richt ein wirklicher Schmerz herein, Wie da die kleinen Sorgen verstummen! Wenn über'm Bergwald die Adler schrei'n, Hört wohl niemand die Mücken summen.
Frida Schanz.
(Nachdruck verboten.)
Die Seekömgin.
Seeroman von Clark Rüssel.
(Fortsetzung.)
„Wenn das allerdings nur ein Vorurteil sein sollte", fuhr Richard fort, „kann ich es ja sofort wieder fallen lassen, sobald sein Betragen beweist, daß ich mich irre. Außerdem hatte ich noch ein anderes Bedenken; einige Matrosen sollten uns an Land rudern und dann mit dem Boot auf uns warten. Angenommen nun, wir.hätten uns Deal angesehen, wären wieder an den Strand gekommen, und hätten zwar das Boot, aber keine Leute vorgefunden. Matrosen haben eine große Vorliebe fürs Desertieren. Ich sage nicht, daß es geschehen wäre, aber es hätte geschehen können. 'Das würde mir wieder mehr Aufenthalt verursacht und Mühe und Sorgen gemacht haben. Daran dachte ich, als ich Dir am Fallreep sagte, es wäre besser, wenn wir an Bord blieben. Dennoch thut es mir leid, daß Dir diese Enttäuschung Bereitet werden mußte. Meine kleine Frau soll aus ihrer ersten Reise doch auch etwas Vergnügen haben."
„Und das hat sie auch. Rede doch nicht mehr werter von meiner Enttäuschung, Richard. Ich könnte gar nicht vergnügter sein."
Gegen Abend sprang der Wind nach Nordost um. Das schöne frühlingsähnliche Wetter verschwand wie Wachs am Feuer. Dunkle Wolken rollten heran, und der Horizont wurde ringsumher dick und undurchsichtig.. Der alte Winter war wieder erwacht, und als ob er ärgerlich darüber wäre, von einem Schläfchen überrascht worden zu sein, machte er sich durch einige schwere Hagelböen bemerkbar., Die Schloßen rasselten auf Deck hernieder, als ob oben in den Marsen ganze Eimer voll Rehposten ausgeschüttet,, würden, und der Wind wehte mit einer so schneidenden Schärfe, daß er durch Mark und Bein drang.
Glücklicherweise war die fortwährend steifer werdende Brise uns günstig; bei Eintritt der Dunkelheit wehte bereits ein halber Sturm. So rasten wir denn nun unter doppelt gerefften Marssegeln und Fock über die kurze scharfe Kanalsee dahin.
sj 1901. - Nr. 22.
Dienstag den 12. Februar
Ich konnte ziemlich rauhes Wetter vertragen, aber jetzt wurde der Aufenthalt an Deck doch etwas zu unangenehm für weibliche Widerstandsfähigkeit.
Ich ging hinunter und blieb einige Stunden in der Kajüte. Als ich endliche meiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wurde, gedachte ich, noch einmal an Deck zu gehen, ehe die Nacht einbrach. Ich zpg mich; warm an und stieg die Treppe empor, kam aber nicht weiter, als bis in die Kajütskapp.
Ein Blick ringsumher genügte. Die Kälte war so schneidend, als ob mir jemand mit ein paar Zangen in die Backen kniffe. Die Bark hatte ein trübseliges Aussehen. Das ganze Deck wär naß, und beim Stampfen in der hohen See brachen fortwährend die dunkelgrünen Wassermassen über die Back und strömten in zischenden, weißschäumenden kleinen Gießbächen den Leespeigatten zu. Die schmalen, von der feuchten Luft grau gefärbten Marssegelstreifen schwankten hin und her unter dem hart winterlichen, schieferfarbenem Himmel, über den die Wolkenmassen dahin rollten, in Farbe und Bewegung dem aus Fabrikschornsteinen aussteigenden Rauch ähnlich, wenn unten in den Glutöfen frisch angefeuert wird. Und über den Marssegeln wankten die kahlen Stengen und Raaen, schwarz wie Tinte mit hier und dort daran haftenden Schneespuren, und vollendeten so dieses Gemälde von Frost und Sturm.
Zwei Matrosen standen auf dem Ausguck in ihrem glitzernden Oelzeug und klammerten sich fest an die Reeling. Zuweilen bückten sie sich, um den Spritzwasserergüssen den Rücken zuzuwenden. Die übrigen zur Wache gehörigen Leute standen in einer Gruppe in Lee vor der Kombüse, wo sie etwas Schutz gegen den Wind hatten: eine rauhe, verwittert aussehende Gesellschaft in den schwarzen oder gelben Südwestern, unter denen die weißen Gesichter eigentümlich blaß erschienen, und in den dicken Jacketts und Oelzeug- beinkleidern.
Die Leute schlugen die Arme über der Brust zusammen, um etwas Leben in ihre steif gefrorenen Finger zu bringen, und trampelten mit ihren schweren Seestiefeln auf Deck herum. In solchen Augenblicken kann man sehen, wie das Seemannsleben in Wirklichkeit beschaffen und wieviel Wahrheit in den Romanen enthalten ist, die den Seemann als einen fortwährend mehr oder weniger rauchenden, trinkenden, fiedelnden, singenden, fröhlichen Gesellen darstellen, der thut, als ob die See ein höchst lustiger Spielplatz wäre, und der nichts zu thun hätte, als sich hinzusetzen und sich von sanften Winden vorwärts blasen zu lassen.
Zwei Minuten in diesem Wetter waren völlig genug für mich. Ich eilte hinunter, legte meine Umhüllungen ab, nahm ein Buch und fetzte mich dicht au den Kajütenofen. So lauschte ich dem Stöhnen des Schiffsrumpfes


