Ausgabe 
11.7.1901
 
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zubringen. Unter dem Vorwand der Müdigkeit zog sich jeder früh auf sein Zimmer zurück, und so war der Abend vergangen, ohne daß es zwischen mir und Gunhilda zu einer Aussprache gekommen war.

(Fortsetzung folgt.)

Eis und Eisgelvinmng.

Eine frostige Betrachtung zur heißen Sommerszeit.

Bon Rudolf C u r t i u s.

(Nachdruck verboten.)

Wir entfernen uns im Laufe der Kulturentwickelung immer mehr von der Einfachheit des Diogenes, der seinen Becher fortwarf, als er eines Tages einen Knaben aus der hohlen Hand trinken sah, und der von dem ihm die Er­füllung irgend eines Wunsches freistellenden Macedonier- könig Alexander dem Großen nichts anderes zu erbitten wußte, als:Geh mir aus der Sonne".

Als der Philosoph von Sinope in seiner seltsamen Geist- reichheit diesen Wunsch äußerte, muß es wohl unter dem ewig blauen, lachenden Himmel Griechenlands ziemlich kalt gewesen sein. Wir wenigstens empfinden trotz des so viel rauheren Klimas unserer Heimat die Hitze meistens viel unangenehmer als die Kälte, vor der wir uns leicht zu schützen wissen, und das Eis, welches uns in den Hundstagen wie ein Stückchen mühsam erhaltener Winter erscheint, ist kein Aufwand mehr, sondern ein wahres Bedürfnis, dessen wir nicht entraten möchten. Schon ein einziger milder Winter, der es zur Bildung einer starken Eisdecke auf unseren Flüssen, Seen und Teichen nicht kommen läßt, macht den Eismangel recht fühlbar; wenn aber gar, wie es schon 1897 auf 1898 und von da auf 1899 der Fall war, zwei ungewöhnlich warme Winter auf einander folgen, kommt es zu einer wahren Eisnot, welche durch die Herstellung von Kunsteis, und durch die Einfuhr ausländischen Eises nur mühsam gedeckt wird.'

In erster Linie sind es die Brauereien, in deren Kühl- und Lagerkellern ganze Gebirge von Eis "im Ge­wicht von vielen Millionen von Zentnern erschwinden. Die größten Brauhäuser haben sich allerdings ebenso wie die Ausfuhrschlächtereien, und einige andere Zweige der Großindustrie von den Launen der Witterung unabhängig gemacht, indem sie riesenhafte Eis- und namentlich Kalt­luftmaschinen besitzen; aber auch! sie benutzen lieber das Natureis, wenn es der Winter in ausreichendem Maße liefert, da es natürlich weitaus billiger ist, als das mit Hilfe von Ammoniak und anderen Chemikalen erzeugte künstliche. Dann kommen die tausende von kleinen Brauereien, die Handlungen mit Butter, Fleisch Bier und anderen Nahrungsmitteln, welche wir uns gewöhnt haben, nur noch frisch vom Eise haben zu wollen, ferner die Konditoreien, Weinhäuser und Kaffeehäuser. Kurzum über­all wird Eis verbraucht in ungeheuren Mengen, damit in den Hundstagen der lechzende Gaumen mit kühlenden Getränken und unverdorbenen Nahrungsmitteln gelabt werden kann.

Hat nun der Winter die auf ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, fo beginnt schon im zeitigen Frühjahr ein schwunghafter Eishandel aus dem Auslande. Vor einigen Jahren war es das nördliche Norwegen, welches unge­messene Mengen Eis nach Deutschland lieferte, uni)1 zwar besonders nach Bremen, Hamburg und Stettin. Die Gletscher reichen in Norwegen mit ihrem Fuße, entsprechend der hohen Breite, sehr tief herab, und so ist es denn mit wenig Schwierigkeiten verknüpft, das Eis in großen Blöcken, welche wie die Steine eines Steinbruches aus dem Gletscher herausgebrochen werden, zum nächsten Fjord, und dort in das Schiff zu schaffen. Zum Teil dienen auch Schwebebahnen, auf denen das Eis in Wagen be­fördert wird, oder direkt mittels Klammern am Seile hängt, zur Beförderung.

Norwegen ist in der gedachten Weise schon lange Eislieferant für Frankreich und England, ja sogar für Spanien und Portugal. Der Eismangel des vorvorigen Jahres trieb aber die Preise derartig in die Höhe, daß man sich nach anderen Bezugsquellen umsah, und diese öffneten sich in reichlichen Mengen in Rußland und Finland. Von dort gehen, sowie die Häfen des finnischen und bott­

nischen Meerbusens im Frühjahr fahrbar werden, die Eis- fchiffe mit ihrer kalten Ladung nach den deutschen Ostsee­häfen, mnd so manche hunderttausend Mark sind in den letzten Jahren dafür in die Taschen der Unternehmer und Rheder geflossen.

Zum Glück sind wir aber doch nicht ganz und gar in dieser Hinsicht vom Auslande abhängig; auch unser deutsches Mittelgebirge liefert jahraus jahrein große Mengen von Eis. In erster Linie ist da das Riesengebirge zu nennen, welches einen ziemliche rauhen Winter hat, und in seinen Wasserbecken, dem unter dem Kamm ge­legenen großen und kleinen Tesch eine reichliche Fund­grube bietet, welche natürlich zumeist nur den schlesischen, sächsischen und märkischen Städten und Berlin zu gute kommt, und noch eine bedeutend stärkere Ausnutzung er­fahren dürfte, wenn endlich einmal das schon lange geplante Netz von Zahnradbahnen im Riesengebirge zur Ausführung gebracht sein wird.

Das westliche und südlsche Deutschland wie Oesterreich deckt nach warmen Wintern seinen Bedarf selbstverständlich aus den in dieser Beziehung noch eine viel günstigere Ausbeute gewährenden Alpen. Neben dem Gletschereise, dessen Beförderung zur nächsten Bahnstation meistens mit ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft ist, eignet sich! be­sonders das Eis der Alpenseen dank seiner vorzüglichen Güte zum Versand nach: weithin. Der Zeller See, der Achensee, die verschiedenen Seen des Salzkammergutes, welche seit einigen Jahren durch Bahnen dem Verkehr erschlossen sind, liefern hunderttausende von Zentnern Eis nach Wien, und anderen österreichischen Städten. Tie Bier­stadt ohnegleichen München, und andere bierbrauende bajuvarische Städte sind in ihrem Bedarf reichlich gedeckt durch das Eis der oberbayerischen Seen, das übrigens, zuzeiten bis nach Norddeutschland hinein verfrachtet wor­den ist.

Ungleich reicher entwickelt ist die Eisgewinnung auf den schweizerischen Seen und Gletschern; denn es ist nicht nur das eigene Bedürfnis des eidgenössischen Landes, welches in Hunderten von Hotels im Sommer der Mittel­punkt einer reiselustigen und ziemlich anspruchsvollen Menschheit ist, zu befriedigen, sondern auch, noch das benachbarte Frankreich zu versorgen, welches sich infolge seiner warmen Winter in steter Eisnot befindet, und in seinen bewohntesten Teilen der Schweizer Berge viel näher hat, als die im übrigen auch! sehr unzugänglichen Pyre­näen. Fast überall in der Schweiz sind daher zur Eis­gewinnung dauernde Vorrichtungen wie: Schwebebahnen, Pferde-, Seil- und Zahnradbahnen geschaffen worden, so z. B. am unteren Grindelwaldgletscher, am Col de Balme im Montblanc-Gebiete, am Cassetgletscher bei Briancon, am Rhonegletscher, im Hinteren Rheinthal, und an vielen anderen Orten.

Ein böses Jahr für die. Eiskonsumenten war das Wiener Welt-Ausstellungsjahr 1873. Man half sich damals, da die Eisenbahnen noch! nicht bis in das Herz der Alpen führten, mit dem Eise der zahlreichen oberungarischen Eis­höhlen, welche, zum Schrecken der Touristen, ihren herr­lichen Schmuck hergeben mußten, der auf der Kaschau- Oderberger Bahn nach der Kaiserstadt an der Donau be­fördert wurde. Seit der Eröffnung der Zahnradbahn nach dem Csorbasee sind es aber dessen Vorräte, die nach Wien, und zum Teil auch nach den preußischpschlesischen Städten wandern.

Tie Nordamerikaner, über deren Land in manchem Sommer schon mehrere jener Hitzqnellen hingegangen sind, wie wir sie, auch wenn alles bei uns über tropische Tempe­ratur jammert, nicht kennen, haben in den großen ka­nadischen Seen, und in jenen Labradors unerschöpfliche Eismagazine. Es ist bekannt, daß auf diesen Seen das Eis alljährlich eine geradezu ungefüge Dicke erreicht, welche es ermöglicht, in Toronto und Montreal zur Faschingszeit wahre Eispaläste zu errichten, in welchen sich das tanz­lustige Volk auf krystallenem, gefrorenem Parkett dreht. Dieses Eis, welches eine Dicke von ein einhalb Metern und darüber, erreicht, wurde seiner Zeit mittels Schiff bis weit nackj den Südstaaten der Union, bis Mexiko, nach den zentralamerikanischen Republiken, ja sogar bis Südamerika verfrachtet. Jetzt ist jedoch dieser Ausfuhrzweig aufgegeben, da derselbe auf so bedeutende Entfernung bei der heutigen