Samstag den 12. Januar.
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lernt wir selbst keine Fehler hätten, würden wir sie nicht mit so großem Wohlgefallen an andern aufsnchen.
Rochefoucauld.
« (Nachdruck verboten.)
Die Seekönigin.
Seeroman vvir Clark Rüssel.
(Fortsetzung.)
„Der Whisky steht neben Euch, Salmon", sagte mein Vater beschwichtigend. „Was Ihr da sagt, ist ganz richtig"; dabei gab er meiner Mutter einen Wink, um bemerklich zu machen, daß er nur zustimme, um den alten Mann nicht zu ärgern.
„Wenn nun Seeleute einmal keine Seeleute mehr sein sollen", sagte meine Mutter lächelnd, „so haben sie, wenn sie das Seefahren nicht aufgeben wollen, nicht einmal die Entschuldigung, daß sie es aus Liebe zur See thun."
„Sie lieben die See auch nicht", versetzte mein Vater. „Nur solche alte Seebären, wie Salmon und ich, sehnen sich zurück, wenn sie einmal an Land sind."
„Nur mein Alter vertrieb mich von meinem Platze", sagte Kapitän Salmon. „Wenn die Zeit noch einmal Kehrt machte, so würdet Ihr mich wieder draußen seh'n, Thomas."
Ein trüber Schatten glitt über meines Vaters Gesicht, während er frischen Tabak in seine Pfeife stopfte.
„Was ich sagen will", sagte er, indem er sich an Salmon wandte, aber doch mehr zu meiner Mutter sprach, „ist nicht von Bedeutung; denn Ihr wißt, daß mein Entschluß feststeht: ich bin und bleibe an Land. Aber kein Weib und kein Landbewohner auf der Welt kann den Kampf im Herzen eines Seemannes nachfühlen, der dem Meere auf immer Valet sagt. Ich komme eben aus einem fürchterlichen Sturm und danke dem allmächtigen Gott für meine Rettung und doch denke ich kaum noch daran. Nur an die sonnigen Tage, an die Freuden, die mir das Meer geschenkt, erinnere ich mich, und an meine Triumphe auf den alten Schiffen. Pein, Annie, fürchte nichts, ich bin fest entschlossen; aber dennoch werde ich — wielange mir auch zu leben vergönnt sein mag — mit der Erinnerung ins Grab steigen, daß die See mir 47 Jahre lang freundlich gewesen ist, von dem Tage an, wo ich als Junge zuerst den Fuß auf ein Schiff setzte und stolz war, die erste Planke zu verladen, das erste Tau anzuholen, während meiner Wache zur Koje auf das Kommando: „Alle Mann an Deck" als der erste hinaufzustürzen, — bis zu dem Augenblicke, wo ich mit Gottes Hilfe den letzten Sturm überlebte und
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die „Gräfin" sicher über die Barre brachte. Die schönsten Stunden, die ein Mensch überhaupt durchleben kann, habe ich unter freiem Himmel und auf offener See genossen, deren Horizont, solange ich lebe, die Grenze meiner Welt gebildet hat."
„Ja", rief der alte Salmon, der aufmerksanr und zustimmend dieser Rede zugehört hatte, „aber ich kann Ihnen sagen, Frau Snowdon, daß Thomas, wenn er dies auch sagt, Ihnen nicht unrecht thun will, sondern ganz genau weiß, wie viel Glück er Ihnen verdankt."
„Das weiß sie — das weiß sie", rief mein Vater mit bewegter Stimme.
„'s ist natürlich und 's ist schön", fuhr der Alte fort, „daß, wenn ein Seemann die See verläßt, er ihr noch einen Segenswunsch nachschickt. Welchen Beruf kann ein Mann leichten Herzens aufgeben, dem er von Kindheit auf gedient hat? Vergangene Woche traf ich Jackson, der vor einem kleinen Laden stand nnd ihn beschaute. „Ei", sag ich, „Jackson, Ihr denkt doch nicht daran, wieder anzufangen, da Ihr es Euch so genau beguckt?" „Nein", antwortete er, „daran denke ich nicht, aber 35 Jahre habe ich dadrinnen verbracht, und wenn ich hineinblicke, sehe ich mich wieder als jungen Mann voller Hoffnung und Kraft vor mir. Ich kann nie Vorbeigehen, ohne das alte Haus zu grüßen wie einen alten Freund". Das liegt - in der Meuschennatur, Frau Snowdon, und wenn ein in Ruhestand getretener Schnittwarenhändler so fühlt, was muß da Sin Seemann empfinden, der von dem Meere • scheidet, das ihn ein halbes Jahrhundert lang auf seinem Schoße gewiegt hat, wie eine Mutter ihr Kind, das ihn oft geliebkost und noch öfter hart angelassen hat, und das ihn jetzt seinen Lieben mit Erinnerungen zurückgiebt, die einen Mann nur stolz und glücklich machen können."
„Genug, Salmon", rief mein Vater beinahe weinend. „Wenn Ihr noch lange redet, werde ich mir bald wie dev verlorene Sohn Vorkommen."
„Ich denke, mein Mann braucht sich bei niemand zu entschuldigen, daß er die See verläßt, Kapitän Salmon", sagte meine Mutter etwas scharf.
„Nun, nichts für ungut, Madame", antwortete der Alte, indem er aufstand und seinen Hut suchte. „Ich kam nur herein, um mich nach Snowdon zu erkundigen und bin schon länger geblieben, als ich sollte."
Nachdem er uns allen die Hand geschüttelt und ich ihm die Hausthür öffnete, blieb er stehen, sah mich an, und murmelte: „Wahrhaftig, sie ist ein ganzes Fräulein geworden, und gestern hätte ich sie noch tn meinen alten Hut einpacken können."
Dann schwankte er aus dem Hause.
Wir blieben fast noch eine Stunde auf und plauderten miteinander. Niemand mochte das freundliche, warme


