Ausgabe 
10.11.1901
 
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643

Von der Martinsgans.

Bon Dr. Oskar Wilda (Breslau).

(Nachdruck verboten.)

Ein Thor, wer im Novembermond Das Lebenslicht der Gans verschont." Wie fast alle mit den christlichen Festen und Gedenke tagen verknüpften Volksbräuche, hat auch die Sitte, eine Martinsgans zu essen, ihre Wurzel. in altheidnischen Bräuchen unserer Vorfahren. Sie hängt zusammen mit dem herbstlichen Wuvtansfeste, dem großen Ernte- und Dankfest, das in nordischen Gegenden Ende September, im südlichen im November gefeiert, und in den ersteren später durch das christliche Michaelisfest ersetzt wurde. Neben anderen Tieren wurden an dem Herbstfefte auch Gänse als Opfer darge­bracht. Die Auffassung des Gansopfers als eines Dank- vpfers ist neuerdings angefochten worden. B- Säubert meint in seinerGermanischen Welt- und Gvttanschauung", daß es sich hier vielmehr um ein Sühnopfer handle, das den Winterriesen zur Novemberzeit, in der die Schnee­gänse, das Nahen scharfer Kälte verkündigend, von Norden nach Süden ziehen, dargebracht wurde. Die in alter Zeit sehr zahlreichen Züge der Schneegänse richteten auf den Feldern, in denen sie sich niederließen, großen Schaden an und erschienen so als Feinde der Vorbereitung zu einer neuen Schöpfung, und so wird wohl meint B. Säubert die Gans als Tier des Winterriesen zur Sühne geopfert worden sein, wie der Eber als Tier des Glutriesen. Ver­bunden damit war das Weinopfer, da der Wein erst nach dem großen Dank- und Erntefeste geerntet worden war. Dem Hruodgerath (Ruprecht), das heißt dem herbstlichen Wodan, der als Wanderer oder als Schimmelreiter durch die Lande zieht, wurde bei einem Gansessen der erste Trunk geweiht, während der Peratha Backwaren geopfert wurden. Die christliche Kirche setzte an Stelle des Heidengvttes einen christlichen Heiligen, den Bischof Martin von Tours, der am 11. November 402 starb. Sie führte somit das Martins- fest ein, und aus der Opfergans wurde die Martinsgans, wie aus dem Opfertrunk der Martinstrunk, aus den: in Hufeisen- oder auch Bockhörnerform gestalteten Gebäckopfer das Martinshorn wurde. Der Ruprecht blieb aber neben dem heiligen Martin bestehen; und noch heute erscheint er, um die artigen Kinder mit Aepfeln und Nüssen zu beglücken. Man glaubt die Einführung des Martinsfestes ungefähr aus das Jahr 650 ansetzen zu dürfen. Jedenfalls besitzt die Martinsgans ein höchst ehrwürdiges Alter. Ihre erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1171, wo Ulericus de Swalenberg oder Ulrich von Schwalenberg der Abtei von Corvei eine silberne Gans zum Martinsfeste schenkte. Doch wird schon in den norwegischen Runen­kalendern, wie auch aus den alten Runenschwertern oder Kalenderschwertern oen Abkömmlingen der alten stab­förmigen Runenkalender der Martinstag durch eine Gans bezeichnet. Ein solches Runenschwert ist das im Dres­dener Museum aufbewahrte angebliche Schwert des Tho­mas Münzer (1489 bis 1525), das vielleicht in Wirklichkeit nicht hem Bauernführer gehört hat, aber jedenfalls eine große Seltenheit ist. Dieses aus einer 82 Zentimeter langen Sensenklinge hergestellte Schwert das einzig wirkliche Sensenschwert, welches wir besitzen trägt eingraviert auf der einen Seite der Klinge die Zeichen der Sommerhälfte (7. April bis 8. Oktober); auf der anderen Seite die Winter- Runen. In diesem doppelten Runenbande bezeichnen größere, kleinere oder Halbkreuze die verschiedenen Feste, je nach ihrem Range, und daneben deuten kleine Bilder die Hauptkennzeichen der Heiligen an. Für den heiligen Martin von Tours figuriert als Sinnbild neben der Bischofsmütze die Gans. Daß die für das Münzerschwert, das selbst bereits im 15. Jahrhundert entstanden sein wird, benützte Vorlage uralt gewesen sein nruß, ist aus der Beibehaltung eines heidnischen Zeichens unter den­jenigen, welche auf die Jahreszeiten Bezug haben, zu schließen, nämlich des für die Julfeier gebrauchten großen Trinkhorns. Sebastian Frank erwähnt das Martinsfest in seinem Weltbuche oderCosmographei" (Tübingen 1534) in folgender Weise.Erstlich loben sy (die Franken) Sanct Martin mit guotem wein, genßen bis sy voll werden. Unselig ist das Hauß, das nit auff deh nacht ein gans zuv essen hat, da zepffen sy yre neüwen wein an, die sy bißher behalten haben."

Zur Heldin einer scharfen satirischen Dichtung machte

die Martinsgans am Anfang des 17. Jahrhunderts der Tübinger Magister und Straßburger Meistersäuger Spangenberg. Der vollständige Titel seines Werkes, das sich gegen die Kanonisierung der Heiligen richtete, lautet:Ganß-König. Ein kurtzwehlig Gedicht von der Martins-Ganß: wie sie zum König erwehlet, resigniret, iHv Testament gemacht, begraben, in Himmel und an das Gestirn kommen: auch was jhr für ein Lobspruch und lehr-Sermon gehalten worden, durch Lycosthenem Psellionovos Andro- pediacum (Wolfhart Spangenberg aus Mannsfeld)" 1607

Wie die berühmten Kapitolsretterinnen dazu kamen, mit dem heiligen Martin von Tours, dem wackeren Kriegs- manne, der seinen Mantel mit dem armen frierenden Bettler teilte in Verbindung gebracht zu werden, erläutern, keines­wegs ungezwungen, mehrere Legenden. Nach der einen störte das Geschnatter der Gänse den Heiligen in seiner Predigt; nach der anderen verriet es ihn, als er, in jungem Alter zum Bischof gewählt, sich in dem Bewußtsein, dem hohen Amte nicht gewachsen zu sein, im Gänsestall verborgen hatte. In beiden Fällen strafte er die lauten Tiere:

Schlachtete sie all' zusammen, Briet sie dann in heißen Flammen." Daher ist der Brauch gekommen, Daß man noch die Gänse ißt, So oft diese Tage kommen, Daß esMartinsabend" ist.

Also daß oft Schaden bringt. Wer zu viel schwätzt oder singt; Weil die Gänse Schweigen hassen. Müssen sie sich braten lassen."

Während nach diesen Erklärungen die Beziehungen des Heiligen zuMärtiins Vaegelken mit siin vergült Snae- velken" (Schnäbelchen) nichts weniger als freundschaftliche sind und -ihm offenbar die gebratenen Gänse lieber als die lebenden waren was übrigens auch bei profanen Erdenkindern Vorkommen soll läßt eine Fabel das Ver­hältnis zwischen beiden in erfreulicherem Lichte erscheinen. Hier nennt die Gans, als sie sich durch List vor der Nach­stellung des Wolfes gerettet hat, den heiligen Martin ihren Nothelfer und rühmt dann:demselben ißt man uns zu er."

Daß die Protestanten die Martinsgans nicht im Ge denken an den Heiligen, sondern an den großen Refor­mator verzehren, und ihnen statt des 11. November der Geburtstag Martin Luthers, der 10. November, als der wahre Martinstag gilt, rst begreiflich ! interessant ist, daß, wie den katholischen Heiligen, auch den Gründer der protestantischen Kirche die Sage in mehrfache Beziehungen zu deinMartinsvogel" gebracht hat. Schon in der Vor­geschichte der Reformation tritt die Gans auf; denn be­kanntlich bedeutet der Name von Luthers Vorläufer Hus nichts anderes alsGans", und dem auf dem Scheiter­haufen stehenden böhmischen Reformator hat die Volks­sage die prophetischen Worte in den Mund gelegt:

Heute bratet ihr eineGans";

Nach 100 Jahren kommt ein Schwan, Den werdet ihr ungebraten la'n."

Wenn auch dieser und jener heute unterlassen mag, den Martinstag durch den Genuß einer Gans würdig zu feiern, so geschieht dies gewiß nicht aus Verschmähung dieses schmackhaften Bogels; nur wenige dürften die Be­rechtigung des bekannten Berliner Spruches anfechten, der da lautet:Eine jute jebratene Juns ist eine jute Jabe Jottes", wenn auch nicht jeder seine Verehrung für das Geflügel so kräftig zu beweisen im stände sein dürfte, wie der berühmteEnspekter" Bräsig, der da meinte, daß die Gans ein närrischer Vogel wäre: äße man eine zum Frühstück, würde man nicht satt, äße man zwei, verdürbe man sich das Mittag! Alle aber, die es nicht ver­säumen, eine Martinsgans zu genießen, seien auf die Be­achtung des Brustbeins hingewiesen, da man so geht die Sage aus demselben die Witterung des bevorstehend den Winters erkennen könne; ist es weiß, ist strenge Kälte zu erwarten, ist es dunkel, giebt es viel Schnee und laues Wetter, ___________

Unser Garten im November.

(Nachdruck verboten.)

Wohl giebt es im Herbst noch eine Reihe von Arbeiters die! gemacht werden müssen. Im Vordergrund, aller steht