Ausgabe 
12.2.1901
 
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und dem langgezogenen, trauervollen Seufzen des Windes und der hochgehenden See.

Wir behielten dieses Wetter den ganzen Kanal hindurch. Von Richard sah ich daher sehr wenig. Ich verließ selten die Kajüte, und er kam nur selten hinein, höchstens zu den Mahlzeiten, die er daun mit solcher Schnelligkeit einnahm, daß ich nicht dazu kam, mich mit ihm zu unter­halten. Des Nachts umhüllte uns undurchdringliche Fin­sternis, die uns mit jeder Böe noch enger einschloß, so daß nichts sichtbar blieb als-wenige Faden der stürmischen See, über die die Bark wild dahinstampfte.

Jedesmal, wenn icfy etwas von den Sorgen des Schiffer­berufes höre, muß ich an jene Fahrt int Kanal zurückdenken. Selbst bei klarem Wetter braucht ein Kapitän allen Verstand, den Gott ihm gegeben hat, um sein Schiff wohlbehalten durch diese Gewässer zu führen. In solchem Wetter aber, wie wir es hatten, wird jede körperliche und geistige Fähigkeit in einem Grade angespannt, die sich nicht beschreiben läßt.

Jede Stunde, die wir vorwärts segelten, brachte uns jedoch dem offenen Ozean näher, und am dritten Morgen, nachdem wir die Downs verlassen hatten, sah ich, als ich erwachte, die Sonne scheinen und meinen Mann neben meiner Koje stehen. Er wollte mir mitteilen, daß wir den Kanal hinter uns und den ganzen Atlantischen Ozean vor uns hätten.

Der Steuermann nahm heute an unserer Morgenmahl­zeit teil. Er trat eben aus seiner Kammer, wo er eine Abwaschung vorgenommen hatte, nachdem er seit 4 Uhr morgens an Deck gewesen war. In seiner Gegenwart fühlte ich mich stets etwas bedrückt. So sehr ich mich auch bemühte, dieses Gefühl schon wegen des lieben Friedens in der Kajüte zu verbannen, es gelang mir nicht. Ja, ich glaube sogar, daß meine Abneigung durch die Anstrengungen, die ich machte, um dieselbe zu verbergen, ihm nur noch deut­licher wurde.

Wie ist das Wetter, Herr Heron?" fragte ich,ich bin noch nicht an Deck gewesen."

Schön!" erwiderte er.Eine angenehme Brise und ein klarer Himmel."

Wir verdienen einen klaren Himmel", ries Richard. Ein paar Tage dickes Wetter int Kanal genügen, um einen jungen Mann grau zu machen. Kein Wunder, daß Schiffs­führer in den sogenannten besten Jähren schon alt aus­sehen."

»Ja", meinte Herr Heron in seiner kurzen Art,die See ist. voll von allerhand Mühsalen, und auch Steuerleute haben ihr Teil davon zu tragen."

Das weiß ich so gut wie irgend einer", antwortete Richard herzlich.Auf See ist die Verantwortlichkeit des Steuermannes und des Schiffers ziemlich gleich groß. Es rst eine Last, welche zwei Paar Schultern zu tragen haben. Wenn die beiden Träger zusammen arbeiten und in gutem Einverständnis miteinander handeln, trägt jeder Mann eben nur die halbe Last. Wie wird Short mit den Leuten fertig, Herr Heron?"

Soviel ich sehen kann, ganz gut, Herr", antwortete der Steuermann.

Ich bemerke, daß Sie und er sehr gut miteinander stehen, das freut mich", fuhr mein Mann fort, indem er, wie mir schien, Herrn Heron scharf anblickte. Dieser hielt die Augen auf das Tischtuch, gerichtet oder schaute nach oben durch das Oberlicht, wobei das Weiße in den Augen sichtbar wurde, als ob er betete.Waren Sie schon vor dieser Reise einmal mit Short zusammen, Herr Heron?"

Nein", antwortete er.Uebrigens wüßte ich nicht, daß wir so besonders gut miteinander ständen. Obgleich Schisfszimmermann, ist er doch auch zweiter Steuermann, und demgemäß behandle ich ihn."

Nun, das freut mich zu' hören", rief Richard.Ich habe es gern, wenn die Steuerleute gut miteinander stehen, natürlich in der Voraussetzung, daß sie sich in Reden und Gedanken von den Leespeigatten klar halten und die Quarter- deckangelegenheiten ihrem Kapitän und sich selber überlassen. Wenn Short die Freundschaft der Leute im Volkslogis ge­nießt und an Deck von ihnen mit der schuldigen Achtung behandelt wird, dann ist er ein tüchtiger Mann, darauf können Sie sich verlassen."

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Leute über Short denken, Kapitän", erwiderte der Steuermann.

Und wie finden Sie die Mannschaft, Herr Heron?" fuhr Richard in derselben leichten und offenen Manier fort.Mir scheinen alle ganz tüchtige Leute zu sein bis auf James Snöw vielleicht dem der Verweis jeden­falls nichts schaden kann, den ich! ihm darüber erteilte, daß er damals vor dem Tyne das Fahrzeug nicht meldete."

Der Steuermann nahm sich etwas Zeit, ehe er ant­wortete, als ob er sich erst mehr die Fassung, als den Smn seiner Antwort überlegte. Dann sagte er:Ich glaube, Sie werdeu noch Mühe haben, Herr."

Weshalb meinen Sie das?" fragte Richard schnell, doch ohne Schärfe und Aufregung.

Ich hörte, daß man vorn davon spricht, daß einige von den Leuten, die als Vollmatrosen angemustert sind, thre Arbeit nicht verständen."

Sie hörten, aber von wem, bitte?"

Von Herrn Short."

So! Haben Sie irgend etwas derartiges bemerkt, Herr Heron?"

Seit ich Steuermann bin", antwortete Herr Heron, habe ich es mir zum Gesetz gemacht, niemals von den Reden der Mannschaft Notiz zu nehmen, bis die Sache nach achtern gebracht wird. Wenn irgend welche Nörgeleien int Gange sind, finden sie ihren Weg schnell genug nach diesem Ende des Schiffes."

Ich weiß nicht, welches der Eindruck dieser Worte auf Richard war; mir wurde es sofort klar, daß der Steuermann ein Schurke war, der meinen Mann haßte und in jeder Hinsicht auf feiten der Mannschaft stand.

Gut", entgegnete Richard,wie Sie ganz richtig sagen, Herr Heron, haben wir Zeit genug, uns mit der Angelegen­heit zu beschäftigen, wenn die Leute sie nach, achtern bringen."

Hiermit brach er davon ab und erzählte mir von all den landschaftlichen Schönheiten des Kanals, die wir nicht gesehen hätten: von dem malerischen Anblick der ^nsel Wight, wenn man sie bei Sonnenuntergang von See aus sieht iind so weiter.

Herr Heron erhob sich und trat in die Kammer. Ich sah Richard an und wollte etwas sagen, doch er hielt den Finger an die Lippen.

Still, Jeß", sagte er mit leiser Stimme,wenn der Mann auch gerade kein Esel ist, so hat er doch lange Ohren, und wenn die Natur einem Menschen diese ausgebildeten Hororgane verleiht, unterläßt sie auch nicht, ihn so zu ver­anlagen, daß er davon den ausgiebigsten Gebrauch macht. Ich durchschaue ihn, und gerade der Umstand, daß er das wohl merkt, sich offenbar aber nichts daraus macht, scheint mir bedenklich. Inzwischen geht ja alles gut, Jeß, und Du hast gar keinen Grund, Dich zu beunruhigen."

Der Eintritt des Stewards veranlaßte mich, die Tafel zu verlassen. Dieser Bursche, für den Höflichkeit allerdings ein unbekannter Begriff, und dem es jedenfalls auch völlig unmöglich war, sich diese Eigenschaft anzueignen, hatte sich doch seit jenem Morgen in den Downs, wo mein Mann chn zurechtgewiesen, etwas zu seinem Vorteil verändert. Trotzdem war es mir unangenehm, ihn in der Nähe zu haben, und ich konnte in seiner Gegenwart niemals ruhig bei Tische sitzen.

Gehst Du an Deck, Jessie?" fragte Richard.

Ich antwortete:Ja", da es sehr schönes Wetter war. , , ; . j^j

Luft ist scharf, also bleibe nur in Bewegung. Ich will mich auf ein paar Stunden niederlegen."

(Fortsetzung folgt.)

Sittenbilder aus China.

(Nachdruck verboten.)

Die Mandarine.

Cs läßt sich kaum in Abrede stellen, daß die Ver­waltung Chinas, wie sie schon seit so vielen Jahrhunderten bestanden, in mancher Hinsicht recht gut organisiert ist in der Form wenigstens und in der Theorie! Und was uns noch befremdender erscheinen mag, ist die That- ache, daß in einem Lande, dessen Haupt unbedingter Ge­waltherrscher ist, ja als Gott betrachtet ivird, diese Ver­waltung in gewissem Sinne mit demokratischer