Ausgabe 
12.2.1901
 
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Grundlage errichtet ist, insofern wenigstens, als die Beamten, die Mandarine, wie die in Europa allge- nlern übliche, ursprünglich portugiesische Bezeichnung lautet - m der Theorie! - nur durch wiederholte Prüfungen für dre Aemter srch qualrsizieren können, Prüfungen, die wieder allen Söhnen des Landes in gleicher Weise offen Uhen, mrt alleiniger Ausnahme derer der allerniedrigsten Klasse, der Schauspieler, und bis vor kurzem auch der Barbrere.

Was für eine irrige Vorstellung wir uns da von der Regierung Chinas leicht machen könnten, wollten wir die Zustande nach der gewiß recht hübsch erdachten Theorie allein beurteilen. Denn in der Praxis gestaltet sich die Sache so ganz anders, eine Praxis, die sich durch den Um- stand herausgebildet hat, daß dein Chinesen der bloße Schein so leicht genügt und eine Bestechlichkeit sich einqe- schlichen, die das ganze öffentliche Leben in der schänd­lichsten Weise unterminiert hat.

. Die allgemeinen Prüfungen sind allerdings eine wunderbare Thatsache in diesem wunderbaren Lande Bei meinem ersten Besuch einer größeren chinesischen Stadt, Kanton, kam ich plötzlich auf einen großen Platz endloser Rechen streng voneinander abgeschlossener Schuppen. Es waren die Examinations-Gefilde, und in diesen kleinen Bnden werden die Kandidaten mehrere Tage einzeln ein­geschlossen, die ihnen gestellten Aufgaben zu lösen. Diese bestehen ausschließlich aus einigen den Lehren des C o n - fucius entnommenen Thematen, und je mehr in der Bearbeitung derselben Confucius ausgeschlachtet, je aus­geprägter die Lösung im Sinne der Anschauungen des Con- fucms erfolgt, für .desto besser gelten die Arbeiten, die zum Teil in Versen, zum Teil in Prosa abzufassen sind.

In derselben Weise haben auch die militärisch en Mandarine ihre Fähigkeiten an den Tag zu legen. Doch genießen diese keineswegs dasselbe Ansehen wie die Zrvrlbeamten, und ihre Prüfungen sind dementsprechend lerchter. Dagegen müssen sie im Reiten und so war es Brauch seit Urväter Zeit, so ist es daher bis auf diesen Tag im Bogenschießen einigermaßen bewandert sein, wenn sich dazu in neuester Zeit unter europäischen Unterweisern mit mehr oder weniger Erfolg auch wohl noch einige andere Dinge gesellt haben.

Würde es nun nach unseren Begriffen wenig zweck­entsprechend sein, wollten wir unsere Beamten und Offiziere lediglich ans Grund ihrer Bibelfestigkeit und nach ihren Fähigkeiten, die Bibel auszulegen, auf ihre Posten be­rufen, so hat man in China, wo eben alles bestechlich ist, noch keineswegs die Sicherheit, daß eben jene Befähigungen allein zum Ziele geführt haben. Auch haben diejenigen, welche die erforderlichen Prüfungen bestanden, damit noch keinen Anspruch auf Anstellung. Darin muß erst noch der allmächtige Tael mitsprechen. Und wer den nicht hat, nun der findet auch wohl Leute, die sich seiner annehmen, wie sie ihm vielleicht schon zum Studieren die Mittel vor­gestreckt haben, in der Berechnung, ihr angelegtes Kapital bei einer erfolgreichen Laufbahn des hoffnungsvollen Kan­didaten, dereinst mit Zinsen zurückzubekommen. Aber die Mehrzahl der Literati bleibt ihr Lebelang ohne Amt. Denn der Andrang zum offiziellen Gelehrtentum ist so groß, wie die Auszeichnung selbst ohne Amt eine erhebliche ist. Es giebt daher Leute, die ihr ganzes Leben hindurch stu­dieren und kandidieren, kein Examen unversucht'lassen und schließlich solchlöbliche Ausdauer" belohnt finden, indem ste dann etwa in ihrem achtzigsten Lebensjahre durch einen Gnadenakt des Kaisers zur Zunft zugelassen werden. Der erbliche Adel, der nur eine kleine Anzahl von Personen umfaßt, ist von geringer Bedeutung. Der eigentliche Adel Chinas sind die Literati, also immerhin ein Adel der Intelligenz.

Werden nun in der Theorie die Mandarine ausschließ­lich aus dem Gelehrtenstande ausgewählt, wenn sie die erforderlichen Mittel aufzuweisen haben, so genügt die letztere Befähigung in vielen Fällen aber auch schon allein zur Eröffnung der Beamtenlaufbahn, und zwar nicht nur mit Hilfe der das ganze chinesische Leben überwuchernden Bestechlichkeit, sondern es werden häufig auch Männer, die etwa zur Zeit eines nationalen Unglücks und bei sonstigen Gelegenheiten als Wohlthäter auftreten, auf Grund dessen

ganz offen mit einem Amte belehnt, das ihnen Mittel und Wege an die Hand giebt, sich wieder zu bereichern.

Die Mandarine sind in neun verschiedeneGrade abgestuft, die allesamt durch den Stein oder Knops, den sie vor der Mütze tragen, das Muster des ihnen auf die Brust wie aus den Rücken ihres offiziellen Gewandes ge­stickten Tieres und die Gürtelschnalle sich voneinander unter­scheiden, von dem Rubin an der Mütze des höchsten Grades, dem gestickten mandschurischen Kranich und der Gürtel­spange aus Nephrit bis zum einfachen Silberknopf der langschwünzigen Elster und der Schnalle aus Büfselhorn des letzten Grades. Jeder Beamte ist streng seinem nächsten Vorgesetzten untergeben, jeder für alle, die ihm unter­stellt, im strengsten Sinne des Wortes verantwortlich. Er deckt daher geringfügigere Versehen gern rückhaltlos auf, während er schwerere Vergehen, die ihn selbst in eine unangenehme Lage bringen könnten, nach Möglichkeit ver- deckt. Alle aber lassen sich's vornehmlich angelegen sein, nach! oben hin weislich zu schmieren und von unten her nach Kräften sich schmieren zu lassen.

Daran hindert auch das große Jnspektionsamt nichts, das Kollegium derZensoren", denen es obliegt, zu prüfen, ob die Beamten überall ihre Pflicht thun und über- all Gesetzmäßigkeit herrscht, und was noch wunderbarer erschernen dürste, die von ihnen entdeckten Fahrlässigkeiten und Gesetzesübertretungen werden rückhaltlos in den Spalten der offiziellen Peking-Zeitung, dem ältesten Blatte der Welt aufgedeckt. Rückhaltlos! So scheint es wenigstens. In­dessen, wo nicht die erforderlichen Taels schon genügend gesichtet, da wird wohl aus anderen Gründen eine strenge Redaktion stattfinden; und was veröffentlicht wird, ist in den meisten Fällen gewiß nur eiu Schatten von dem, was veröffentlitch werden sollte. Es wird sicherlich vielfach nur kritisiert", um dasGesicht" den Schein zu wahren.

Aber man sollte es! kaum für möglich halten, den Späher- äugen der Zensoren ist selbst das Thun und Treiben des allmächtigen Kaisers unterworfen. Und selbst seine Sünden werden in dem offiziellen Regierungs-Organ zuwerlen öffentlich gerügt! Hat es einmal lange nicht geregnet oder zu viel geregnet, so wird das sofort dem Kaiser .zugeschrieben, und die Berufskritiker werden nicht ermangeln, ihn zu ermahnen,ernstlicher auf einen mora- lischen Lebenswandel bedacht zu sein und sich einer wirkungs­volleren Erfüllung seiner Pflichten zu befleißigen"! In­dessen werden bei zu lange andauerndem Regen auch Die betreffenden Götter zuweilen aus den Tempeln ins Freie gebracht, um ihnen in handgreiflicher Weise vor Augen zu führen, was sie angerichtet haben!

Solche öffentlich gegen den Kaiser gerichteten Vorwürfe sind von altersher so Brauch, und werden wohl erst sorg­fältig genug erwogen und genehmigt werden. Aber es scheint wirklich, daß die offiziellen Fehlerfinder zuweilen aus eigener Machtvollkommenheit Kritik üben und nicht nur an dem Kaiser, sondern an der noch 'furchtbareren Person der Kaiserin-Witwe, die nicht mit sich spaßen läßt. So hatte zur Zeit ihrer Regentschaft ein solcher Zensor die Kühnheit gehabt, in der Zeitung zu beantragen, daß der Vater des damals noöß unmündigen Kaisers sein Amt als Gouverneur einer Provinz niederlegen und der verstorbenen Kaiserin ,noch nach ihrem Tode ein Ehrentitel verliehen werden solle. Daß die Regentin eine solche Kühnheit übel ausgenommen, kann uns kaum so sehr wundern, als daß ein solches Gesuch, in dem offiziellen Journal überhaupt abgedruckt, und daß die hohe Frau nun in der nächsten Nummer darauf antwortete und hervorhob, daß die Vor­schläge fie mit Erstaunen füllten. Weniger betrofsen sind wir vielleicht von dem Schlußsatz ihrer Antwort, der da lautet:Er" der Zensorsoll den Behörden über­liefert und exemplarisch bestraft werden."

Indessen der ganze Vorgang erscheint so befremdend, daß man sich gewisser Nebengedanken kaum erwehren kann. Wer weiß, ob die hohe Frau dem Artikel selbst so fern ge­standen, wie sie sich den Anschein gab. China ist ja ein so wunderliches Land, daß dort vielleicht zuweilen gar die Presse von oben her inspiriert wird.

Wilh. F. Brand.