Ausgabe 
11.8.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Ter Pfandleiher atmete mühsam. In großen Tropfen perlte der Schweiß auf seiner Stirn. Wenn er sich nur hätte bei seinem Sohne Rat holen dürfen! Aber er wagte nicht einmal, sich nach ihm umzusehen. Und dann durfte er Venn etwas widerrufen, was nach seiner innersten Ueberzeugung reinste Wahrheit gewesen war?

Bei der Gegenüberstellung vor dem Untersuchungs­richter war er ja allerdings während der ersten Minuten bezüglich der Identität der Angeklagten mit der lieber» Bringerin der Brosche ein wenig im Zweifel gewesen, aber dann war es ihm doch allgemach mehr und mehr zur Gewißheit geworden, daß er dasselbe junge Mädchen vor sich habe. Dis zu der überraschenden Erklärung' Rudolfs war ihm wegen .seiner Aussage ctudj. nicht das leiseste Gewissensbedenken'-gekommen. Durfte er sich jetzt irre machen lassen, nur weil sein Sohn das Opfer einer Täusch­ung oder er wagte es kaum auszudenken vielleicht gar das Opfer eines sträflichen Mitleids war? Und sollte um seiner Schwäche willen die Diebin straflos ausgehen, diese verschlagene, schändliche Person, die ihn um den Schlummer so vieler Nächte und um tausend Mark sauer erworbenen Geldes gebracht?

Nimmermehr! Gerade der Gedanke an die tausend Mark war es, der seinem kurzen Schwanken ein Ende machte und ihm die Festigkeit des Entschlusses wiedergab.

Sie sind sehr gütig, Herr Richter", sagte er bescheiden, aber ich bleibe bei dem, .was ich gesagt habe ich kann mich unmöglich irren."

Der Irrtum wäre also auf Seite Ihres Sohnes. Können Sie sich den Widerspruch zwischen Ihrer Ansicht und der feinigen vielleicht erklären?"

Mit einem Eifer, als gälte es bereits, Rudolf vor dem Gefängnis zu retten, erwiderte der Gefragte:Wollen Sie gütigst bedenken, Herr Richter, daß er die Person eigentlich nur im Halbdunkel gesehen hat. Sie hielt sich! ja int Wohnzimmer offenbar absichtlich möglichst weit von der Lampe entfernt, während ich sie in meinem Kontor bei hellster Beleuchtung betrachten konnte."

Sonntag den 1t. August

OB

1901. - St. 113.

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Zu ihm, der es gegeben!

Fr. Bodenstedt.

er glücklich ist, der bringt das Glück Und nimmt es nicht im Leben!

Es kommt von ihm, und kehrt zurück

Ist das richtig, Herr Referendar?"

Nur zum Teil; denn das junge Mädchen trat einmal bis in den Lichtkreis der Lampe und nahe zu mir heran allerdings in einem Augenblick, wo mein Vater nicht im Zimmer war. Ich bin bereit, zu beschchören, daß das an­gebliche Fräulein v. Neuhofs braune Augen hatte, während die der Angeklagten blau sind, und überdies würde schon die Verschiedenheit im Klange der Stimme hinreichen, mich meiner Sache gewiß zu machen."

Im Zuschauerraum gab -es Geflüster und Lachen, und das Interesse der Hörer steigerte sich bis zu höchster Spann­ung, als nun der Gerichts dien er mit den beiden Kleidungs­stücken -eintrat, die aus dem benachbarten Untersuchungs­gefängnis herbeigeschafft worden waren.

Margarete Willisen mußte den Mantel wie das seidene Kopftuch anlegen, und Vater und Sohn wurden noch: einmal oufgeforb-ert, sich zu erklären. Beide blieben bei dem, ma£ sie früher gesagt hatten der Pfandleiher mit zittern­der, gepreßter Stimme und mit ängstlichen Blicken auf seinen Sohn, Rudolf Irnberg aber fest und entschieden wie bisher.

Ter öffentliche Ankläger beantragte, dem Referendar, der sich ganz offenbar im Irrtum befände, den Zeugen­eid nicht abzunehmen, und. trotz- Rudolfs entschiedener Verwahrung verkündete der Vorsitzende nach kurzer Be­ratung, daß der Gerichtshof diesem Anträge stattgegeben habe. Tas war beinahe gleichbedeutend- mit einer Ver­urteilung der Angeklagten; denn es bewies ja, daß. man der beschworenen Aussage des Pfandleihers volle Glaub­würdigkeit beimaß.

Rudolf Jmberg, der sehr bleich geworden war, erbat sich noch einmal das Wort.

Fräulein Willisen hat, wie ich sehe, leider keinen Verteidiger. Ein solcher würde ohne allen Zweifel mit Nachdruck gegen den Antrag des Staatsanwalts protestiert haben, und ich meine"

Das sind Ausführungen, Herr Referendar, die einem Zeugen nicht zustehen. Haben Sie zur Sachss selbst noch! etwas zu sagen?"

Der junge Mann richtete sich! hoch auf und- in feier­lichem Tone erklärte er:Ja, ich habe zu sagen, daß die Verurteilung des Fräulein Willisen auf das Zeugnis meines Vaters hin ein beklagenswerter Justizirrtum sein würde, und daß ich, wenn sie erfolgt, alles daran setzen werde, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen."

Ich entziehe Ihnen das Wort und fordere Sie auf, das Sitzungszimmer zu verlassen!"

Rudolf Jmberg verbeugte sich schweigend und ging hinaus. Mit zornig gefurchter Stirn und finsterem Blick schritt er draußen auf dem Korridor auf und nieder, bis nach Verlauf einer Viertelstunde die Thür aufgerissen und die nächste Sa-che ausgerufen wurde. Frau Therese: