Ausgabe 
12.11.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Nein", brachte er mit sichtlicher Anstrengung her­aus.Es ist nichts mir fehlt nichts. Aber der Be­schluß, von dem Sie da sprachen, ist doch Wohl noch kein endgiltiger nicht wahr?"

Er muß natürlich erst vom gesamten Magistrats- kollegium gebilligt werden, bevor er in Kraft tritt. Aber die einstimmige Annahme des Vorschlags ist unbedingt sicher. Es liegt gar kein Anlaß zum Widerspruch vor, und Sie wissen ja, daß unser neuer Oberbürgermeister seinen Willen schließlich auch gegen einen etwaigen Widerspruch durchzusetzen weiß."

Aber ich ich fühle mich durchaus nicht über­bürdet. Ich liebe die Arbeit und befinde mich wohl dabei. Sie haben es gewiß sehr gut gemeint, Herr Stadtrat, aber ich kann diese Erleichterung nicht annehmen, die ich wie chne Demütigung empfinden würde. Wenn Sie mich zu innigstem Dank verpflichten wollen, so sagen Sie das dem Oberbürgermeister und sagen Sie es ihm, bitte, schon morgen."

Befremdet schüttelte. Ludwig Ignatius den Kopf.

Sie sind wahrhaftig ein wunderlicher Heiliger, mein lieber Lindemann! Jeder andere an Ihrer Stelle würde herzlich froh sein, die Plackerei los zu werden; denn es bleibt Ihnen mit der Verwaltung der Stadthauptkasse doch immer noch Arbeit genug. Ich glaubte, Ihnen einen Freundschaftsdienst zu erweisen, als ich den Oberbürger­meister in seiner Absicht bestärkte. Aber ich vermute, offen gestanden, daß die neue Anordnung auch ohne mein Zureden erfolgt sein würde. Sie bildet einen Teil jener großen Reform, der auf Betreiben des neuen Oberhauptes die gesamte städtische Verwaltung unterworfen werden soll. Und Sie können sich wohl denken, daß Ihr Wunsch, die Kasse zu behalten, daran nichts ändern wird. , Ganz ab­gesehen davon, daß ich. mich geradezu lächerlich machen würde, wenn ich morgen widerriefe, was ich heute gesagt habe."

Der Rendant hatte den Kopf auf die Brust herab­sinken lassen. Seine Gestalt schien innerhalb weniger Se­kunden noch kleiner und hinfälliger geworden zu sein. Es war, als ob er etwas erwidern wollte, aber er kam nicht

Dienstag den 12. November.

Nr. 162.

1901.

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jmn du des Daseins Kranz zu erwerben, Wenn du dich selbst zu vollenden begehrst: Leb', als müßtest du morgen sterben, Streb', als ob du unsterblich wärst. Geibel.

Über das vorbereitende Räuspern hinaus, und nachdem er kurze Zeit vergeblich gewartet hatte, fuhr der Stadtrat - in seiner jovialen Weise fort:

Suchen Sie sich also mit der unerlviinschten Be­quemlichkeit abzufiilden, lieber Freund! Und trösten Sie sich mit der Gewißheit, daß noch niemand an einer Ver­ringerung seines Arbeitspensums gestorben ist. Jetzt, aber lassen Sie uns zu unseren Damen zurückkehren, damit ich nicht bei meiner Nichte in den Verdacht der Unhöflich­keit komme."

Er nahm den Arm des Rendanten,. um ihn mit sich fortzuziehen. Lindemann aber hielt ihn noch für einen Augenblick fest.

Wann wird die nächste Magistratssitzung stattfinden, GSprr (strtbfTClt ?/z

Heute in acht Tagen das sollten Sie doch wissen."

Ja, ja! Ich fürchtete ich glaubte nur, daß viel­leicht eine außerordentliche Sitzung anberanmt wäre. Und vorher wird die definitive Entscheidung also in keinem Fall erfolgen?"

Nein, in keinem Fall", bestätigte Ludwig Ignatius mit kaum verhehlter Ungeduld, lliti) nun hinderte ihn der Rendant nicht mehr, in den großen Salon zurückzukehren.

Felicia hatte dort soeben einen verstohlenen Blick auf ihre winzige, brillantenbesetzte Taschenuhr geworfen und erklärt, daß sie aufbrechen müsse. Der Stadtrat, der ihre letzten Worte gehört hatte, beeilte sich zu versichern:

Herbert wird Sie natürlich begleiten ein Ritter­dienst/ den ich alter Mann ihm leider nicht streitig machen darf."

Aber ich fürchte, den Herrn Assessor seiner Braut zu entziehen", wandte Felicia zögernd ein, und erst auf Margarethens freundliche Erwiderung, daß sie heute ja einen Beschützer in ihrem Vater habe, zeigte sie sich mit der Begleitung Herberts einverstanden.

Die Gäste waren gleichzeitig aufgebrochen, aber der Weg nach Felicias Pensionat führte in die der Wohnung des Rendanten entgegengesetzte Richtung, und schon vor der Thür des Jgnatius'schen Hauses mußten sich deshalb die beiden Verlobten trennen. Gewiß war Margarethe daran gewöhnt, daß Herbert ihr auf dem Heimwege das Geleit gab, aber in ihrem Benehmen zeigte sich, doch nichts von eifersüchtiger Verstimmung gegen die Amerr- kanerin, derentwegen sie sich heute in ihrem Liebesglück ver­kürzt sah. Sie nahm den Arm ihres Vaters, mehr um ihn zu stützen als um sich von ihm führen zu lassen, und als der Assessor sich noch einmal nach ihnen umschaute, waren sie seinen Blicken bereits entschwunden.

Er selbst zeigte sich anfänglich wenig gesprächig, aber seine schöne Begleiterin wußte ihm bald die Zunge zu lösen; denn sie brachte die Unterhaltung auf seine, Ver- lobte, und äußerte sich mit solcher Wärme über die an­mutige Erscheinung, und die liebenswürdigen Eigenschaften