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Ruscha in ihrem einfachen Sommerkleide ans im Vergleich zu Irma, dte in hocheleganter, spitzenüberladener Tinertoilette erschienen war!
Nach dem Tiner zogen sich die beiden Schwäger in das Zimmer des verstorbenen Freiherrn zurück, das nun das Zimmer von Eitel Fritz werden sollte, während Ruscha Irma in ihr Gemach begleitete, um sich einige neue Toiletten anzusehen.
(Fortsetzung folgt.)
Vom Monat Oktober.
Oktober 1901.
(Nachdruck verboten.)
Der Herbst hat seinen Einzug gehalten, kürzere Tage, längere Nächte. Schneller als man es gedacht, ist die Zeit gekommen, die die Menschen in ihr Heim znrückdrängt. Hat der Herbst erst die Oberherrschaft gewonnen, so bringt er den Beginn wechselreicher und angenehmer Vergnügungen, aber auch Sorgen durch die Vorbereitungen für die herannahende Winterszeit mit.
In den Delikatessengeschäften halten in- und ausländische seine Gemüse ihren Einzug. Wir sehen französischen grünen Spargel, dessen Spitzen zart und fein schmecken, Cardy, die zierliche Stachis, englischen Bleichsellerie und Schwarzwurzeln, Straßburger Gänseleber-Pasteten in frischen Fabrikaten. Wie verlockend sind die Gaben, die aus fernen, sonnigen Ländern zu uns kommen, hauptsäch- lich die Delikateßfrüchte, allerlei Trauben, Pfirsiche, Granatäpfel, chinesische Dattelpflaumen, amerikanische Cronberry, ein sehr empfehlenswertes Kompott, das aber der dicken Schalen wegen durchgeschlagen werden muß, ferner die den Tomaten verwandten Auberginen oder Eierfrüchte, die halbiert, mit Fleischsauce gefüllt und in Butter gebraten, dem deutschen Gaumen am besten zusagen. Wenn wir zum Obst übergehen, so sinken wir neben geringer Ware gute Birnen, Aepfel, Quitten und Pflaumen. Das marktgängige Tiroler Obst ist in diesem Jahre rarer. Schlehen und noch wenige Brombeeren und Preißelbeeren sind die Früchte des Waldes. Pilze sind im Oktober noch in reicher Sorteuzahl Und guter Ernte zu erwarten.
Der Gemüsemarkt weist noch keine Lücken auf, Spinat, Rosen- und Blumenkohl sind in guter Ware vorhanden. Tomaten haben zwar nicht. mehr das satte Rot des Sommers, sondern eine fahle Farbe, was ihrem Wohlgeschmack über keinen Eintrag thut. Neben Kürbis, Mohrrüben, Teltower Rübchen siuden. wir noch teilweise schöne Wachs- und Schnittbohnen, und die verschiedenen Zwiebelarten zeigen sich!, wie immer bei Beginn des Herbstes, in Massen auf dem Markt. Für das vielfach beliebte Gericht „Gefüllte Zwiebeln" mit Fleischsauce ist die spanische Zwiebel besonders fein. Vorherrschend auf dem Gemüsemarkt sind Kartoffeln und sämtliche Kohlarten; Braun- und Grünkohl, der durch einige Nachtfröste schon etwas wertvoller für die Küche geworden ist, Rot-, Welsch- und Weißkohl. Letzterer wird jetzt waggonweise nach den Städten befördert, wo er in großen Mengen zu dem allgemein beliebten Sauerkraut eingelegt wird. Magdeburg ist die Stadt des anerkannt besten Sauerkrautes, es wird von da über ganz Europa und sogar nach Amerika versandt. In Frankreich! gilt das Straßburger Sauerkraut für das beste. Das Sauerkraut ist nicht nur ein gelegentliches Aushilfsessen, sondern ein Nahrungsmittel int besten Sinne des Wortes. Die Gährung setzt den Zuckergehalt des Kohls in Milchsäure um und verleiht auf diesem Wege dem Sauerkohl den pikanten Geschmack. Auch trägt die Milchsäure zur Lösung des Eiweißstoffes bei unb> dadurch zur Verdaulichkeit , des von ihm begleiteten Fleisches. Das Sauerkraut giebt einen guten Salat, gekocht oder gedünstet eine zuträgliche Beigabe zu Fleisch, Wild und Fischen jeder Art. Eine der pikantesten Zubereitungen, besonders gern §u, Fasan und Rebhuhn gegeben, ist die folgende: Ein Kilo Sauerkraut toirb1 aufgelvckert, mit kochendem Wasser übergossen, ausgedrückt und in ein halbes Liter kochende Bouillon aus 10 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt gethatt, 50 Gramm Butter, eine Prise Zucker, eine Prise Pfeffer und zwei in Scheiben geschnittene^ Aepfel zugefügt und weich gedämpft. Kurz vor dem Anrichten fügt man noch ein Glas Apfelwein, einen Eßlöffel Essig und drei große geriebene Kartoffeln bei, läßt nochmals alles 5 Minuten langsam dünsten und giebt das Sauerkraut M Tisch.
Fe weiter wir in den Oktober vorrücken, um so besser wird die Fischversorgnng. Karpfen sind schon in bedeutenden Mengen da, ein Zeichen für den Beginn der Saison, die in der Weihnachtszeit ihren Höhepunkt erreicht. Aale, Welse, Teich- und Seehechte, der jetzt vorzügliche Tafelfisch der Steinbutt, Weichsel- und Rheinlachs, Zander, Schleie und alle beliebten billigen Seefische treffen in regelmäßigen Sendungen ein.
Haus- und Mastgeflügel ist reichlich da, und nicht zu hoch! im Preise. Der Markt bietet Schlachtgänse, Hühner, Enten, Puten und Perlhühner. Tauben werden knapp.
Wildpret ist im Oktober in allen Sorten vorhanden. Reh-, Hirsch-, und Damwild. Tie Aussichten auf die Ergebnisse der Hasenjagd werden für günstig gehalten, vorläufig sind es mehr Feldhasen, die geschossen werden, später, wenn die Wälder lichter sind, kommen mehr Wald- hasen zum Abschuß. Von Wildgeflügel erscheinen in ben Handlungen: Fasanen, Krammetsvögel, Leipziger Lerchen und die feinste Delikatesse, Feld- ober Rebhühner. In der ersten Hälfte des Oktobers ist das Rebhuhn der diesjährigen Brut ausgewachsen und bietet den Hochgenuß, den der Feinschmecker sucht. Das Fleisch des jungen Rebhuhnes ist bekanntlich viel zarter und saftiger als das des älteren, schärfer duftenden Huhnes, das aber dennoch gedämpft und mit Gemüse ein ganz schmackhaftes Essen giebt. Eine glatte, mit Butter ausgestrichene Form belegt man am Boden mit kleinen Blumenkohlrvsen und ausgestochenen Scheiben roter und gelber Möhren, die man zuvor in starker Bouillon aus Liebigs Fleisch!-Extrakt weich gedünstet hat, die Seitenwände bedeckt man mit halbgaren Kohlrabi- und Möhrenscheiben, und bestreicht alsdann Boden und Seitenwände mit einer Kalbfleichsauce. Mehrere ältere Rebhühner dämpft man inzwischen mit kleinen Welschkohlherzeu in Butter weich, läßt beides gut abtropfen, zerlegt die Hühner in Viertel, legt beides, Hühner sowohl wie Kohl in die Form, bestreicht sie oben mit einer Farceschicht, schließt die Form und kocht die Chartreuse int Wasserbade eine Stunde. Tie Rebhuhnbrühe verdickt man mit brauner Mehlschwitze, fügt ein wenig Pfeffer und Champignonextrakt zu, kräftigt die Tunke noch mit 5 Gramm Liebigs Fleischextrakt und reicht sie zu dem gestürzten, ungemein kräftig und wohlschmeckenden Gericht. __________
Vom Rauchen.
(Nachdruck verboten.)
Der Tabak ist eines der gebräuchlichsten und weitverbreitetsten Genußmittel, dessen Konsumenten in allen Klassen der menschlichen Gesellschaft der dies- und jenseitigen Hemisphäre zu finden sind. Unzweifelhaft hat der Tabak nächst dem Alkohol die meisten und beharr- listen Verehrer, und die würdigsten Vertreter des Menschen- geschlechtes scheuen sich nicht, seinem Genüsse zu fröhnen. Während andere narkotische Genußmittel ihre Heimat nicht verließen, hat der Tabak seinen Siegeszug durch alle Länder ungetreten und alle Nationen tributpflichtig gemacht. Ter Süd-Amerikaner berauscht sich am Koko, der Indier am Haschisch, der Türke am Opium, fast alle Völker genießen den Alkohol in irgend einer Form, aber sie entbehren deshalb nicht den Tabak, dessen Geruch und Geschmack gleich angenehm befriedigt.
Tie menschliche Kultur hat es noch nicht vermocht, auf den Geruchssinn eine andere Lustempfindung zu gründen, als das armselige Vergnügen des Tabakrauchens, das, durch den engen Kreis weniger Empfindungen abge- schlosseu, uns schließlich! unfähig macht, die feineren Genüsse dieses Sinnes zu kosten. Indem wir ohne Haß und Liebe über das Tabakrauchen urteilen, stellen wir uns in die Mitte zwischen jene unermüdlichen Verehrer, die den ganzer! Tag in einer qualmigen Atmosphäre leben, Und! die rücksichtslosen Feinde des Tabaks, welche das arme Kraut schmähen und ihm den Vorwurf der Entartung! und Vergiftung machen. Die an verschiedene Individuen gerichtete Frage, warum sie rauchen, ergiebt gewöhnlich ebenso verschiedene Antworten. Der eine raucht, um Sorgen und trübe Gedanken zu verscheuchen, der andere, um Anregung zu geistiger Arbeit zu finden, der dritte, um den Hunger zu dämpfen, der vierte, um die Verdauung zu fördern und Langeweile zu vertreiben uff.; so ist der Vorwand des einen das Gegenteil von dem, was der andere! M .glaubwürdigen Grundj vorzubringen versucht,


