendmal ja!" fiel ihm der Kämmerer heftig in die Rede.Wenn sie Dir heute gestünde, daß sie einen Mord begangen habe oder etwas noch Schlimmeres, um dieser Mitgift willen müßtest Du sie zu Deinem Weibe machen denn es giebt für die Ehre des Namens Ignatius keine andere Rettung mehr als Felicias Geld."

Vater um Gotteswillen, was soll das bedeuten? Es muß Fürchterliches sein, das Dir solche Worte eingebcu kann."

Sch' Dich hierher zu mir, Herbert noch näher! Denn was ich Dir jetzt sagen werde, ist nur für Dich und für mich. Und unterbricht nicht, damit ich es schnell zu Ende bringe! Ich werde deutlich genug sein, daß Du mich auch ohne Zwischenfrage verstehst."

Zehn Minuten später war der Assessor von allem unter­richtet, von dem Verbrechen des Rendanten Lindemann und von den vernichtenden Folgen, die eine Entdeckung dieses Verbrechens für Ludwig Ignatius nach sich ziehen mußte. Auch den heute eingelaufenen Brief des Rendanten hatte er gelesen, und es bedurfte nach alledem in der That keiner weiteren Erklärung mehr für bas eben noch so unbegreifliche Verlangen seines Vaters.

Schweigeno, wie der Kämmerer es von ihm gefordert, hatte er den fürchterlichen Enthüllungen gelauscht; kein Ausruf des Schreckens und keine Frage hatte den Sprechen­den unterbrochen. Aber Ludwig Ignatius brauchte nur einen Blick auf das Antlitz seines Sohnes zu werfen, um mit Bangen inne zu werden, daß das Schweigen nichts anderes war als die kurze, unheimliche Stille vor 6em schrecklichsten Sturm. Er war auf den Ausbruch! dieses Sturmes gefaßt, und wie in müder Ergebung ließ er das

Donnerstag den 12. Dezember.

Nr. 178.

1901.

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abkühlen, ivoS brennt.

tzW rziehen heißt:

aufwecken uom Schlafe,

mit Schnee reiben, ivoS erfroren ist,

Haupt auf die Brust herabsinken, während seine Rede irk einem undeutlichen Gemurmel erstarb.

Aber aitcfj jetzt noch blieb Herbert stumm. Mit fest zusammengepreßteu Lippen, starren Zügen und düster ins Leere gerichteten Augen saß er neben dem Vater,. bis dieser sich außer stände fühlte, die herzbeklemmende Stille länger zu ertragen.

Warum sprichst Du nicht, Herbert? Jetzt, da Du alles weist, magst Du mir in Gottes Namen sagen, wie tief Du mich verachtest."

Langsam kehrte der Assessor ihm sein Antlitz zu., Aber ich weiß noch nicht alles, Vater! Das Wichtigste hast Du mir bis jetzt verschwiegen."

Das Wichtigste? Dessen bin ich mir nicht bewußt."

Es mag fein, daß es Dir nicht als das Wichtigste erscheint. Mir aber bedeutet alles andere nichts neben diesem einen! Und ich fordere Wahrheit, Vater die reine, volle Wahrheit! Nicht weil sie aufgehört hatte, mich zu lieben, sondern lveil sie von der Schuld ihres Vaters unter­richtet worden war, hat Margarete ntir jenen Abschiedsbrief geschrieben? Und Du hast davon gewußt hast sie viel- leicht sogar veranlaßt, so zu handeln?"

Wenn ich es gethan habe, so geschah's, iveil cs nur noch diese einzige Möglichkeit gab, ihren Vater vor schimpf­licher Strafe zu bewahren. Und sie selbst hat das auch sogleich recht gut eingesehen. Ich habe keinerlei Zwang auf sie ausgeübt, sondern mich begnügt, sie in freundlichster Weise über die Sachlage aufzuklären. Von einer Heirat mit der Tochter eines 'Diebes hätte für Dich ja ohnehin! nicht mehr die Rede sein können. Aber wie ich Dich kannte, mußte ich fürchten, daß Du in übel angebrachtem Edelmut lieber Dein ganzes Leben verpfuschen als Dich zu einem neuen Verlöbnis entschließen würdest. Und nur, um das zu verhindern,' gab ich Margarete den Rat, den sie ver­nünftigerweise im Interesse ihres Vaters befolgt hat. Ich wußte, daß Felicia Dich leidenschaftlich liebte, und ich war sicher, in jeder Beziehung Dein Glück zu machen, indem ich das Zustandekommen dieser Verbindung begünstigte. Wenn Du die Dinge mit ruhigem Blick betrachtest, wirft Tu! einsehen, daß ich für meine Handlungsweise eher Deinen Dank als Deine Vorwürfe verdient habe. Aber was soll das, Herbert? Du willst doch nicht fort, ehe wir uns voll-, ständig ausgesprochen haben?"'

Er fragte es in großer Bestürzung; denn der Assessor ivar aufgestanden und hatte sich der Thür zugewendet.. Auf halbem Wege stehen bleibend, sagte er mit seltsam ge- preßter Stimme:

Ja, ich will fort, Vater! Diese Wände erdrücken nnG und ich fürchte mich vor mir selbst."

Was für Reden sind das? Ich denke, je weniger dra­matisch wir diese Auseinandersetzungen werden lassen, desto besser ist es für Dich und für mich und auch für Margarete, an der Dir ja noch immer so viel mehr zu liegen scheint! alI an Deinen nächsten Angehörigen."