Ausgabe 
11.8.1901
 
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dabei so sonderbar, wie sie es thut, als betete sie in jeden Stich ein Gebet hinein. . . übrigens hat Deine Mutter mir versprochen, in der alten Truhe nachzusehen, ob sie nicht noch Gewänder vom Anfang des vorigen Jahr­hunderts findet Du weißt doch, Schatz, zuin nächsten Kostümfest . . . ich gehe nachmittag zu ihr .. . kommst Du mit?"

Ich denke, Hedwig, wir sagen das Fest ab, es wird zu viel, viel zu viel!"

Absagen, Wölfchen, nicht um die Welt. Der herr­liche Winter ist ohnehin bald vorbei, dann kommt der lang­weilige Frühling, aber es soll das letzte, große Fest sein, das verspreche ich Dir feierliche"

Der schwache Mann konnte nicht widerstehen, er tröstete sich, daß es nun wirklich für lange, lange aufhören müsse mit den anstrengenden Vergnügungen.

Nachmittags fuhr der Wagen vor dem Hause der Mutter vor.

Die junge Frau war in besonders froher Stimmung.

Erlaube, daß ich mit derSophie" nach dem Boden gehe", sagte sie,da suche ich mir gleich alles Passende aus."

Die Professorin wollte es nicht zugeben, aber Hedwig, eigensinnig wie stets, lief ihr voran mit dem großen Schlüsselbund, so daß Sophie kaum folgen konnte.

Ta ging es nun an ein Suchen und Wühlen, und Anprobieren und Verwerfen, da jauchzte Hedwig, wenn' sie etwas Besonderes fand: charakteriMsch und seltsam, recht ein Zeichen der damaligen Zeit!

Endlich war sie mit den Ausgrabungen fertig. Sie belud Sophie mit allen möglichen Kleidungsstücken, sie selbst nahm fröhlich lachend einen alten, langen, seidenen Shwal um die Schultern, setzte sich einen riesigen Blumenhut auf, und trat die Rückwanderung an . . -

Aber in ihrem Eifer, schnell hinunter zu kommen, trat sie fehl, verwickelte sich in den altmodischen Shwal, und fiel so unglücklich die Stufen herab, daß sie besinn­ungslos liegen blieb.

Auch bei dem furchtbaren Schreck bewahrte die von der fassungslosen Dienerin herbeigerufene Schwiegermutter ihre Ruhe.

Sie ließ die ohnmächtige, junge Frau in ihr Schlaf­zimmer bringen, und bemühte sich so erfolgreich um sie, daß Dr. Wolfgang, der in kürzester Frist erschienen war, ihr nur immer wieder und wieder danken konnte.

Bange, schwere Zeiten kamen.

Es war nicht möglich, Hedwig in ihr eigenes Heim zu schaffen.

Aber sie war gut aufgehoben, es konnte keine bessere Pflegerin geben, als die sorgsame Schwiegermutter.

Tag und Nacht blieb sie bei der Kranken, nur von Wolfgang abgelöst.

Seufzend packte sie alle die zierlichen Sächelchen fort, die Jäckchen und kleinen Hemden.

Die brauchte man nun nicht mehr, vielleicht nie wieder.

Hedwig wußte nichts von dem Kummer, den sie den teuren Menschen machte.

Wochenlang lag sie in heftigem Fieber, quälte sich in wilden Phantasien.

Sehnsuchtsvoll, klagend rief sie nach ihrer toten Mutter, die sie doch erlösen sollte von dem schweren Leid oder mit sich nehmen in den grausen Tod.

Dann schauderte sie, streckte die so elend gewordenen Hände aus, dann flackerten die großen Augen in verzehren­dem Feuer, und nur wenn die nimmermüde Pflegerin sie wie ein Kind in die Arme nahm, ihr Liebesworte zu­flüsterte, und Stirn und Wangen und Mund küßte, wurde sie ruhig und fand endlich auch den ersehnten Schlaf.

Mutter, Mutter", zitterte es dann von den blassen Lippen, die sich zum traurigen Lächeln verzogen.

UndMutter!" rief auch Wolfgang,es geht so nicht länger. Du erliegst der Anstrengung.

Weißt Du denn, was Tu thust?"

Ja, ich weiß es,' mein Sohn. Ich ringe mit Dir dem Tode ein Opfer ab, ich kämpfe für mein Kind."

Der Frühling war gegangen. Hedwig hatte nichts von seinem Zauber empfunden.

Veilchen und Maiblumeri hatten an ihrem Bette ge­blüht, sie hatte es nicht beachtet, das Keimen, das Werden in der Natur hatte ihr Interesse auch früher nie erregt, nur was die Kunst geschaffen, schätzte sie, Wolfgang hatte sie oft geneckt, und gesagt: Für Dich müssen eigentlich neue Pflanzen erstehen, mit modern geschwungenen Linien, Duft und Farbe ist Dir gleichgiltig, nur die Form kann Dich, Tu übermoderner Mensch, packen, wie sonderbar das ist! Sie hatte dazu gelacht, und mit den schlanken Fingern riesengroße Narzissen in Schlangenwindungen aus die helle Seide gestickt, die ein Geschenk für die alte Dame sein sollten.

Laß mich mit den Sentimentalitäten in Ruhe", das war ihre Antwort gewesen!

Jetzt lag sie am offenen Fenster auf dem Ruhebett, schaute hinaus gerade in die duftenden Linden hinein und atmete tief.

Mutter", sagte sie leise. . .ich möchte Dir etwas gestehen, erstens sollst Du es wissen. Du Liebe, wie köst­lich es sich auf Deinem alten, grünen Sopha liegt, viel, viel besser als aus meinen sämtlichen Divans. Urväter Hausrat habe ich's genannt, als Wolfgang mir davon sprach, ich war ja so thöricht, und Du hast alles geduldig ertragen. Alles.

Nicht aufregen, Hede, es war nicht Deine Schuld, der verfeinerte Geschmack regiert nun mal die Welt- Daß Du mich, altmodische Frau, doch! noch lieb gewonnen hast, das ist das Beste von allem . . - Hier nimm die Korn­blumen, die ich Dir draußen vor dem Thor gepflückt habe, ein Sommergruß soll's sein von der üppig schaffenden Natur, 's ist ja nur müßiges Unkraut, sagt der Land- m'cknn, aber doch, man sieht sie gern, und freut sich daran. . . ."

Mein Symbol, Mutter!"

Die junge Frau sagte es bitter ernst. . -Bin auch nur müßiges Unkraut, und doch ist jeder gut zu mir . . - o, ich fühle es wohl, ich war noch nicht reif genug, die hohe Würde der Mutterschaft zu tragen, das heilige Gefühl zu verstehen, meine Selbstsucht hat alles getötet... ich habe die Strafe verdient."

Sie weinte leise vor sich hin.

Tie zarten Finger liebkosten die feinen blauen, gezackten Blütenblätter.

Ich weiß es, ich habe mich an der Natur versündigt, schon lange, lange,, hilf Du mir, mich zu ihr hin zu finden.

Habe mich lieb habe die arme Kornblume lieb um seinetwillen, bis ich selbst es mir verdiene.

Ihr Kopf ruhte an der Brust der erschütterten Fram

Schachaufgabe.

Von Trcala in Brünn.

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Weiß. ("7 -4-6)-

Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.: Stern Stein.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.