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die mein ganzes Herz aus gefüllt hat, ist die stille Neigung gekeimt, ist gewachsen, so innig und tief geworden, daß sie mein Leben durchsonnt, aber Du, Du wirst immer die Erste sein, und bleiben, als ob ict). je vergessen könnte, was Du mir gewesen! Sieh nur, der alte Cäsar teilt meine Freude, wie er um mich herumwedelt, — ja . . - Tn kommst mit in die neue Wohnung, nicht wahr, Mutter, den giebst Du mir?"
„Als ob ich Dir nicht alles geben würde, mein Kind. Was brauche ich einsame Frau dann noch! Die gute Stube schenke ich Dir natürlich, die gepreßten, grünen Sammetmöbel sind noch sehr schön, auch! der Velourteppich, und die Krystallkrone . . . o, ich will es Euch schon behaglich machen . . ■“
Der junge Doktor lachte laut unb herzlich. „Mütterchen, da kennst Du Hedwigs Geschmack nicht. „Stilvoll" ist die Losung, Sezessionsrichtung, geschwungene Linien, seltsame Stoffe und so weiter... wir übergeben hier alles einem berühmten Kunstgewerbe-Geschäft, Du behalte nur Deine alten, lieben Sachen, wir müssen es doch behaglich bei Dir finden, wenn wir zu Dir kommen."
Der junge Arzt war in die Praxis gegangen. Still war's im Zimmer geworden, fast feierlich- Die Somrner- sonne schien über die großen Blattpflanzen ins Gemach hinein, auf die Oelbilder mit den schmalen Goldrahmen, auf die altmodischen, feinen Möbel.
„Welche spottschlechte Mutter ich doch geworden bin, flüsterte die einsame Fran vor sich hin. . ., „müßte ich nicht jubeln und jauchzen? Wie ein Stein liegts mir auf der Seele, — ich verlier ihn ja doch, der fremden Schönen gehört er ganz und gar . . . dort das Briefchen, das sie mir geschrieben — so steil die Buchstaben, so steif die Worte, — förmlich, gemessen, nicht einmal den Mutternamen giebt sie mir. . . Und doch" — die Frau hielt die zitternden Hände an die Schläfen und starrte vor sich hin — doch will ich sie lieben, doch will ich! sie mir erobern, damit er ganz glücklich wird, er, der Rest von all' meinem Glück!"
„Ja der Rest vom Glück", so hatte sie ihn genannt, damals, als schwere Schicksalsschläge ihr alles geraubt, den Mann und hoffnungsvolle Kinder, aber dieser Rest war zu einem einzigen, großen Glücksbesitztum herangewachsen, zu einer Gesamtsumme von Reichtum, daß ihr Leben aus- gefüllt wurde, und ihre trüben Erinnerungen verblaßten.
Wenig sah sie den Sohn in den nächsten Wochen. Nur in späten Abendstunde!! konnte sie seinen Worten lauschen.
Sein Beruf, die Wohnung, die Einrichtung, Hochzeit und- Hochzeitsreise . . . das erfüllte ihn ganz, und wie ein roter Faden schlang sich durch! alles der Gedanke an seine Braut und doch, nie hatte sie ihn weicher, liebevoller! gesehen, nie hatte sie 'tiefer empfunden, welche Lücke durch sein Fortgehen entstehen würde. —
Der wilde Wein vor ihrem Fenster hatte die letzten roten Blätter verloren, die Rosen waren abgeblüht und für den Winterschlaf gebettet worden, die Vögel draußen schmetterten nicht mehr ihre Lieder, und das zierliche, gelbe Mätzchen im Käfig saß auch im Zimmer still aus der Stange, fast wehmütig.
Cäsar war in das neue Heim üb er gesiedelt, und freudig von der jungen Fran begrüßt worden.
Das war ein Kamerad, tote sie ihn liebte. Er hatte seinen Platz in der vornehmen Wohnung bekommen, in der alles zu einander Paßte, die seltsamen Möbel, die Vorhänge mit den — ins ungeheure gewachsenen Blumen, die sonderbar geformten Zierstücke auf den Gesimsen und Tischen, und zwischen allem die schlanke, elegante, blonde Frau mit dem lang wallenden, weichen Gewände.
Nein, da hinein hätte das grün gepreßte Sopha, der bunte Velourteppich nicht gepaßt, nur die Büsten der alten griechischen Weisen — Plato und Aristoteles, die des Vaters Studierzimmer geschmückt hatten, die Bibliothek, sie hatte der junge Ehemann mit hinübergenommen — sonst nichts.
„Nun Mutter, wie gefällt Dir meine Hedwig?" — Einmal in den ersten Tagen hatte Wolfgang so gefragt. „Wirst Du sie lieb gewinnen?"
„Sie ist Dein Weib, und macht Dich glücklich!, mein Sohn, daher steht sie meinem Herzen schon sehr nah. Ich hoffe, daß wir uns immer mehr verstehen werden."
Alle Welt war entzückt von der eleganten, feinen,
jungen Frau. Wo sie hinkam, war sie Siegerin. Immer neue Talente entdeckte man an ihr. Wolfgang war sehr stolz auf seine Hedwig, nur umwölkte sich oft seine Stirn, wenn er sie mit seiner Mutter zusammen sah, und keine Herzlichkeit entdecken konnte.
Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hoffte er, es würde besser werden, aber mit immer stärkerem Wehgefühl mußte er sich sagen, daß es an Hedwig lag, wenn das Verhältnis nicht inniger geworden. Einst in traulicher Stunde hatte er die feine Gestalt in seine Arme genommen, und leise aber dringend gefragt:
„Hede, Kind, hast Du meine Mutter nicht lieb?"
„Aber Schatz, wie Du fragst! Siehst Du es nicht, daß ich sie von Herzen gern habe? Lasse ich es an irgend einer Rücksicht fehlen?"
„Du bist höflich unb zuvorkommend, Hede, Du küßt ihr die Hand, wenn sie kommt und geht, trotzdem meine gute Mutier das gar nicht mag — Du erweist ihr Aufmerksamkeiten, o ich weiß Dir wohl Dank dafür. . . aber das echte Gefühl ist nicht da . . - Hedwig, ich habe noch nicht einmal gehört, daß Du „Mutter" zu ihr gesagt hast."
Die junge Frau wurde leichenblaß, und wand sich aus den sie umschlingenden Armen.
„Ich kenne doch sonst Dein feines Empfinden, Hedwig."
„Gerade, weil Du es kennst- Wolf, solltest Du mich schonen. Du weißt, was meine heißgeliebte Mutter mir gewesen, wie ich ihrer in Sehnsucht gedenke, Du weißt, daß mein Vater nur meinetwillen die Absicht aufgegeben, ihr eine Nachfolgerin gegeben, — ich hätte mich töchterlich gegen sie benehmen können, es wäre Heuchelei und Falschheit gewesen, ich kann diesen geliebten, heiligen Namen keiner andern geben, es würde mir wie eine Versündigung Vorkommen an dem Andenken der Einzigen, ich kann nicht, Wolfgang, . . . Alles in mir bäumt sich dagegen auf, mir wär's, als würde ich eine Lüge aussprechen ..."
„Hedwig, auch! mir zuliebe nicht? Ich kann es nicht mit ansehen, wenn der Blick der teuren Frau sich umflort, wenn sie sich seufzend abwendet, fest den Mund schließt, um keine Klage auszusprechen. Ich habe es ihr in heiliger Stunde versprochen, daß sie stets die Erste in meinem Herzen sein soll. . . ich glaube, ich habe mein Wort gebrochen, jetzt kommt die Strafe. Feierlich, wie einer Fremden reichst Du ihr die Tasse, den Teller, das kälte „bitte" ist das einzige, das Du ihr dabei gönnst, „bitte", „danke", nie ein liebevolles Wort dazu — o, es ist so förmlich, so fremd —"
Die junge Frau kämpfte mit Thränen. „Sei nachsichtig, Wolf", bat sie, „gönne mir Zeit, gerade jetzt, wo alles so unruhig in mir ist, so erregt . . • sprich jetzt nicht« mehr davon, glaube nur, Du siehst Gespenster. Deine Mutter entbehrt es gar nicht, sie ist immer so gleichmäßig, wir haben ja noch! wenig Berührungspunkte, . . . sie sieht mich oft so prüfend an, o ich mache ihr keinen Vorwurf, gönne mir Zeit, Du Lieber, vielleicht kommt bald die Stunde, daß ich von selbst. . • zwinge mich zu nichts — da drinnen, in meiner Seele, da liegt es noch wie ein ungelöstes Band, da fühle ich's noch so schwer, so' schwer, aber Dich liebe ich', Dich! liebe ich über alles!"
Und sie schmiegte sich an ihn, seltsam bewegt, und er hatte Mitleid mit ihr, und küßte ihr die Thränen von den Wangen.
Und so blieb es lange, lange.
Der Winter kam mit Eis unb Schnee, mit Stürmen, Schlittenfahrten, mit Bällen und Konzerten, Vergnügungen aller Art.
Die junge Fran schwelgte in den Genüssen der Jahreszeit, die ihr in der fernen Stadt, in der sie ihre Jugendzeit verlebt, niemals geboten waren.
Wohl war es dem im Berus angestrengt arbeitenden Wolfgang oft zu viel, wohl warnte die Mutter bescheiden, sich zu schonen, Frau Hedwig wollte den schäumenden Trank mach nicht entbehren, trotzdem ihr Ruhe und Vorsicht geboten waren.
„Deine Mutter ist altmodisch", sagte sie mehr als einmal, „wenn ich so verbraucht sein werde, wie sie, sitze ich auch den ganzen Tag im Stuhl, unb häkele Jäckchen und mache Hemdchen für meine Enkel, und lächle


