Ausgabe 
10.12.1901
 
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lediglich in den Mienen des Assessors eine Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Vermutungen.

Aber während mau so in der ganzen Stadt von Felicias Flucht als von einer großen Skandalaffaire sprach, wurde Ludwig Ignatius von seinen Angehörigen in deni Wahne erhalten, daß alles sich binnen kurzem zum Guten wenden werde. Die Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte, sobald ihm die Erinnerung au den Inhalt des von ihm eigenmächtig erbrochenen Abschiedsbriefes seiner Schwieger­tochter zurückgekehrt war, hatte den ©einigen die unabweis- liche Pflicht auferlegt, ihn so lange als möglich über die Wahrheit zu täuschen. Mit heftigem inneren Widerstreben der gebieterischen Notwendigkeit gehorchend, hatte ihm Sbcr= bert auf seine ungestümen Fragen versichert, er kenne den Aufenthaltsort Felicias, sie befinde fich ganz in der Nähe, und er hege aus Grund eines zwischen ihr uitb ihm geführten Briefwechsels die Zuversicht, daß sie zurückkehren werde, sobald die letzten Mißverständnisse beseitigt seien. Dem dringenden Verlangen des Stadtrats, über die Natur dieser Mißverständnisse unterrichtet zu werden, hatte er sich durch allerlei ausweichende Antworten entzogen, und mit un­säglicher Mühe hatte man aus solche Art den rasch genesenden Patienten, dessen Erkrankung nach der Erklärung des Sanitätsrats überharcht kaum als ein Schlaganfall bezeichnet werden konnte, fünf volle Tage hinzuhalten vermocht. Darüber, daß es nicht lange mehr möglich sein würde, gaben sich allerdings weder Herbert noch Hilde einer Selbst­täuschung hin. Ludwig Ignatius hatte ja bereits das Bett verlassen und äußerte immer entschiedener den Wunsch, die Besucher, die sich in großer Zahl nach seinem Befinden erkundigten, selbst zu empfangen, da er sich kräftig genug dazu fühle. War es auch bis jetzt noch, gelungen, das zu verhindern, so hatte die Stadträtin doch an diesem fünften Tage nicht mehr den Mut gehabt, seinem Befehl, ihm die einlaufenden Postsachen zu überbringen, einen offenen Un­gehorsam entgegen zu setzen. Und sie hatte ihm mit klopfen­dem Herzen am späten Nachmittag zwei eben angekommene Briefe gegeben, von denen nur der eine den Namen des Absenders aus dem Umschläge trug.

Ludwig Ignatius erbrach diesen zuerst und warf ihn, da sein Inhalt ihn wenig interessierte, gleichgiltig bei Seite. Auch die pedantisch gleichmäßige Kanzlistenhandschrift des anderen schien ihn wenig neugierig auf den Inhalt zu machen. Aber er hatte ihn kauin entfaltet, als wieder die von seiner Gattin jetzt so sehr gefürchtete Röte in seinem Gesicht aufstieg, während ein Laut gleich einem Stöhnen über seine zitternden Lippen kam.

Ludwig um Gotteswillen" begann die Stadt­rätin, ckber er gebot ihr durch eine ungeduldige .Hand­bewegung Schweigen und schickte sie mit der barschen Er­klärung, daß diese ewige Angst um seine Gesundheit nach­gerade anfange,' ihm unerträglich zu werden, aus dem Zimmer.

Dann suchte er mit unsicheren Fingern das vorhin zornig zerknitterte Blatt wieder zu glätten und las noch einmal die Schreckensbotschaft, die es enthielt. Sie konnte seine Aufregung allerdings hinlänglich erklären; denn sie lautete:

Auf Anweisung des Herrn Oberbürgermeisters, der durch die Buchhalter der Kasse über meinen schlechten Ge­sundheitszustand unterrichtet worden war, muß ich mich heute trotz meines Widerstrebens der Untersuchung durch den Kreisphysikus Werner unterwerfen. Das Gutachten des­selben lautet dahin, daß ich durchaus unfähig sei, meinen Dienst weiter zu versehen, und daß ich mich bei der vor­handenen dringenden Lebensgefahr sofort von meinem Amte suspendieren lassen müsse. Nur durch die beweglichsten Bitten habe ich erreicht, daß mir gestattet wurde, meine Funktionen noch bis zum letzten dieses Monats zu versehen, an welchem Tage ich die Kassen dem interimistisch zu meinem Nachfolger bestellten Magistratsfekretär übergeben soll. Ein weiterer Aufschub meines Ausscheidens scheint nach dem mir soeben zugegangenen Reskript vollständig ausgeschlossen, und ich halte es für meine Pflicht, Ihnen von dieser Sach,- lage unverzüglich Kenntnis zu geben.

Hochachtungsvoll

Franz Lindemann."

Der Kämmerer warf einen Blick auf den Abreißkalender neben seinem Schreibtisch und wischte sich die Schweiß­tropfen von der Stirn.

Noch vierzehn Tage!" murmelte er.So muß Herbert

sie auf der Stelle zurückholen, um welchen Preis es auch sei."

Er klingelte und verlangte, daß sofort ein Bote ab­geschickt werde, seinen Sohn zu rufen. Und wohl fünfzig- mal während der nächsten halben Stunde fragte er, ob Herbert denn noch immer nicht da fei. Als der Assessor, endlich erschien, schickte Ludwig Ignatius seine Tochter, die ihm zuletzt Gesellschaft geleistet hatte, hinaus und bedeutete dem Zurückbleibenden, die Thür zu verschließen, damit sie vor jeder Störung sicher seien.

Dann forderte er in eindringlichem, fast befehlendem Tone eine volle nnd wahrheitsgemäße Aufklärung über Herberts gegenwärtiges Verhältnis zu Felicia und über den Zeitpunkt, an welchem ihre Rückkehr bestimmt zu er­warten sei. Äe ausweichende Antwort, die er zunächst er­hielt, wollte er nicht gelten lassen, nnd mit erhobener Stimme sagte er:

Man scheint mich hier noch immer für einen Schwer- kranken zu halten. Aber selbst wenn ich es wäre, müßte ich mir jetzt volle Aufrichtigkeit ausbitten. Das Versteck- fpielen hat nun wahrlich lange genug gewährt."

Der Assessor sah, daß ein längeres Hinhalten unmöglich geworden war, und er entschloß sich-, die ganze Wahrheit zu sagen.

Nun denn, lieber Vater Felicia wird niemals zurück­kehren und sie wird nicht meine Frau tuerben. Denn? ich war außer stände, die Bedingungen zu erfüllen, die sie mir stellte."

Beide Hände auf die Lehne feines Armsessels stützend! und mit weit vorgeneigtem Oberkörper saß der Kämmerer da, die Augen starr aus die Lippen seines Sohnes geheftet.

Wie? Ihr habt mich also schändlich- belogen! Und die Bedingungen, die Tu nicht ersüllen kannst, worin haben sie bestanden?"

Statt der Antwort reichte ihm Herbert Felicias Brief, den er noch immer in seiner Briestasche trug. Der Stadt- rat las ihn von Anfang bis zu Ende, dann fragte er:

Und was hast Du ihr darauf erwidert?"

Was ich ihr erwidern mußte, wenn ich! mich! nicht aller Manneswürde begeben und mich zu einer geradezu! schmachvollen Rolle erniedrigen wollte. Ich habe Felicia geschrieben, daß ich weder auf eine Erklärung für chre Handlungsweise verzichten noch auf ihre abenteuerliche Vor­schläge eingehen könne."

Wieder rang es sich wie dumpfes Stöhnen aus Ludivig .Ignatius' Brust.

Und damit damit war es zu Ende?"

Nein. Sie hat'mir noch einmal geschrieben einen wirren, thörichten, kaum verständlichen Brief, den ich um Felicias willen sofort vernichtet habe. Denn er enthielt nur eine Wiederholung ihres unmöglichen Verlangens und die Drohung, daß irgend ein Unglück geschehen würde, wenn ich nicht innerhalb zweier Tage eine zustimmende Erklärung- gegeben hätte."

Auch das hat keinen Eindruck auf Dich gemacht, nicht wahr? Dein verfluchter Stolz galt Dir mehr als die Ver­zweiflung eines unglücklichen Mädchens?"

"Ja, ich verfluche diesen läch-erlichen Stolz, und ich habe ein Recht dazu; denn er stürzt uns ins Verderben.- Aber laß mich erst das Letzte wissen! Welche Antwort hast, Du Felicia ans ihren zweiten Brief gegeben?" ..

Diejenige, die mir von meinem Ehrgefühl bitherfi wurde. Aber ich habe sie zugleich driugend gebeten, zurück­zukehren oder mir in S,t. eine Zusammenkunft zum Zweck einer Aussprache zu gewähren, damit endlich volle Klarheit geschaffen werde. Ich habe die schonendsten Ausdrücke ge­wählt, die ich- zu finden vermochte, und ich! hatte in der That eine andere Antwort erwartet als dies gestern -einge- tvoffene Telegramm." Q .

Der Kämmerer riß ihm die Depesche fast aus der Hand und las: v v _

Rückkehr und Zusammenkunft unmögllcy, f-lange ernt Annahme meines Vorschlags verweigerst. Gebe Dir Bedenk­zeit bis heute abend. Telegraphiere mir postlagernd hier-, her: Ja oder Nein! Sagst Du Nein, so falle die Ver-, antwortung für alles Kommende auf Dich."

Und Du? Du hast natürlich trotzdem Nein gesagt?^

Ich konnte und durfte nicht anders, Vater!"

Mit zitternder Hand wies der Kämmerer auf fernen Schreibtisch.