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Kus daS Studium einer einzigen Rolle mehrere Jahre verwendete, und nicht selten zuerst den Versuch mit einer solchen neuen Schöpfung seines Genies auf einer ganz kleinen Provinzbühne und unter erdichtetem Namen machte. Auch Konrad Eckhos, den man nicht mit Unrecht den. Vater und Schöpfer der deutschen Schauspielkunst genannt hat, war beim Studium seiner Bühnenaufgaben sehr sorgfältig, doch zeigte sich dies mehr in Aeußerlichkeiten, z. B. in der Kostümfrage und Maskenwahl; mit dem übrigen wurde er wie jedes erste Genie schnell fertig. So auch Ludwig Devrient, der die eigentliche Ausgestaltung seiner Theaterfiguren immer erst unter dem Bann des Theaterrampen- Lichtes vollzog, und sich dabei gänzlich auf die Eingebung des Moments verließ. Ueberhaupt gilt hier das Wort: je kleiner das Talent, desto größer der Fleiß; je weniger von großen Zügen eine Leistung etwas spüren läßt, desto zahlreicher und zierlicher werden die Details sein.
Der leider zu früh verstorbene Charakterspieler Wilhelm Kläger verließ sich fast gänzlich auf den Souffleur, und nicht selten auch nur auf die Eingabe des Augenblicks. Es war ihm peinlich, in Anwesenheit von höher Gebildeten über seine Rollenauffassungen sich auslassen zu sollen, und er ging solcher Bitte stets mit irgend einem drastischen Scherzwort geschickt aus dem Weg. Aeußerst interessant war es dagegen, den genialen Mann belauschen zu können, wenn er — durch die Gaben des Bacchus begeistert — halblaute Selbstgespräche sührte, in denen er, geschlossenen Auges und in den Sessel zurückgelehnt, über irgend eine große Rolle philosophierte! Ich habe niemals einen vertrauteren Einblick in die Gedankenwerkstatt eines Bühnenkünstlers gethan, als in solchen Stunden, deren Erinnerungen, obschon sie seit Jahrzehnten hinter mir liegen, doch heute noch so lebendig in mir sind, als stammten sie von vorgestern. So z. B. dje folgende: Eines Abends hatte Wilhelm Kläger in Mainz gastiert und ein Künstmäcen lud ihn und eine ganze Schar von Kunstfreunden in ein Hotel zu einem Souper nach der Vorstellung ein. Man unterhielt sich trefflich, nur der Held des Abends blieb wortkarg. Als die letzten Gäste sich entfernt hatten, hielt mich der Künstler am Rockkragen fest und interpellierte mich wie Hamlet den Horatio. Ich mußte mit ihm noch eine Flasche Rüdesheimer ausstechen. Der Champagner vordem hatte ihn seltsamerweise schläfrig gemacht; der edle Rheinwein löste ihm die Zunge. Er kam in das Deklamieren und endlich an die Rolle des Mephisto, den er am andern Abend spielen sollte.
„Siehst Du, mein Junge", so sagte er, „so studiert Wilhelm Kläger. Gieb acht! Also zunächst die Schülerszene. Hm, was sagt der denkende Künstler zur Charakteristik der vier Fakultäten? Der grübelt und häuft Gedankenstriche und Ausrufungszeichen so viel wie möglich auseinander, und malt Dir so viele Nüancen in den Goetheschen Dialog, daß Du glaubst: er spiele Dir, weiß Gott, was eignes vor. Gieb acht! So mach ich's." — Und nun zitierte er die ganze Szene, oft sich jedoch unterbrechend: mehr Sarkasmus Wilhelm. Die Stelle noch einmal. Ach, das war schlecht! Hier muß die volle mephistophelische Diabolik elementar vorbrechen. Wart einmal. Hier — so — so ist der rechte Ton?" /
Dazwischen stürzte er Glas auf Glas hinunter, bis Gott Bacchus ihn in seine Arme schloß und er einschlief!
Im schroffsten Gegensatz dazu staud „der denkende Künstler" Karl Seydelmann, den Rötschers Biographie doch wohl etwas zu liebevoll dargestellt hat. Zunächst schrieb dieser die in Frage kommende neue Rolle vollständig — und kalligraphisch schön! — aus, dann unterstrich er das besonders zu Betonende, dann lernte er den Wortlaut zunächst ganz mechanisch, und dann erst begann der Intellekt, die Sezierarbeit, als handle es sich um einen klinischen Bericht. Freilich war hernach alles so „im Lot", daß der Zuschauer nicht merkte, wie mühsam die Vorarbeit gewesen. Und das soll er ja auch nicht. Grillparzer hat schon für immer recht, wenn er die Künstler also ermahnt:
„Wohl dem Künstler, der Bildung hat. Mit einer Bedingung indessen, Kommt es zur gestaltenden That, Muß er auf die Bildung vergessen!"
Die kurioseste Methode, seine Rollen zu studieren, hat unbedingt der große Shakespeare-Interpret Eduard Kean (der ältere des Namens und Vater von Charles) angewendet. Er legte sich, sobald er den Text ohne Souffleur hersagen konnte, in einem gänzlich dunklen Zimmer ins Bett! Dann deklamierte er, bald liegend, bald sitzend, bald hockend, bald stehend, bald pianissimo, bald fortissimo! Für den Horcher an der Wand muß das in der That eine lästige Sache gewesen sein!
Jffland und Schröder studierten am liebsten in stiller Nachtzeit und bei schwarzem Kasfee, Hermann Heedrichs bei Selterswasser, Peppt Gallmeyer im Ballsaal der Vorstädte und Charlotte Birch-Pfeiffer in den Zirkeln der Blaustrümpfe, denen sie selber innerlich bekanntlich durchaus nicht angehörte.
Emil Devrient legte bekanntlich den Hauptaccent in seinen klassischen Rollen, eigentlich ganz in Uebereinstimm- ung mit dem Weimarischen Reproduktionsprinzip der Goetheschen Schule — auf die schöne Deklamation und studierte deshalb gar oft am Klavier. Als er seine Laufbahn begann, in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts also, waren Oper und Schauspiel noch nicht so streng geschieden, wie heute. Alle Begabten wirkten gleicherweise in beiden Ressorts. Ich besitze z. B. zwei Theaterzettel des Stadttheaters in Bremen; aus dem einen figuriert Emil Devrient als Caspar im Freischütz und auf dem andern als Fiesko! Freilich merkte man insbesondere seinem Posa und Tasso den Sänger recht sehr an; er bot zumal bei einigen recht weichen Stellen geradezu Gesang.
Wir schließen mit einem drastischen Ausspruch über das Studium des Schauspielers überhaupt — ohne' denselben jedoch rückhaltlos zu unterschreiben! Der alte Gloy, ein Veteran des Hamburger Stadttheaters in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts pflegte zu den Novizen, die ihn um Rat baten für ihre Karriere, zu sagen: „met den Studium, min Jung, is dat so'n Saak. En büschen to veel und en büschen to wenig — wer kann da dat Richtige drepen (treffen)? Speel he man good (spiele er nur gut), dat is de Hauptsaak vun de ganze Geschicht!"
Literarisches.
Kinder-Jeitung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 14. Was in der Welt vorgeht: Ein deutscher Held zu Grabe geleitet; Bon den Geretteten der „Gneisenau"; Wie die Buren kämpfen; Eine chinesische Theatervorstellung; Ein treuer Wächter; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Eine Feuerkugel. Der Beobachter in Wald und Feld: Die Spechtschmiede. „Das geheimnisvolle Haus." „Jndianerleben im Thüringer Wald" (Forts.). Erlebnisse. Anzeigen. Zu beziehen durch alle anfialten, Buchhandlungen und die Geschästsstelle in Groß-Lichterfelde, Dahlemerstr. 75.
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten,.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:
Maar — Aar — Ar — A.
Auflösung des Zahlen-Diamanträtsels in voriger Nummer: N REH J A U E R NEUJAHR URAHN AHR B
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.


