lein Felicias künstlerische Auffassung richtig und beifalls­würdig war. Dem Zauber ihrer sinnbethörend süßen Stimme aber vermochte sie sich nicht zu entziehen, und die sehr 1: eramentvolle , fast leidenschaftliche Art des Vor­trages weckte in ihr die Vorstellung, daß es seurige Liebes- Worte sein müßten, die von den Lippen der schönen Sängerin kamen.

Erst als nun des Assessors klangvoller Bariton ein­setzte, konnte Margarethe ihre Augen von der blendenden Erscheinung der Amerikanerin losmachen, um sie mit einem Aufleuchten innigster Zärtlichkeit dem geliebten Manne zu­zuwenden. Tas Licht des Kronleuchters, unter dem er stand, fiel voll auf das lockige Haupt des vielleicht Siebenundzwanzigjährigen und auf sein energisches, edel geschnittenes Profil. Trotz ihrer Größe überragte er Fe­licias Gestalt noch um ein Beträchtliches, und man hätte ihn keineswegs mit dem verklärenden Blick einer Braut zu be­trachten brauchen, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß er ein ungewöhnlich schöner Mann sei. Margarethe wußte, daß er ein enthusiastischer Musikfreund war, und es be­fremdete sie darum nicht, als sie wahrnahm, daß er sich dem Vortrage mit derselben Wärme und demselben Eifer hingab wie seine dunkelhaarige Partnerin. Es war, als gelte es den beiden, sich den Beifall eines großen Konzert- publiküms zu ersingen. Ihre Wangen waren höher gerötet, und in ihren Augen, die fich zuweilen wie unter einem geheimnisvollen Zwange von den Notenblättern erhoben, um einander zu begegnen, leuchtete es wie der Wieder­schein Heller Begeisterung oder eines anderen sie mächtig bewegenden Empfindens.

Wunderschön! In der That wunderschön!" sagte der Kümmerer, noch ehe der letzte Ton des Nachspiels ver­klungen war.Sie sind schon jetzt eine große Künstlerin, liebe Felicia! Und wie gut Eure Stimmen znsammenklingen! Ihr müßt in der That recht oft mit einander musizieren."

Ein vernehmliches Räuspern des Rendanten veranlaßte ihn, sich zu unterbrechen, und den neuen Ankömmlingen, die bis dahin so ganz unbemerkt geblieben waren, einige Schritte entgegen zu gehen. Es gab eine allgemeine, freundliche Begrüßung, und weltmännisch, gewandt ver- mittelre der Stadträt Felicia's Bekanntschaft mit der Braut seines Sohnes und ihrem Vater. Die junge Ameri­kanerin zeigte sich dabei sehr unbefangen, und mit jener bezaubernden Liebenswürdigkeit, die, wenn sie es so wollte, nicht weniger in ihren Augen und ihren Mienen als in dem Klange ihrer süßen Stimme lag, richtete sie einige verbindliche Worte an Margarethe.

Auch Hilde Ignatius umarmte ihre Schwägerin. Sie war ein zierliches Geschöpf von sprühender Beweglichkeit noch kindlich schlank und von elfenhaft zartem Bau der Glieder, doch mit großen, sprechenden Augen, in denen es zuweilen glänzte, wie wenn sie mit seinen Gold­tupfen punktiert wären, und mit wundervoll üppigem, kastanienbraunem Haar. In ihrem Benehmen gegen die neue Base legte sie noch eine gewisse Schüchternheit an den Tag; aber es war unverkennbar, daß Felicia's eigen­artige Schönheit ihre Bewunderung erregte. Sobald sie sich unbeobachtet glaubte, ruhten ihre Blicke unverwandt auf dem Antlitz der Amerikanerin, und mit einer beinahe andächtigen Aufmerksamkeit lauschte sie ihren Worten.

Da man nur noch auf die Leiden letzten Gäste ge­wartet hatte, ging man alsbald zu Tisch. Der Stadtrat hatte Felicia den Arm gereicht, während Herbert seine Brant, und der Rendant Frau Ignatius führte, zu deren kleiner Gestalt uitb deren scheuem, gleichsam verängstigtem Wesen seine dürftige Persönlichkeit auch in der That am besten paßte.

Die Ueppigkeit der aufgetragenen Mahlzeit mußte Felicia beweisen, daß man sich durch ihre ausdrückliche Verwahrung nicht hatte abhalten lassen, gewisse festliche Vorbereitungen zu ihrem Empfange zu treffen, und die Weine, die der Kämmerer seinen Gästen vorsetzte, legten ehrenvolles Zeugnis ab für seinen guten Geschmack, und für seine Kennerschaft auf diesem Gebiet.

Dank der heiteren Unbefangenheit und der liebens­würdigen Gesprächigkeit des Hausherrn befand man sich bald in lebhafter Unterhaltung. Die Amerikanerin verriet kaum hier und da durch die etwas fremdartige Aussprache eines Wortes, daß ihre Wiege nicht auf deutschem Boden gestanden batte. Wer die Sicherheit, mit der sie über alle, von dem allgemeinen Gespräch berührten Dinge zu

reden wußte, ihre glänzende Schlagfertigkeit und die Frei­heit ihrer Anschauungen ließen doch bald erkennen, daß ihre Erziehung eine andere gewesen war, als man sie in Deutschland jungen Mädchen zu teil werden läßt.

Der Assessor, der den Platz zu ihrer Rechten erhalten hatte, lvurde von ihrem anmutigen Geplauder sichtlich gefesselt, ohne daß er darum doch seine um vieles schweigsamere Braut vernachlässigt hätte. In der That sprach Margarethe nur dann, wenn jemand aus der Gesellschaft geradezu das Wort an sie gerichtet hatte, aber jede ihrer Aeußerungen ivar so klug, und so liebens­würdig, daß es für einen Uneingeweihten sehr schwer ge­wesen wäre, in ihr die Tochter des unansehnlichen, ver­trockneten Männchens zu vermuten, das mit der verlegenen Scheu eines Eindringlings neben der Dame des Hauses saß.

Den Blick beharrlich auf seinen Teller oder auf die Brotkrümchen heftend, mit denen seine mageren Finger spielten, beteiligte sich der Rendant Lindemann mit keinem Wort an den nm ihn her geführten Gesprächen. Und als er einmal wohl oder übel eine an ihn gerichtete Frage des Stadtrats beantworten mußte, geschah es mit so leiser, unsicherer Stimme, und mit so erschrocken umherirrendem Blick, als fürchte er, sich einer schweren Sünde schuldig zu machen.

Auch die braunhaarige Hilde sprach nicht viel, aber es schien ein geheimer seelischer Rapport zwischen ihr und der amerikanischen Base stattzufinden, eine Verständig­ung ohne Worte, da sich Hilde's reizendes Gesichtchen immer sonniger verklärte, und da sie nach aufgehobener Tafel als die erste auf Felicia zueilte, um ihr gesegnete Mahlzeit zu wünschen. Die Amerikanerin aber begütigte sich nicht damit, ihr die Hand zu reichen, sondern sie zog die feingliedrige Gestalt, die neben ihrem eigenen stolzen Wuchs fast noch wie die eines Kindes aussah, zärtlich an ihre Brust, und küßte sie auf die Wange.

Ich glaube, wir werden gute Freundinnen sein. Nicht wahr, kleine Hilde?"

Das liebliche Köpfchen schmiegte sich für einen Moment noch fester an ihre Schulter, und erst als der Stadtrat, der die kleine Szene lächelnd beobachtet hatte, durch eine scherzende Bemerkung seiner Befriedigung über das rasch geschlossene Freundschaftsbündnis Ausdruck gab, machte sich Hilde mit glühendem Antlitz los, als habe sie sich aus einem Unrecht ertappen lassen.

Nach einer Weile, da er sah, daß die in angeregter! Unterhaltung begriffenen jungen Leute seine vorüber­gehende Abwesenheit kaum bemerken würden, gab Ludwig Ignatius dem Rendanten einen Wink mit den Augen, und sie traten in ein Nebenzimmer ein. Schon auf der Schwelle des Gemaches hatte Lindemann in die Brust­tasche gegriffen, und mft zitternder Hand überreichte er dem Kämmerer das bereit gehaltene Eouvert.

Hier ist das Gewünschte, Herr Stadtrat! Aber es ist mir sehr sauer geworden, es zu beschaffen".

Der andere klopfte ihn jovial auf dre Schulter, und meinte lachend:

Ihr reichen Leute müßt doch immer ein wenig jammern. Wer ob es Ihnen nun leicht oder schwer ge­worden ist, jedenfalls bin ich Ihnen sehr verbunden. Und ich freue mich. Ihnen auch meinerseits durch eine angenehme Neuigkeit eine kleine Freude zu bereiten. Ich hatte heute nachmittag eine Konferenz mit dem Oberbürgermeister, und ich habe die Gelegenheit benutzt, ihm zu sagen, baß Sie entschieden überbürdet seien. Er stimmte, mir darin zu, und ich erfuhr, daß es ohnehin feine Wsicht gewesen sei. Ihnen die Verwaltung der Stistungskasse abzunehmen und sie einem der Magistratssekretäre zu übertragen. Sie wer­den dadurch mindestens um die Hälfte Ihrer bisherigen Arbeitslast erleichtert werden, und aber was ist Ihnen denn? Fühlen Sie sich nicht wohl?"

Die Frage war sehr begreiflich; denn während der freundlichen Rede des Stadtrates war eine auffällige Ver­änderung in Franz Lindemanns Aussehen vor sich gegangen. Aus seinem Gesicht schien auf einmal , auch! der letzte Blutstropfen gewichen, seine schmalen Lippen zitterten, und in seinem Blicke war etwas von der töd­lichen Angst eines gehetzten Tieres, das jeden Ausweg ab­geschnitten sieht.

(Fortsetzung folgt.)