Sonntag heu 10. November.
Nr. 161.
M
-
ft ferne Tritte hörst du's schallen,
Doch weit umher ist nichts zu sch'n, Als wie die Blätter träumend fallen Und rauschend mit dem Wind verweh'n.
Es'dringt hervor wie leise Klagen, Die immer neuem Schmerz entsteh'», Wie Wehruf aus entschwund'nen Tagen, Wie stetes Kommen und Vergeh'».
Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel
Die Stunden unaufhaltsam gch'n;
Der Nebel regnet in die Wipfel, Du weinst und kannst es nicht versteh'».
Martin Greif.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Rein h o l d O r t m a n n.
(Fortsetzung.)
Margarete war rot geworden, und wie ein Schatten von Betrübnis hatte es sich über ihr Antlitz gebreitet.
„So solltest Du doch wohl nicht sprechen, lieber Vater", erividerte sie leise, „jetzt, nachdem der Stadtrat in unser Verlöbnis gewilligt hat."
„Hat er es etwa mit freudigem Herzen gethan? Und hat er nicht vorher alles Erdenkliche aufgeboten, Dir den Assessor abwendig zu machen?"
Wenn er schließlich seine Zustimmung gab, so war es doch mir, weil er einsah, daß ihm nichts anderes übrig blieb, und weil — doch davon will ich nicht reden. Er hat eingewilligt, das ist richtig. Wer eine Verlobung ist noch keine Heirat! Und es wäre am Ende nicht das erste Mal, daß--"
Er verstummtes denn Margarethe hatte wie in flehentlicher Bitte ihre Augen zu ihm aufgeschlagen, und er sah, daß diese schönen, sanften Augen in Thränen schwammen. In einer Aufwallung von Zärtlichkeit, die seltsam mit feiner bisherigen galligen Art kontrastierte, nahm er den Kopf des jungen Mädchens zwischen seine Hände und küßte sie auf die Stirn.
„Nicht weinen, mein liebes Kind — mir nicht weinen! — Ich habe Dir ja nicht wehe thun wollen, und es sind auch gewiß grundlose Sorgen, die ich mir da mache. Herbert Ignatius ist ein Ehrenmann — ich weiß es. Er wird Dir sein Wort nicht brechen, auch wenn sein Vater es von ihm verlangt. Es ging mir nur so im Kopfe herum, seit ich den Stadtrat mit diesen überschwenglichen Worten von der Amerikanerin sprechen hörte. Aber ick will Dich, nickst mehr
damit quälen. Zeige mir nur wieder ein fröhliches Gesicht."
Sie lächelte ihm zu, und er hatte wohl nicht bemerkt, daß es dabei noch immer bedenklich in ihren Mundwinkeln zuckte. Als Margarethe ihn bat, sich jetzt ebenfalls umzukleiden, damit man nicht unpünktlich zu sein brauche, versicherte er bereitwillig, daß er sich nach Kräften beeilen werde, und strebte mit hastigen Schritten seinem Schlafzimmer zu. Schon nach einer Viertelstunde kam er im schwarzen Gesellschaftsanzuge, in dem sich seine hinfällige Gestalt noch dürftiger ausnahm, wieder zum Vorschein, und war ersichtlich bemüht, feine Tochter durch eine erheuchelte Heiterkeit den peinlichen Eindruck feiner vorigen Aeußerung vergessen zu machen.. Sie begaben sich auf den Weg, und da sie den größten Teil desselben in einem rasselnden und klirrenden Pferdebahnwagen zurücklegen mußten, wurde bis zu ihrer Ankunft im Hause des Stadtrats nicht mehr viel zwischen ihnen gesprochen.
Schon von der Straße ans hatten sie bemerkt, daß sämtliche Fenster der Jgnatius'schen Wohnung hell erleuchtet waren, und als ihnen von einem Mädchen die Entreethür geöffnet wurde, drangen die Töne eines Flügels und der Klang einer Hellen Sopranstimme ans dem großen Salon zu ihnen heraus.
„Man musiziert schon", raunte Lindemann seiner Tochter zu. „Laß uns ganz leise hier in das Nebenzimmer eintreten, damit wir den Vortrag nicht stören!"
Ihr Erscheinen wurde denn auch von den im großen Salon Befindlichen gar nicht bemerkt, obgleich die in das Nebenzimmer führenden Flügelthüren weit geöffnet waren.
Die Ankömmlinge sahen, daß sich in dem sehr luxuriös eingerichteten Raume die ganze Familie Ignatius um den Flügel versammelt hatte. Der Stadtrat lehnte mit verschränkten Armen am Fußende des Instruments, und sein Mienenspiel sollte ohne Zweifel das lebhafteste Entzücken zum Ausdruck bringen. Seine Gattin, eine unscheinbare, etwas kränklich aussehende Dame, die sich in ihrem schwarzen Seidenkleide gar nicht sehr behaglich zu fühlen schien, saß mit andächtig gefalteten Händen etwas abseits in einem Polstersessel, während Hilde Ignatius, welche die Begleitung übernommen hatte, der Thür des Nebenzimmers den Rücken zukehrte. 'Die hochgewachsene junge Dame zu ihrer Rechten in dem eleganten, hellfarbigen Kleide und mit dein herrlichen blauschwarzen Haar konnte nur die amerikanische Verwandte sein, und Margarethe machte ihr in der Stille ihres Herzens sofort das Zugeständnis, daß sie viel schöner sei, als sie. Aber es war nicht ihre Schönheit allein, die in diesem Augenblick die Bewunderung der ungesehenen Beobachterin herausforderte, sondern es war in noch höherem Maße der bestrickende Liebreiz ihrer Stimme. Sie war im Begriff, mit dem Assessor Herbert Ignatius, der ihr gegenüber an der linken Sette seiner Schwester stand, ein Duett zu singen, das Margarethe nicht kannte und dessen italienische Textworte sie nicht verstand. Sie konnte darum auch nicht beurteilen, ob Fräu-


