Ausgabe 
11.4.1901
 
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19g -

Neues, aber ich gebe den Briefschreibern Recht, wenn sie es als geschmacklos bezeichnen, ihre Herzensergüsse an die Wand zu kleben. Es wird erzählt, daß eine amerikanische Schöne mit Hunderten solcher Liebesbriefe in dieser Weise rerfahren sei, um sich über ihre Verehrer lustig zu machen. Von der Natur und äußeren Glücksumständen begünstigt, war sie stets vost einem großen Kreis von Bewunderern umgeben, die ihr' Herz und ihre Hand zu erobern trachteten. Die Handlungsweise der stolzen Frau beweist jedenfalls, daß sie von ihren Verehrern keine sehr hohe Meinung hatte. Ihre Freunde hatten natürlich, wenn sie bei ihr zu Besuch waren, das Vergnügen, sich nach Herzenslust in diese Lektüre zu vertiefen, und sie fanden die Beschäftigung allgemein äußerst interessant. Ein junges Mädchen kehrte aber von einem Besuch bei der Gefeierten mit gebrochenem Herzen nach Hause zurück. Sie hatte unter den Briefen ein in den zärtlichsten Ausdrücken abgefaßtes Schreiben ihres eigenen Liebsten entdeckt. Es ist selbstverständlich, daß dieser Getreue sofort den Laufpaß erhielt.

Unser Garten im April.

(Nachdruck verboten.)

Der April hat seine Launen. Launig wie er ist, treibt er heute den Gartenfreund mit wirbelnden Flocken und kalter Oktoberluft ins Stüblein zurück, um ihn morgen mit lauen Lüften desto eilfertiger hinauszulocken in den Garten.

Stören auch solche Launen, sie können uns nicht ab­halten, immer energischer die Arbeiten zu betreiben, die der April nun einmal heischt, und die kaum eingeholt werden können, wenn sie versäumt oder verzögert werden.

Im Obstgarten gilt es, überall den letzten Schliff an­zulegen, das, was bisher nicht geschnitten wurde, zu schneiden. Es gilt, die Veredelungen durch Pfropfen in die Rinde an alten und jungen Bäumen vorzunehmen, die Bäume zu ritzen, zu düngen und mit Kupferkalkbrühe gegen den Schorfpilz und den Apfelblütenstecher zu spritzen. Man entfernt die letzten trockenen Blätter, in denen die Raupen des Goldafters sich befinden. Man sucht Schwammspinner, Kupferglockenraupen und dergleichen Ungeziefer, wo immer sie anzutreffen sind, zu vernichten. Es werden noch Obst­kerne gesät. Man schneidet auf Zapfen die vorjährigen Okulanten. Man pflanzt noch^ wo es bislang nicht ge­schehen..

Im Gemüsegarten wird fleißig gearbeitet. Das Düngen, Graben, Einteilen der Beete und Besäen derselben nimmt die Zeit in Anspruch!. Von Aussaaten werden gemacht: Erbsen, Radies, Spinat, Salatrüben, Petersilie, Karotten, Zwiebeln, Kardy und dergleichen mehr. Es werden die herangezogenen Pflanzen von Salat, Kohlrabi, Kohl gesetzt, angekeimte Kartoffeln gelegt. Mitte des Monats sät man Gurken und Bohnen, auch Melonen und Kürbis in Töpfe, um für den Mai Pflanzen zum Auspflanzen zu haben. Man pflanzt Spargel, Rhabarber, zur Not noch Stachel- und Johannisbeeren, auch Erdbeeren. Das Treiben der Erd­beeren bringt jetzt schöne Erfolge. Man braucht nur um das Erdbeerbeet Bretter aufzustellen nach Art eines Mistbeet­kastens, darauf Fenster zu legen, um vierzehn Tage früher Erdbeeren zu haben wie andere.

Tas Mistbeet verlangt die sorgsamste Pflege. Es kommt die Zeit, wo Schütten gegeben werden muß und wo eine einzige Stunde unvorsichtiger Behandlung die ganze Aussaat zerstört. Daher habe man Obacht auf richtiges Lüften, richtiges Gießen und richtiges Schattengeben. Für den Blumengarten werden ins halbwarme Mistbeet all die Sachen ausgesät, die wir späterhin gebrauchen, Astern, Levkoyen, Goldlack, Verbenen rc. Man vergesse auch die neue Nelke Riviera Markt nicht, die viel schöner als die Margaretennelke ist. Es werden gleich ins Freie ausgesät Calliopsis, Centauren, Clarkia, Gilia, Mohn, Reseda, Heli­anthus u. s. w. Das Aufdecken der eingepackten Sträucher und immerblühenden Pflanzen wird durchgeführt. Pontische Azaleen und Rhododendron werden gepflanzt, Koniferen umgesetzt. Auf die Blumenbeete bringt man den nötigen Kompost. Die Rosen werden geschnitten mit Ausnahme der­jenigen, die nur einmal blühen. Wer diese schneidet, der schneidet ein gut Teil der Blüten fort. Beim Pflanzen

Sonderbare Tapeten.

Von E. Osten.

(Nachdruck verboten.)

Es wird vielfach erzählt, daß berühmte Schauspieler­innen und Sängerinnen sich die Wände ihrer Zimmer mit den Kritiken tapezieren lassen, welche galante und boshafte Journalisten über sie geschrieben haben. Derartige Mit­teilungen jn der Presse scheinen ansteckend zu wirken; denn immer wieder tauchen ähnliche Mitteilungen in Zei­tungen auf, und es ist natürlich, daß jede zweifelhafte Größe, die gern von sich reden macht, selbst eine Patti an originellen Einfällen übertreffen möchte.

Ein New-Porker Geschäftsmann hat sein Privatkontor mit Obligationen zu einem Nennwerte von ca. 500 000 Dollar tapezieren lassen. Jn Wahrheit sind die Scheine aber völlig wertlos, weil sie von einer Goldmine ausgegeben wurden, die sich als großes Schwindel-Unternehmen entpuppt hatte. Jeder der Anteilscheine lautete auf 100 Dollar, und tausende dieser Scheine sind zur Tapezierung der Wände aufgewendet worden. Diese Anteilscheine waren sehr kunstreich ausge- führte Dokumente, deren Herstellung allein über 2000 Dollar betrug, so daß man die Tapete in jeder Hinsicht als kostspielig bezeichnen konnte.

Aber noch größere Ausgaben hat die Tapezierung eines Hauses in der College Street in Jackson (Tennessee) ver­ursacht. Sie besteht aus lauter Kaufverträgen über den Erwerb von Grundstücken im Werte von zwei Millionen Dollar.

Ein Anwalt in Manchester, der vor mehreren Jahren zwischen 3000 und 4000 Pfund an einer Silbermine ver­loren hatte, ließ sein Arbeitszimmer, um stets eine gründ­liche Warnung vor ähnlichen Spekulationen vor Augen zu haben, mit den wertlosen Dokumenten tapezieren. Sie be­standen aus Ein-Pfund-Certifikaten, und da sie nach einem künstlerischen Entwurf gefertigt und vorzüglich gedruckt waren, so bilden sie eine gar nicht so üble Zierde für den Raum.

Eine drollige Geschichte wird von einem anderen Herrn erzählt, der sich gleichfalls zum warnenden Exempel ein Zimmer mit wertlosen Aktien tapezieren ließ. Er war in einer Goldmine in dem Distrikt Barberton der Südafrikani­schen Republik beschäftigt und wurde für seine Dienste zum Teil in Bargeld, zum Teil in Scheinen der Gesellschaft bezahlt. Nachdem er ziemlich lange hier gearbeitet hatte, fand er, daß das Unternehmen nicht einschlug, und da wenig Aussicht vorhanden war, daß er jemals hier ans einen grünen Zweig kommen könnte, gab er seinen Posten auf und suchte einen anderen. Er erhielt Beschäftigung in einem anderen Distrikt, wo er mit den wertlosen Aktien die Wände seiner bescheidenen Behausung bekleben, ließ und ein recht beschauliches Leben führte. Nach einiger Zeit zogen diese ungewöhnlichen Tapeten die Aufmerksamkeit eines Besuchers auf sich, der schließlich den Wunsch äußerte, sie zu kaufen, um seinen Freunden in seiner eigenen Be­hausung mit den Tapeten zu imponieren. Er schien so interessiert, das Kuriosum zu erwerben, daß sein Wirt mißtrauisch zu werden begann. Er erkundigte sich nun und erfuhr, daß sein Gast ein sehr schlauer Fuchs sei. Die Mine war plötzlich zu einem blühenden Unternehmen ge­worden und lieferte eine reiche Ausbeute. Ohne es zu wissen, war der Besitzer der anscheinend wertlosen Aktien zum reichen Mann geworden, und die einst verachteten Aktien wurden nun natürlich sehr sorgfältig von den Wänden abgelöst und aufbewahrt. Sofort wurden dann auch die ansehnlichen Dividenden reklamiert, welche die Gesellschaft nachzuzahlen verpflichtet war.

Jn vielen Fällen haben schon Briefmarken als Tapeten Verwendung gefunden. Ein geduldiger unternehmender Amerikaner soll zur Dekoration eines Raumes Briefmarken im Nennwerte von 75 000 Dollar aufgewendet haben. Die Wände weisen Postmarken aller Nationen auf, so daß auch ihr gesamter wirklicher Sammlerwert ein sehr be­deutender sein muß. Es sollen an drei ein halb Millionen Marken sein, und die Arbeit, jede einzelne anzukleben, würde ein halbes Dutzend Personen für einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren vollauf beschäftigen.

Ein mit Liebesbriefen tapezierter Raum ist gewiß etwas