einen schätze gering; ist er zu schwach, dir zu nützen, Dir zu schaden vermag auch der erbärmlichste Wicht!
Gottfried.
(Nachdruck verboten.)
Auf der Felseninsel.
Eine Erzählung aus den norwegischen Schären.
Von M. O t t e s e n.
(Fortsetzung.)
„Sie müßten wieder heiraten", sagte ich, ungeduldig «ach den übrigen Herren ausspähend, um die lästige Gesellschaft loszuwerden.
„Deshalb bin id) auch hier", erwiderte er so gelassen, als handele es sich darum, einen neuen Hut zu kaufen, nachdem er alte verloren gegangen. „Geben Sie nrir ein bißchen Anleitung, lieber Freund, sind ja bekannt im Hause. Welche von den drei Pfarrerstöchtern soll ich nehmen?"
Da kicherte es leise, und dicht vor uns stand Hanna. Sie errötete heftig, als sie die Augen des Doktors auf sich ruhen sah, und zeigte durch ihr ganzes Benehmen, daß sie die letzten Worte gehört hatte.
„Fräulein Hanna Ström, Tr. Falseu", stellte ich vor, wider Willen bei dem Gedanken lachend, der würdige Heilkünstler könnte hier eine Mutter für seine Kinder suchen.
„Freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein verehrtes Fräulein", begann der Witwer verbindlich, „habe bereits Ihre beiden Schwestern —"
Doch Hanna hielt nicht so lange stand: wieder ertönte ihr helles Lachen, es perlte und quoll, bis ihr die Thränen in die Augen traten und sie mit leichten Sprüngen aus die Mutter zueilte, in deren Armen Schutz suchend.
„Eine kleine Elfe", meinte der Doktor mit mehr Wohlwollen, als ich ihm zugctraut hatte. „Echt jugendlicher Uebermut. Wirklich allerliebst, allerliebst! Nur schade, daß man nicht zwanzig Jahre jünger ist."
Ich benutzte den Moment, als er höflich auf die Pastorin zutrat, um Gunhilda aufzusuchen. Sie war und blieb aber verschwunden, und ich niußte mich darein finden, daß wir ohne sie den Weg nach der Brücke antraten. Ter Kaufmann gesellte sich wieder zu mir, und ich nahm die Gelegenheit wahr, ihm meine Besorgnis über Sigurds Fortbleiben auszudrücken.
„Was reden Sie da?" sagte er kürz angebunden. „Der Junge wird schon unten sein, wenigstens ließ er mir
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sagen, daß alles zur Abfahrt bereit sei. Ich werde meinen Herrn Sohn aber wissen lassen, daß er an einem Tage wie dem heutigen etwas Besseres vornehmen könnte, als hinaus nach der Brigg zu rudern. Tie segelt doch erst morgen, und will man etwas erreichen, so heißt's zugreifen. Habe mich nicht erst lange besonnen, ehe ich um meine Alte freite. ,Frisch gewagt ist halb gewonnen', ist mein Spruch — und Sigurd kann schon anders auftreten, als es sein Vater damals vermochte. Hall und Sohn könnten ein Mädchen an jedem Finger haben, wenn er wollte, — alte, solide Firma, hübscher Bursch — den Sigurd meine ich natürlich."
Ich schwieg und sah mich nach Gunhilda um. Als ob Hall meine Gedanken erraten hätte, fuhr er mit erhobener Stimme fort, mich mißtrauisch von der Seite ansehend: „Möchte wissen, ob etwas zwischen den beiden vorgefallen ist. Auch das Mädel ist wie ausgewechselt. Als ich sie vorhin in aller Freundschaftlichkeit auf die Schulter schlug und nach Sigurd fragte, zuckte sie zusammen und sah mich ganz verstört an mit großen, verweinten Augen. Wissen Sie vielleicht den Grund dieses sonderbaren Benehmens?"
Er pflanzte sich breit vor mich hin, und vergebens versuchte ich, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. Ich fühlte mich wie der Verbrecher vor dem jähzornigen Richter, der keine mildernden Umstände gelten lassen will. Meine Verwirrung schien ihn in seinem Argwohn noch mehr zu bestärken. Schioer legte sich seine Hand auf meine Schulter, und langsam und drohend fielen die Worte:
„Hat sie mit Sigurd Hall nur ihr Spiel getrieben, verjagt sie ihn, den einzigen Sohn seiner Eltern, von der Heimat, auf daß er wie ein armseliger Seefahrer in der Fremde herumirre — da sei sie verflucht in alle Ewigkeit, und verflucht sei^die Stunde, in der das tückische Meer sie an unseren Strand warf!"
Mit hastigen Schritten eilte er vorwärts, ich folgte ihm, voller Besorgnis der Zukunft gedenkend, und atmete erst freier, als ich Sigurds hohe Gestalt auf der Brücke erblickte. Merken ließ sich dieser jedenfalls nichts. Er grüßte kurz, als er uns kommen sah, und fuhr mit seinen Anordnungen fort, als ob die Fahrt allein seine ganze Aufmerksamkeit erforderte.
Dunkel fielen schon die Schatten des Abends über die breite Bucht, kein Lüftchen regte sich, Im Vordersteven der Boote wurden mächtige Kieufackeln aufgepflanzt, und die Männer ergriffen die langen Spieße, mit Widerhaken versehen, welche bei diesem Fischfang gebraucht werden, um den armen Meeresbewohner zu treffen, sobald er sich vom Feuerschein augelockt an die Oberfläche hinaufwagt.
Erst als wir beinahe alle eingeschifft waren, kam Gunhilda mit Frau Hall, welche ihr bis auf die Brücke das Geleit gab und sie erst fahren ließ, als Sigurd auf


