Ausgabe 
10.12.1901
 
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1901. Nr. 177.

Dienstag den 10. Dezember.

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hrlich ist ein hohes Wort und bedeutet sehr viel, viel mehr, als die meisten gewöhnlich dahineinlegen. Arndt.

I (Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

/ Roman von Reinhold O r t m a n u,

(Fortsetzung.)

Ich darf Dich nur Wiedersehen, wenn Du entschlossen bist, meinen Vorschlag bedingungslos anzunehmen. Zn jedem anderen Fall wäre eine Begegnung nur zwecklose Grausamkeit und eine Verschärfung meiner Qual. Auch würde es Dir schwerlich gelingen, mich zu finden. Darum antworte mir auf dem Wege, den ich Dir bezeichnet habe. Aber antworte mir schnell; denn armselige Worte können die namenlose Pein der Ungewißheit nicht schildern, zu der ich bis zu dem Eintreffen Deiner Entscheidung ver­urteilt bin. Ich würde dieser Marter erliegen müssen, wenn mich nicht die Hoffnung aufrecht erhielte, daß Du Dich um unserer Liebe willen meiner erbarmen wirft, und daß Du gleich mir nicht nur den sehnsüchtigen Wunsch, sondern auch den Mut hast, das Glück zu erfassen und zu halten."

Das war der Schluß des ganz offenbar vom Anfänge bis zum Ende in fieberhafter Erregung geschriebenen Briefes. Immer finsterer war das Antlitz des Assessors geworden, während er ihn langsam Zeile für Zeile las. Nun faltete er ihn zusammen und setzte sich, ohne daß es des Zauderns und Ueberlegens bedurft hätte, an den Schreibtisch des Kämmerers. Rasch, ohne nur ein einziges Mal ungewiß zu zögern, flog seine Feder über das Papier, und schon nach wenigen Minuten lag der an die angegebene Chiffre adressierte Brief fertig und verschlossen vor ihm.

Er vermied es, seinen Vater zu sehen, obwohl nran ihm gesagt hatte, daß der Stadtrat bei klarem Bewußtsein sei und nach ihm gefragt habe. Denn in diesem Augenblick hätte er sich nicht die Kraft zugetraut, die zur Schonung des noch immer gefährdeten Patienten wahrscheinlich un­vermeidliche Notlüge zu ersinnen. Ohne sich von Mutter und Schwester zu verabschieden, verließ er das Haus, und dem ersten Briefkasten, an dem er auf dem Wege nach seinen! Bureau vorüberkam, vertraute er seine Antwort auf Felicias leidenschaftliche Bitten. Als er die Hand zurück­zog und die kleine Metallklappe mit leisem Klirren wieder herabfiel, legte sich's plötzlich wie eine schwere Last auf seine Seele, und gleiche der strengen Richterstimme des Gewissens klang es in seinem Innern:

Wenn Du sie liebtest, würdest Du auch dann keine andere Erwiderung haben als diese?"

Er ging mit gesenktem Haupte weiter, und die Frage, auf die er keine Antwort zu geben ioußte, verfolgte ihn unablässig. Aber er konnte trotz dieses Zweifels nicht be­reuen, was er gethan. Er !var bereit gewesen, jenem Mädchen, das er nicht liebte, seine Freiheit zu opfern, und die letzte schwache Hoffnung auf Glück, die sich noch immer in einem Winkel seines Herzens verborgen gehalten hatte; seine Mannesehre aber und die Achtung vor sich selbst konnte er nicht zum Opfer bringen, wie laut auch immer in diesem Augenblick eine Regung des Mitleids au ihren Gunsten sprach.

Sechzehntes Kapitel.

Viernndzwanzig Stunden lang hatte rnan in M. daran geglaubt, daß die Hochzeit des Assessors Ignatius nur wegen der Erkrankung seines Vaters verschoben worden sei; dann aber hatte die geschäftige Fama von Haus zu Hails die Kunde getragen, es seien im Hanse des Stadt­rats seltsame, außerordentliche Dinge geschehen, und die Eheschließung könne aus dein sehr einfachen Grunde nicht stattfinden, weil zwar ein Bräutigam vorhanden sei, doch keine Braut. Mall wußte nicht, von wo das Gerücht seinen Ausgang genommen; denn jeder, der davon sprach, hatte cs nur vom Hörensagen. Aber es war an so vielen Orten zugleich, und es trat mit so zweifelloser Bestimmtheit auf, daß alle Welt daran glaubte. Noch in der Nachts die der jäh unterbrochenen Poltcrabendfeier folgte, sollte Herbert Ignatius in dem früher von Felicia Rubarth bewohnten Pensionat Nachfrage nach seiner verschwundenen Brant ge­halten haben, und einige wollten aus zuverlässiger Quelle wissen, daß sie bereits auf dem Heimwege nach Amerika; sei, und daß die geplante Hochzeit überhaupt nicht zu stände kommen werde.

Gab es aber über die Thatsache selbst nur eine einzige Lesart, so gingen die Ansichten über die Gründe des sensationellen Ereignisses desto weiter auseinander. Und es war gewiß der beste Beweis für die außerordentliche Beliebtheit, deren sich Felicia in der Gesellschaft von M. erfreute, daß ntmt das Verschulden an dem auf so roman­tische Weise herbeigeführten Bruch allgemein nicht bei ihr, sondern bei ihrem Verlobten suchte. Man erinnerte sich der ernsten, beinahe düsteren Miene, mit der er während der letzten Wochen beständig umhergegangen war, und inan deutete sie jetzt als den Ausdruck eines bösen Gewissens. Das Bewußtsein irgend einer schlechten That mußte auf seiner Seele gelastet haben, und es bedurfte keines be­sonderen Scharfsinns für die Vermutung, daß die Ent­deckung dieser That seine Braut in die Flucht getrieben! habe. Natürlich vermied man es nun um so ängstlicher, an ihn selbst irgend eine Frage hinsichtlich der Vorgänge in seinem Vaterhause oder des für die Hochzeit angesetzten neuen Termins zu richten. Seine Kollegen und sonstigen Bekannten begnügten sich vielmehr mit teilnehmenden Er­kundigungen nach dem Befinden des Kämmerers und suchten;