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heller Morgen, und die Sonne schien strahlend ins Fenster. Sobald ich bei vollem Bewußtsein war, bemerkte ich einen schrecklichen Ausdruck des Schmerzes auf seinem Gesicht.

Steh schnell auf, Jessie", sagte er;etwas Furcht­bares ist geschehen. Wenn Du angekleidet bist, komm in unser Schlafzimmer". Nachdem er diese Worte mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme gesagt hatte, ver­ließ er mich.

Ich konnte mir nicht vorstellen, was ihn so vollständig niederdrückte. Schnell kleidete ich mich an; mein Herz schlug so heftig, daß ich fast ohnmächtig wurde; dann eilte ich durch den Gang nach meiner Mutter Schlaf­zimmer. Mein Vater stand am Fenster; er wandte sich um, als. ich eintrat, zeigte auf das Bett und sagte:Sie hat uns verlassen, Jessie!"

(Fortsetzung folgt)

Wie grosse Mimen studieren.

Eine Ausplauderei von Wilhelm Anthony.

(Nachdruck verboten.)

Der große Feinschmecker Brillat-Savarin giebt seinen Lesern in seinem berühmten Buch über diePhysiologie des Geschmacks" den Rat, niemals eine Küche zu betreten. Vor den Ateliers unserer Maler und plastischen Künstler hat bisher noch niemals ein Aesthetiker in ähnlicher Weise gewarnt. Wie steht es aber mit der Studierstube der Menschendarsteller? Nun ehrlich gesagt: ich möchte im allgemeinen den Besuch nicht anraten; denn die Herren Mimen sind im Durchschnitt alle -etwas nervöse Menschen­kinder, und die wenigsten von ihnen dürften sich über­haupt dazu herbeilassen, uns einzuladen, sie zu besuchen, wenn sie sich wie es im Jargon der Coulissenwelt heißt in eine neue Rolle hineinlegen". Selbstredend ist! dadurch die Neugierde nach den Schöpfungsgeheimnissen der Schau­spielerkunst -eine umso regere geworden, und die Feuilletons wie die Biographien, welche dieser gewidmet sind, haben uns manchen intimen Einblick thun lassen in diese Mysterien. Es mag von Interesse sein, aus diesen vielfach verstreuten Quellen das zusammenzutragen, was auch zur besonderen Charakteristik der Wissenschaft der einzelnen großen Historien beiträgt, wenn manches d«von auch nur als Anekdote zu bezeichnen ist

Eine der ältesten Ueberlieferungen, welche zu obigem Thema einen Beitrag Kesern, findet sich in einer Chronik von Verona aus der Zeit, da die cvmmedia d'el arte in Italien in höchster Blüte stand-. Es wird in dieser nämlich des weiteren und breiteren erzählt von der Truppe eines gewissen Alfieri, die in der Bevölkerung durch ihre tollen Streiche fast noch mehr Sensation gemacht zu haben scheint, als auf der Schaubühne! Von diesem Alfieri wird berichtet, daß er fast allabendlich mit seinen Histrionen in einer Taverne zusammengekommen sei, wo sie sich ihre neuen Stegreifspiele zurechtschusterten und- beim Wein in zwang­losester Weise einstudierten, wobei der Prinzipal die Rolle des Regisseurs abgab, der besonders für die Anfänger und Neulinge durch wirksame Pointen und Nuancen Sorge trug. Hatte einer für ein neues Stück die Grundidee selbst er­funden, so. zahlte Alfieri die Zeche allein. Ein Sekretär (der nebsther auch Kassierer und Theaterdiener gewesen zu sein scheint und den schönen Namen Ambrosio führt) schrieb, während die andern agierten, die Hauptphasen der Handlung nieder, und dieses Szenarium wurde hernach der Bibliothek -einverleibt. VollständigeBühnen-Manu- skripte" gab es natürlich nicht. In dem Szenarium kehrten stets gewisse Zeichen wieder, die man später nicht ver­stand, und an deren Deutung sich mancher Bibliothekar den Schädel warm machte, der unter seinen Bücherschätzen ein Oder das andere Szenarium aus der Stegreis-Komödien- zeit entdeckte. Endlich wurde ein solches gefunden, in' dem neben den mysteriösen Zeichen die Erklärung stand. Ein Kreuz bedeutete: den Anfang einer allgemeinen Prügelei (mit einer solchen schlossen fast immer diese Stücke), ein Ring: die feierliche Verlobung der Colombine usw.

Daß die Vorbereitungen zu denregelmäßigen Stücken", also z. B. schon zu den Tragödien und Komödien eines Hans Sachs usw. ernsterer Art waren, läßt sich wohl an­nehmen, allein von einem Privatstudium der Akteurs wird

wohl dazumal noch nicht allzuviel die Rede gewesen fein. Es mag auf den Proben wohl ähnlich so zugegangen fern, wie in Shakespeares Sommernachtstraum, wo in der so­genannten Rüpel-Szene ganz offenbar, die Akteurs der kleinenMeerschweinchen"-Bühnen parodiert werden.

Von den großen Menschendarstellern der früheren Zeit wissen wir nicht allzuviel, und das liegt in der Natur der Sache. Aus der Zeit der Griechen und der Römer sind uns kaum ein halbes Dutzend Namen erhalten, und selbst die Darsteller der großen Werke, durch welche ein Shakespeare und Calderon, ein Gozzi und Moreto, ein Corneille und Moliere die Schaubühnen ihrer Nationen zum höchsten Ruhmesglanz emporgehoben haben, sind der Nachwelt nur spärlich überliefert. Damals standen die Dichter und die Dichtungen im Vordergründe des Interesses, nicht die Dar­steller und die Darstellungen. Der persönliche Kultus, den man heutzutage und zum Teil in etwas sehr über­triebener Weise! den Schauspielern und Sängern zuterl werden läßt, datiert erst von der Mitte des 18. Jahrhun­derts, als die Tagespresse sich eingehender mit der theatra­lischen Darstellungskunst zu beschäftigen begann. Früher wurden auf den Theaterzetteln nicht einmal die Namen der Akteurs und der Aktricen angeführt; heutzutage glaubt man sogar deren Vornamen den Kunstfreunden nicht vor- enthalten zu dürfen. Auch trug die soziale Stellung der Schauspieler viel dazu bei, daß die Gesellschaft der übrigen Kasten ihrem persönlichen Thun und Treiben näher trat; ferner hatten die Photogramme und das theatralische Feuilleton, sowie nicht zum wenigsten die Selbst­biographie und das Konversationslexikon nicht geringen Anteil an der Steigerung des persönlichen Interesses für die hervorragenden Bühnenkünstler. Selbstredend offenbart sich dasselbe ganz unwillkürlich auch in der Frage: wie diese Götter und Göttinnen der Szene die Gestalten, durch die sie uns auf der Bühne ergötzen oder erschüttern, in den Vorarbeiten modellieren? Und darüber will unsere Ausplauderei einige Auskunft geben.

Von Talma, dem Günstling Napoleons L, dem großen Reformator der französischen Schauspielkunst, wird berichtet, daß er, nachdem er des Wortlautes seiner Rolle mächtig war, vor einem großen Spiegel, vollständig kostümiert und geschminkt, dieselbe ganz genau so ausgestaltete, wie er sie später auf der Bühne darstellte. Das Zimmer war dunkel, nur der Spiegel wurde beleuchtet. Zugegen war niemand. Der Künstler probierte oft eine Stelle zehn- ja zwanzigmal und zwar mit voller Stimme. Mehrmals fand ihn sein Diener ohnmächtig vor dem Spiegel, auf der Erde liegend. Aehnlichen Eifer bis zu völliger Erschöpfung der physischen Kräfte entwickelte die berühmte Koloratursängerin Catalani, die infolge solcher Ueberanstrengungen schon im 50. Lebens­jahre starb. Tie größte Tragödin der französischen Bühne, welche das Repertoire der Klassiker noch einmal zn neuem Glanz belebte, verließ den irdischen Schauplatz schon zehn Jahre früher aus ganz demselben Grunde. Als der Khedive Felix-Rachel in Kairo als Phaedra gastieren sah, rief er aus:Das arme. Kind; es ist eine Feuerseele in einer Gazehülle; wie bald wird diese zu Asche verbrannt sein!" Viel phlegmatischer wie seine französische Kollegin war der Wiener Komiker Josef Kurz, der Schöpfer des burlesken Charakters Bernardon auf der alten Poffenbühne Wiens; er studierte im Prater, während er Bier trank und Wurstl schmauste. Ueberhaupt ist die komische Muse viel günstiger für die Langlebigkeit, und ihre Jünger werden von allen Menschendarstellern die ältesten. Sie studieren, selbst lachend, die Charaktere, mit denen sie hernach ihr Publikum lachen machen, und wenn ein berühmter Hanswurst-Darsteller ein­mal aus Melancholie starb, so hatte er sich diese sicherlich nicht durch zu ernstes und zn anstrengendes Rollenstudium zugezogen. Karl Helmer ding suchte, wie bekannt, die Vor­bilder zu seinen Charakteren da, wo das Leben am frohesten und feurigsten pulsierte, und Anna Grobecker, die in der Darstellung vonHosenrollen" Meisterin war, hat für ihre drastischen Vollblut-Charaktere sicherlich nicht in der Kirche oder in der Klinik das Urbild gesucht. Daß in das letzt­genannte wissenschaftliche Institut dieModernen" oftmals den Weg nicht verschmähen, ist bekannt. Mitterwurzer be­suchte sogar in jeder Stadt, in welcher er gastierte, da? Irrenhaus! Dasselbe wird von Garrick erzählt, der oft