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Haller war die erste, die in ihrer ganzen seidenrauschenden Würde herausstolzierte, einen Ausdruck inniger Genug- thuung auf dem jetzt noch dunkler geröteten, fetten Gesicksi. Der Blick, den sie dem Referendar zuwarf, sagte deutlicher als Worte, daß sie ihn in ihrem Herzen für einen Helfershelfer der untreuen Gesellschafterin ansah, den diese ohne Zweifel mit ihrem süßen Lächeln verführt habe.
Rudolf aber kümmerte fick' nicht um sie, sondern eilte auf seinen langsam in den Gang hinaustretenden Vater zu. „Nun?" fragte er ungestüm. „Das Erkenntnis?"
„Drei Monate Gefängnis", kam es beklommen über die Lippen des alten Mannes. „Ich glaube, mein Sohn — ich glaube, es ist den Umständen nach! doch! eine sehr milde Strafe."
„Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit rst es — ein Verbrechen! Und Du, Vater, Du hast es auf dem Gewissen."
„Ich! — Ach! du lieber Gott! Am Ende wirst Du nun hingehen und mich wegen Meineides anzeigen. Nach Deinem Benehmen da drinnen würde es mich schon gar nicht mehr wundern."
„Ich werde thun, was meine Pflicht ist", sagte der Referendar düster. „Lebe wohl für jetzt, Vater! Wir werden nachher zu Hause weiter darüber sprechen."
Ohne den Zuruf des Alten zu beachten, eilte er davon. Er wußte, daß man die Verurteilte zunächst in das Untersuchungsgefängnis znrückgeführt haben würde, um sie dann vorläufig zu entlassen. Und wenn es ihm vielleicht auch nicht gelang, sie selbst zu sprechen, so konnte er dort doch jedenfalls ihre Adresse erfahren. In der That sagte man ihm auf seine Frage, Margarete Willisen habe das Gebäude bereits verlassen, und er konnte sich nur ihre in der Johannisstraße, in einem der bescheidensten Stadtviertel gelegene Wohnung notieren.
Ohne Besinnen sprang er in einen nach jener Richtung fahrenden Pferdebahnwagen; denn mit unumstößlicher Gewißheit stand es in seinem Herzen fest, daß es für ihn zunächst keine dringendere und heiligere Pflicht geben dürfe, als die, das soeben begangene furchtbare Unrecht zu sühnen.
Viertes Kapitel.
Bis in das dritte Stockwerk eines alten Hauses hatte Rudolf Jmberg emporsteigen müssen, ehe er auf dem Porzellanschild an einer Thür den Namen Willisen fand. Er zog die Glocke, aber er mußte minutenlang warten, ehe man ihm öffnete. Trotz der Dunkelheit, die auf dem Gange herrschte, sah er sogleich daß Margarete Willisen selbst vor ihm stand. Auch sie mußte ihn auf den ersten Blick erkannt haben; denn überrascht und bestürzt nannte sie seinen Namen.
„Ja, Fräulein Willisen, ich bin es", sagte er herzlich „und ich bitte Sie, mein Erscheinen nicht als Zudringlich keit zu deuten. Ich wollte meinen Besuch! nicht aufschieben, weil die Gewißheit, daß Sie nicht ohne Beistand sind, Ihnen vielleicht gerade in diesen ersten schweren Augenblicken zu einigem Trost gereicht."
„Ich danke Ihnen", erwiderte sie, tapfer gegen die Thränen kämpfend, die ihre Stimme verschleiern wollten. „Sie haben sich meiner schon vorhin so freundlich angenommen. Und wenn Sie wirklich meiner armen Mutter jetzt ein Wort der Beruhigung sagen könnten —"
„Gewiß — führen Sie mich zu ihr. Ihr und jedermann gegenüber will ich mich dafür verbürgen, daß man Sie ungerecht verurteilt hat."
„So warten Sie, bitte, hier einen Augenblick. Ich muß meine Mutter erst vorbereiten; denn sie ist krank und über die Unglücksnachticht, die icfy ihr eben bringen mußte, der Verzweiflung nahe."
Sie trat in eines der an dem Gange gelegenen Zimmer ein. Rudolf Jmberg hörte eine schwache, jammernde Frauenstimme, dann wurde die Thür wieder geöffnet, und Margarete ersuchte ihn durch einen bittenden Blick, hereinzukommen. Ganz von seiner Aufgabe erfüllt, sah er sich nicht viel in dem Zimmer um, aber er empfing doch den Eindruck, daß es bei weitem nicht so dürftig und ärmlich sei, wie er es erwartet hatte. In einem Lehnstuhl am Fenster saß eine magere Frau von vierzig und einigen Jahren, deren gelbe Gesichtsfarbe wie die dunkel umschatteten Augen von körperlichen Leiden sprachen, während
die Thränen, die unaufhaltsam über ihre Wangen rannen, stummberedte Zeugen ihres seelischen Kummers waren. Sie bemühte sich zwar nach Kräften, vor dem fremden jungen Manne ruhig und gefaßt zu erscheinen, aber es gelang ihr nur schlecht, und schon nach seinen ersten tröstlichen Worten brach der künstlich zurückgedämmte Strom ihres Jammers aufs neue hervor.
„Wir sind zum Unglück bestimmt, mein Herr", klagte sie, „und vielleicht ist es am besten, uns unserem Schicksal zu überlassen. Dann wird es ja desto schneller zu Ende sein. Und auf dem Friedhof wenigstens muß man mir doch Ruhe gönnen."
Rudolf Jmberg runzelte die Stirn. „Ich weiß natürlich nicht, verehrte Frau, wie viel oder wie wenig Anlaß Sie haben, sich nach dieser traurigen Ruhe zu sehnen. Aber ich denke, daß es sickr hier vorerst nicht so sehr um Sie als um Ihre Tochter handelt. Sie ist ein beklagenswertes Opfer menschlichen Irrtums geworden, und es gilt jetzt, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß dieser Irrtum berichtigt werde."
Aber die Leidende schüttelte trotz der energischen Tons seiner letzten Worte hoffnungslos den Kopf.
„Ja, wenn ich gesund wäre und wenn wir Geld hätten! Die Kranken und Armen werden doch immer mit Füßen getreten, und je mehr sie sich dagegen auflehnen, desto schlimmer treibt man's mit ihnen. Es ist ein Schicksal, mein Herr, und wenn wir auch daran zu Grunde gehen, wir müssen es tragen."
„Ist das auch Ihre Meinung, Fräulein Willisen?"
Sie stand mit zusammengepreßten Händen am Fenster. Der verzweifelte Schmerz in ihren Zügen zerschnitt ihm die Seele.
„Mein Gott, was können wir denn thun? Unsere Mittel erlaubten uns nicht, einen Verteidiger für mich zu nehmen, und heute sagte man mir auf dem Gericht, daß eine Berufung gegen das Urteil nicht zulässig sei."
„Man sagte Ihnen leider die Wahrheit; denn unsere Gesetzgeber haben es für zweckmäßig gehalten, diese wohl- thätige Einrichtung aufzuheben. Aber man kann Revision einlegen, und ich werde veranlassen, daß es unverzüglich geschieht."
(Fortsetzung folgt.)
Die Schwiegertochter.
Novellette von Leo Berthold.
Nachdruck verboten.
Im Erker sahen sie beide, die Frau Professor Heyden mit ihrem einzigen Sohne, der von langer Urlaubsreise heimgekehrt war.
„So, und nun weißt Du,, was ich Dir mitgebracht habe, etwas so lang Gewünschtes, das nun plötzlich zu Dir ins Haus kommt, eine Schwiegertochter, und nun weißt Du Mütterchen, wie ich meine blonde, schlanke Hedwig in den Bergen gefunden — Du wirst sie lieb gewinnen, sie ist eine ehrliche, reine Natur, ein sehr moderner Mensch mit ausgeprägtem Empfinden für alles Schöne. Noch ist sie keine gute Hausfrau, aber das wird sie unter Deiner Leitung schon werden. — Ein Hauch von Schwermut liegt über ihr. — Sie hat vor einigen Jahren die Mutter verloren, kann den herben Verlust noch immer nicht verwinden, diese Mischung von tiefem Gefühl und modernen Neigungen gießt ihr einen absonderlichen Reiz. Aber, Mütterchen, Du sagst ja gar nichts, siehst mich! nur immer an, und streichelst meine Hand . . - kannst Du Dich noch immer nicht hineinfinden? Hat es Dich denn so sehr überrascht?"
Tie Frau atmete tief, dann versuchte sie, einen heiteren Ton anzuschlagen.
„Nicht doch, Wolfgang. Ich habe es mir doch so innig gewünscht. Wie viele Mädchen, die Du kennen gelernt, habe ich mir darauf angesehen, . . • könnte das die Rechte sein, möchtest Du die als Schwiegertochter haben? Ich bin mir schon ganz lächerlich damit vorgekommen, und nun ift's da, nun bist Du ein glücklicher Bräutigam, aber ich, ich muß Dich! hingeben, Du gehst von mir, und mußt Deine Liebe teilen. —"
„Nicht teilen, Mutter, nicht teilen!"
Neben meiner heißen, dankbaren, Sohnesliebe für Dich,


