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Margarethens, daß es nur natürlich war, wenn er freudig einstjmmte, und mit der lebhaften Beredsamkeit des aufrichtig Verliebten von seinem gegenwärtigen Glück, und von seinen Hoffnungen auf eine noch seligere Zukunft sprach. Er geriet dabei so in Hitze, daß er es gar nicht bemerkte, tote Fekicias Zwischenreden intmer seltener wurden, und zttletzt ganz verstummten. Erst als sie das Ziel ihres Weges erreicht hatten, und mitten in dem Hellen Lichtkreis einer Straßetilaterne Halt machten, um einander Gutenacht zu wünschen, nahm er wahr, daß ihr Gesicht nicht mehr die vorige Heiterkeit zeigte, und auch ihre Stimme schien ihm von merkwürdig verändertem, frostigen Klange. Sie reichte ihm Wohl zum Abschiede die Hatto, aber sie zog sie auffallend schnell wieder zurück, und als er fragte, ob er sich Hoffnung auf eine baldige Fortsetzuttg ihrer gemeinsamen musikalischen Uebuttgen machen dürfe, erwiderte sie ziemlich kurz, darüber ließe sich heute noch nichts Bestimmtes sagen.
Tie Thür des Hauses fiel hinter ihr zu, uttb Herbert hatte die Empfindung, daß er sie durch sein Benehmen oder durch eine seiner Aeußerungen wider Willen gekränkt haben müsse. Diese Vorstellung erfüllte ihn mit Bedauern; denn er hatte sich dem bestechenden Eindruck ebensowenig entziehen können, als irgend jemand, der in ihre Nähe kam. Uttb es war gewiß nicht feine Absicht gewesen, bte genußreichen Stunden, die er ihr verdankte, durch irgend eine Unfreundlichkeit zu vergelten. Umsonst aber rief er sich alle Einzelheiten ihres Gespräches ins Gedächtnis zurück, um die Ursache ihrer so plötzlich zutage getretenen üblen Laune zu ergründen. Unb ° allgemach drängte die Erinnerung an Margarethe das kleine Unbehagen, welches ihm. der Abschied von Felicia erzeugt hatte, soweit in den Hintergrund seiner Seele zurück, daß er es ganz und gar vergessen hatte, noch ehe er wieder über die Schwelle des väterlichett Hauses getreten war.
Sechstes Kapitel.
Als der Kämmerer Ludwig Ignatius fünf Tage später zur gewohnten Bormittagsstunde sein Amtszimmer betrat, machte ihn der alte Noster auf einen ebeti eingelaufenen und an den Herrn Stadtrat persönlich adressierten Eilbrief aufmerksam, den er an einer in die Augen fallendeti Stelle ttiedergelegt hatte.
„Das ist ja die Handschrift des Rendanten Lindemann!" sagte Ignatius, nachdem er einen Blick auf den Umschlag geworfen hatte. „Ist er denn nicht in seinem Bureau?"
Noster kotmte darüber keine Auskuttft geben, und der Kämmerer erbrach den Brief, dessen Inhalt sein Befremden noch um ein Erhebliches steigern mußte, da er lautete:
„Sehr geehrter Herr Stadtrat!
Durch ein heftiges Unwohlsein zu meinem Leidwesen ßtt das Bett gefesselt, bitte ich Sie inständig, sich gütigst sofort nach Empfatrg dieses Briefes zu mir zu bemühen. Ich habe Ihnen eine Mitteilung von äußerster Wichtigkeit zu machen, eine Eröffnung, die Ihr eigenes Interesse ebenso nahe berührt als das meinige, und die keinen Aufschub duldet, da nur durch rasches Handeln ein schweres Unglück vielleicht noch abgewendet werden kann. Nicht so sehr meinetwegen als um Ihrer selbst, und um unserer Kinder willen flehe ich Sie an, die Bitte eines Verzweifelnden nicht unberücksichtigt zu lassen, und bleibe in Erwartung Ihres baldigen Erscheinens in tiefster Ergebenheit
Franz Lindemann."
Stirnrunzelnd hatte der Kämmerer die wenigen Zeilen gelesen.
„Was in aller Welt hat das zu bedeuten?" dachte er. „Ist der sonderbare Kauz etwa über Nacht vollständig närrisch geworden? Er wird doch nicht am Ende gar auf eine Rückzahlung seines Geldes drängen. Der Augenblick dazu wäre wahrhaftig schlecht genug gewählt."
Eiue Weile schien er ungewiß, ob er der Aufforderung überhaupt Folge leisten solle; dann aber entschloß er sich doch, den peinlichen Weg nach der Wohnung des Rendanten anzutreten. Und er fühlte sich keineswegs frei von Beklomntenheit, als er, von einer alten Aufwärterin empfangen, die Schwelle des halb verdunkelten, schmalen Schlafzimmers überschritt.
„Na, was ist denn nun Fürchterliches passiert, lieber Lindemann?" rief er mit erzwungener Jovialität dem
Patienten zu, der sich bei seinem Anblicke mit halbem Leibe aus den Kissen erhob. „Sie haben doch hoffentlich noch nicht die Absicht, mich zum Vollstrecker Ihres letzten! Willens zu ernennen?"
Seine Augen gewöhnten sich erst allmählich an die! herrschende Dämmerung, und nun, da er die Züge des im Bette aufrecht Sitzenden erkennen konnte, wollte ihn fem Scherz beinahe gereuen; denn Franz Lindemann hatte! wirklich das Aussehen eines Menschen, dem der Gedanke! an den Tod näher liegen muß, als irgend ein anderer.; Sein Gesicht war ganz verfallen, und in seinen tief ein-t gesunkenen, von breiten, blauen Ringen umgebetien Äugest zeigte sich das unstete Flackern hochgradigen Fiebers.
„Treten Sie näher, Herr Stadtrat!" sagte er mitj heiserer, fast klangloser Stimme. „Und verriegeln Sie, bitte',, hinter sich vte Thür, daß niemand uns überrascht. Ich; habe zwar Margarethe unter einem Vorwande fortgeschickt, nm mit Ihnen allem zu sein. Aber es könnte doch geschehens daß Sie vorzeitig kommt; denn sie ließ sich nur schwer bewegen, mich zu verlassen."
Ludwig Ignatius that nach dem Wunsche des Kranken/ aber je weniger er die Ursache dieses geheimnisvollen Gebührens begriff, desto unbehaglicher wurde ihm dabei zu Mute. Er wollte in einiger Entfermmg stehen bleiben; aber der Rendant deutete mit bittender Geberde auf einen hart neben sein Lager gerückten Stuhl.
„Setzen Sie sich hierher, und bemühen Sie sich, mich ruhig anzuhören. Ich muh Ihnen ein Geständnis machen,- das sich nicht länger hinausschteben läßt. Ich bin nicht der,' für den Sie mich bis heute gehalten haben — nicht der wohlhabende Mann, und nicht der achtungswerte, Pflicht?, getreue Beamte. Ich bin ärmer als ein Bettler — und ich bin ein gemeiner Dieb."
Dem Kämmerer rieselte es kalt über den Rücken, als wäre er mit einem Kübel eisigen Wassers überschüttet wor-, den. Aber diese Selbstanklage war zu ungeheuerlich, als daß er sie sogleich hätte für Wahrheit nehmen können.
„Sie sind krank, lieber Freund", sagte er begütigend,, „und es ist das Fieber, das Ihnen solche HirngespinW erzeugt. Ich hoffe, daß Sie bereits nach einem Arzte geschickt haben, damit etwas für Sie geschieht."
„Ich brauche keinen Arzt, Herr Stadtrat! Und toemt ich auch nicht ganz wohl bin, so ist es doch keineswegs das Fieber, das aus mir redet. Mein Verstand ist völlig klar, und was ich Ihnen soeben gesagt habe, ist die lautere! Wahrheit. Seit mehr als vier Jahren habe ich die meiner! Obhut anvertrauten Kassen bestohlen, und die Gesanttsuntme! meiner Unterschlagungen beläuft sich in diesem Augenblick auf ungefähr vierundachtzigtausend Mark."
Ludwig Ignatius war von feinem Stuhl aufgefahren.- Mit dunkelrotem Gesicht und mit geballten Fäusten stanh er vor dem Kranken,
„Mensch! Wenn das wahr wäre! Wenn Sie meist Vertrauen auf eine so schamlose Weise getäuscht hätten! Aber es ist ja unmöglich. Die Erbschaft von hunderttausend' Mark, die Sie vor drei Jahren gemacht haben — —"
„Sie war eine Lüge. Das Legat, das mir mein ist Montevideo verstorbener Vetter ausgesetzt hatte, machte kaum den vierzigsten Teil dieser Summe aus. Unb ich erfand die Geschichte von der großen Erbschaft zu keinem! anderen Zweck, als um meine Börsengeschäfte zu er Hären,; von denen einer der Herren im Magistrat zufällig KennK nis erhalten hatte."
Der Kämmerer preßte die Fäuste gegen die Schlafest.; Noch vermochte er nicht ganz die Tragweite der sürch-ter-t lichen Enthülllung zu erfassen, und doch schwindelte ihm,- als hätte sich hart vor seinen Füßen plötzlich ein Abgrunds aufgethan, und als fühle er in seinem Nacken schon die unbarmherzigen Fäuste, die ihn in die grauenhafte Tiefs hinabstürzen wollten.
„Ein Verbrecher also! Ein ehrloser Betrüger! -s Und Sie haben es gewagt —
Der Rendant hob flehend seine abgemagerten Hände/ um ihn an der Weiterrede zu hindern.
„Ich verdiene keine Schonung — ich weiß es. Aber! Sie sollten mich trotzdem anhören, ehe Sie mich verdammest,; Nachher mögen Sie dann meinetwegen sagen, unÄ thun, was Ste für das Rechte halten,"- -
(Fortsetzung folgt.).


