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Zimmer verlassen. Mir schien eS, als sähe btc Mutter müde und bläh aus; aber als ich ihr riet, zu Bette zu gehen, sagte sie, sie wäre gar nicht schläfrig, und es sei ihr eine Freude, nach der Angst der. vorigen Nacht, anfzubleiben und zu plaudern. . ■
Atem Vater ging ans Fenster und sah schweigend eine Weile zu den glänzenden Sternen empor. Dann riß er sich plötzlich los und sagte: .
„Jessie, mein Mädel, morgen werde ich Dir wahrscheinlich einen schmucken, jungen Mann vorstellen, der so brav ist wie die, von denen Du in den Geschichtenbüchern gelesen hast. Annie, erinnerst Du Dich, daß wir einmal zusammen nach Tynemouth gingen, um eine gewisse Frau Fowler zu besuchen, eine sanfte, hübsche Dame in Schwarz, die Witwe eines englischen Predigers?"
Sie konnte sich nicht gleich besinnen.
„Ach was, Du kannst es nicht vergessen haben. Du sagtest damals noch, sie hätte so seine Manieren; sie hatte große, schwarze Augen, und Du hieltest sie für schwindsüchtig." v , rL o
,Ja, jetzt erinnere ich mich; aber das muß mindestens zehn Jahre her sein." _
„Ja, ungefähr zehn Jahre", sagte er. „Nun, ich erinnere mich, wie sie uns sagte, sie hätte einen Sohn, Namens Dick, der aus einem Schiffe, das einer Londoner Firma gehörte, Schiffsjunge war. Und wer, meint Ihr, war mein Steuermann auf dieser letzten Reise mit der Gräfin"? Kein anderer als jener Bursche. Seine Mutter ist vor einem Jahre gestorben. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, und einen besseren Seemann kann es nicht geben Gestern im Sturm war er meine rechte Hand, so behend und so leise wie eine Katze. Ich habe ihm versprochen, meinen ganzen Einfluß auszubieten, ihm ent Schiff zu verschaffen, und ich werde Wort halten. Morgen wird er uns besuchen; nimm Dein Herz tn Acht, Jessie. Wenn Du ihn mit Deines Vaters Augen siehst, wird er Dir gefallen. Du wirst ihn bewundern, unb Mutter mag Dir sagen, was es bedeutet, wenn ein Mädchen einen Mann bewundert." , c „
„Da er Seemann ist, wird er nur schon gefallen, entgegnete ich lächelnd. , „ ,
„Wie alt ist Jessie, Mutter? fragte er und musterte mich' von oben bis unten.
„Nächsten Mynat wird sie zwanzig Jahre alt , sagte die Mutter und sah mich zärtlich an.
„Ja, richtig. Dann, Jessie, wirst Du Dich bald nach einem Manne umsehen müssen, wenn Du nicht eine alte
Jungfer werden willst." ,
5 ,Sich nmsehen!" rief meine Mutter. „Ich hoffe, das wird sie nicht nötig haben. Die Männer, die man sich sucht sind gewöhnlich keine besondere Sorte. Und warum soll Jessie schon heiraten? Du bist eben erst aus entern schrecklichen Sturm nach Hause gekommen, und statt daß wir hier mit dankbarem Herzen beisammen sitzen sollten, machst Du schon Pläne, uns wieder zu trennen."
„Ich scherzte ja nur, mein Herz", sagte er, stand auf und küßte mich zärtlich. „Nein, sie soll noch em Weilchen bei uns bleiben. Aber, gütiger Himmel!" rtef er, indem 6r seine altmodische goldene Uhr herauszog und mit der ' auf dem Kaminsims verglich, „wie spät ist es, mernt Ihr?
„Dreiviertel auf zwölf!"
Ich erhob mich.
„Bleibe, Jessie", sagte er mit leiserer Stimme; „ehe wir zur Ruhe gehen, haben wir noch eine Pflicht zu erfüllen. Gott hat mich beschützt und sicher hermgesuhrt; wir wollen ihm für seine Güte danken."
Ein altes Sprichwort sagt: „Wer nicht beten lernen will, der muß zur See gehen". Wer zugehört hätte, wie mein Vater Gott für die Erhaltung seines Lebens dankte, würde dies alte Sprichwort verstanden haben. Kerne Erinnerung ist mir so heilig, wie das Andenken an jene Nacht. Damals ahnte ich die nahende Trübsal nicht; aber wenn ich jetzt zurückdenke, sehe ich den Schatten des Todes, wie er in dem alten Wohnzimmer über uns' hing und meine Mutter unter ihm kniete.
Als mein Vater geschlossen hatte, stand meine Mutter aus und sah ihn mit thränenfeuchtem Gesichte an, auf dem ein fremder Ausdruck lag. Ich sah meinen Vater an, ob
er ihn auch bemerkte; aber er lächelte und wollte etwas sagen, und als ich wieder nach der Mutter schaute, war der fremde Ausdruck verschwunden, und sie hörte auf ein paar lustige Worte, die der Vater ihr zurief.
Ich nahm an, daß ich mich getäuscht habe, und daß der jähe Wechsel eine Folge des doppelten Lichtscheins war, der von der Lampe und dem Kaminfeuer aus ihr Gesicht siel. Aber als ich am nächsten Tage daran dachte, war ich überzeugt und Bin es noch heute, daß die Vorahnung in ihrem Herzen auf ihrem Gesicht geschrieben stand. Die instinktive Erkenntnis dessen, was da kommen würde — eine Erkenntnis, die ihr kam, ohne daß ihr Verstand etwas dabei that — hatte die kaum merkliche, schnell vorübergehende Veränderung in ihren Zügen hervorgerufen, welche mich beunruhigte.
Obwohl ich nicht mehr daran dachte, nachdem sie mich geküßt, und mir Gute Nacht gesagt hatte, so regt mich der Gedanke daran doch jetzt noch in einem Grade auf, der fast kindisch zu sein scheint.
Fünftes Kapitel.
Der Mutter Tod.
So spät ich auch zu Bette gegangen war, so lag ich doch noch lange wach. Der Tag hatte zu viel Aufregung gebracht, aber ich muß ehrlich gestehen, daß noch ein anderer Grund den Schlaf verscheuchte. Es waren die Gedanken an den schmucken Seemann, der uns am nächsten Tage besuchen sollte, oder richtiger, heute schon; denn ich hörte die St. Nikolas-Uhr eins schlagen, als ich noch immer meinen Gedanken nachhing.
Ich glaube, daß viele Mädchen, die ein ruhiges Leben führen und in regelmäßiger Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten unmerklich den Kinderschuhen entwachsen, plötzlich wie durch Offenbarung zu dem Bewußtsein kommen, daß sie nicht mehr Backfische, sondern reife Jungfrauen sind. Ost kommt diese Entdeckung infolge aufkeimender Liebe. Bei mir kam sie zum Teil durch die leicht hingeworfenen Worte meines Vaters, zum Teil durch die jetzt gegebene Möglichkeit, einem Manne zu begegnen, der sich in mich verlieben könnte. Bis dahin war es mir nie voll zum Bewußtsein gekommen, daß ich kein kleines Mädchen mehr sei. Als ich so in meinem dunkeln Schlafzimmer lag, und darüber nachdachte, daß ich nun schon zwanzig Jahre alt sei, fand ich diese Zahl sehr bedeutungsvoll. Wie ein Mensch, der in einem Boote einschläft, beim Erwachen merkt, daß ihn der Strom tief in die See hinausgetragen hat, so erwachte ich aus dem ruhigen Traum meines Lebens. Ich erkannte, daß ich unbewußt weitab von den Grenzen der Kindheit getrieben war, und sanst auf dem großen Ozean der Zeit schwamm.
Solche Gedanken erfüllten mich mit Freude, was sie, wäre ich älter gewesen, wohl kaum gethan hätten. Nachdem ich mir das Gesicht und die Gestalt des Steuermanns Fowler auf die verschiedenste Art ausgemalt hatte, kam ich zu meiner eigenen Person und fragte mich, ob er mich wohl hübsch finden würde. Ich glaubte es zu sein, obgleich ein Mädchen über diesen Punkt erst Gewißheit erhält, wenn ihm die Männer jeden Zweifel benehmen.
Wenn ich sage, daß ich hübsch war, daß ich rötlich- braunes Haar, graue Augen hatte, daß meine Gestalt gut, etwas über mittelgroß, vielleicht etwas zu derb, und meine Haltung so gerade war, daß Fremde glauben konnten, ich hätte eine sehr hohe Meinung von mir; denn Freunde, die mich kannten, hätten mich nie für eingebildet gehalten — wenn ich das und noch viel mehr sage, und wenn es zehnmal mehr zu sagen gäbe, so hätte ich doch nichts gesagt. Ein einziges charakteristisches Merkmal, eine eigentümlich geformte Nase, ein Punkt, der mit wenig Worten angebeutet werden kann, kommt oft der Phantasie mehr zu statten als viele Seiten einer genauen Beschreibung, die oft nur leere Worte enthält.
So lag ich fast zwei Stunden wach, eigentümlich froh gestimmt und immer neue Zukunftsbilder entwerfend, bis ich die Turmuhr zwei schlagen hörte, und mich ärgerte, zu einer so unvernünftig späten Stunde noch wach zu sein. Ich legte mich auf die Seite und schlief ein.
Eine Hand, die sich auf mich legte, weckte mich leise. Ich öffnete die Augen und sah meinen Vater, nur int Hemd unb Beinkleidern, am Bette stehen. Es war schon


