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eifrig kommentiert. Einige Blätter knüpften an die Verlobung sogar eigentümliche Reminiscenzen, indem sie nicht nur an die Abstammung der Majorin von dem größten „Millionenbauer" Schönebergs..erinnerten, sondern auch an den Tod des Majors Weserling, der vor etwa fünf oder sechs Jahren aus noch nicht aufgeklärten Gründen Selbst-- mord begangen haben sollte.
Mess taktlosen Erörterungen verfehlten nicht, in der Gesellschaft und den Offizierskreisen Aufsehen zu erregen. Auch Eitel Fritz las sie und wurde peinlich von ihnen berührt.
Von dem Selbstmord des Vaters hatte ihm Irma nichts erzählt, und auch die Frau Majorin hatte es für überflüssig gehalten, ihm Mitteilung davon zu machen. Als er an dem Tage, an dem er diese Notiz gelesen, zu seiner Braut kam, fand er sie in heftiger Erregung, sogar Thränen- spuren glaubte er zu bemerken. Diese Erregung mußte um so mehr auffallen, als Irma sonst niemals aus ihrer stolzen Ruhe und Selbstbeherrschung heraustrat.
„Hast Du die infame Notiz der Blätter über unsere Familie gelesen, Eitel Fritz?" rief sie ihm zu, das Zeitungsblatt ihm entgegenhaltend.
„Da Tu selbst davon sprichst", versetzte er, „so brauche ich nicht zu schweigen. Ja, Irma, ich habe die Notiz gelesen, und wenn ich auf das Geschreibsel in den Zeitungen nicht viel gebe, so wäre'es mir doch lieb, von Dir zu hören, ob die Notiz auf Wahrheit beruht."
„Nun ja, sie ist wahr, mein Vater hat sich erschossen . . • aber wahrhaftig, Eitel Fritz, auch ich erfahre erst jetzt diese traurige Thatsache. Ich erzählte Dir schon, daß ich damals noch in einer Schweizer Pension weilte, daß der Tod meines Vaters sehr plötzlich erfolgte, und daß ich gerade noch zur rechten Zeit kam, um seinem Begräbnis beizuwohnen. Nie sagte mir Mama, daß Papa Selbstmord begangen! Erst heute, als. ich sie fragte, gestand sie es mir."
„Ich finde es begreiflich, daß sie Dir dieses traurige Ereignis verbarg. . ."
„Ich finde es rücksichtslos — einmal mußte ich es doch erfahren —. ich hasse alle Heimlichthuerei und Unklarheit — das war der Schatten, der über unserem Leben ruhte. Jetzt begreife ich manches in unserem Leben, was mir oft seltsam genug erschien."
„Der Selbstmord eines Menschen an und für sich hat nichts Unehrenhaftes an sich", sagte Eitel Fritz ernst „Erst die Beweggründe. . •"
„Glaubst Du, mein Vater habe unehrenhaft gehandelt?" fragte sie scharf.
„Durchaus nicht. . •"
„Er griff zur Pistole, weil er* — krank war —• geisteskrank — er hatte allerlei Wahnvorstellungen, so sagte mir Mama. . ."
„Ein tieftrauriger Fall, meine liebe Irma — ich danke Dir für diese Aufklärung — laß uns nicht mehr darüber sprechen und ärgere Dich nicht mehr über die Zeitungen."
Er versuchte, ein harmloses- heiteres Gespräch anzuknüpfen, doch wollte es ihm nicht recht gelingen. Zum erstenmal sah er Irma reizbar und nervös, er selbst vermochte sich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß doch ein Geheimnis hinter diesem Selbstmord des Majors verborgen war/ Es war, als wenn ein Schatten zwischen ihnen stände und jedes frohe, freie Gefühl unterdrückte.
Eitel Fritz mußte unwillkürlich an die Worte Meyer- lings denken, daß in jedem Hause ein Skelett verborgen fei.
Nacks einiger Zeit empfahl er sich, Irma hielt ihn nicht zurück. Zu Hause fand er eine Benachrichtigung des Regimentsadjutanten vor, fcfljj sein Kommandeur ihn am Nachmittag zu sprechen wünsche. Eitel Fritz solle zwischen vier und fünf Uhr auf dem Regimentsbureau sein.
Was mochte der Oberst von ihm wollen? — Eitel Fritz war sich keines dienstlichen Vergehens bewußt, es konnte sich also nur um ckin außerordentliches Ereignis handeln. Aber auch in dieser Hinsicht sand Eitel Fritz keinen Anlaß zu der auffallenden Maßregel.
Pünktlich begab er sich zum Regimentsbureau und ward vom Regimentsadjutanten empfangen.
„Keine Ahnung, lieber Petershagen", entgegnete dieser auf eine Frage, ob er wisse, um was es sich handle. „Ich glaube fast. Sie sollen irgend ein Kommando erhalten. Es sind wenigstens mehrere Kommandos in nächster Zeit zu besetzen."
„Hoffentlich aber in Berlin. Ich möchte gerade jetzt, wo ich mich verheiraten will, Berlin nicht gerne verlassen."-
„Läßt sich denken. Na, dariiber läßt sich ja noch sprechen. Soll ich Sie jetzt anmelden?"
„Bitte . . ."
Nach einigen Minuten stand- Eitel Fritz vor dem Oberst, einer straffen, aristokratischen Soldatengestalt, aus dessen verwittertem, rotem Gesicht die grauen Augen kalt und vornehm unter grauen Brauen hervorblickten.
„Herr Oberst haben befohlen. . ."
„Ja — ich wünschte mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen, die wir ganz unter uns — als Kameraden —-•, erledigen wollen. — Bitte, nehmen Sie Platz."
Diese Aufforderung belehrte Eitel Fritz, daß es sich um keine dienstliche Angelegenheit handeln konnte. Um so gespannter war er auf die Lösung des Rätsels; aber eine geheime Ahnung flüsterte ihm zu, daß es sich um seine Verlobung handelte
„Sie haben mir Ihre Verlobung mit Fräulein Weserling, der Tochter des verstorbenen Majors a. D. Weserling, ordnungsmäßig angezeigt. . -"
Eitel Fritz verbeugte sich schweigend.
„Gegen diese Verlobung an und für sich habe ich nichts einzuwenden — und wird niemand etwas einenden können — ich bitte, diese Bemerkung im Gedächtnis behalten zu wollen, damit keine Mißverständnisse entstehen. Gestatten Sie mir aber die Frage, ob es Ihnen selbst nicht angenehmer wäre, noch vor Ihrer Vermählung in ein anderes Regiment versetzt zu werden?"
„In ein anderes Regiment?! — Daran habe ich bis jetzt nicht gedacht und ich muß Herrn Oberst offen gestehen, daß mir eine solche Versetzung sehr unangenehm wäre. Unsere Hochzeit soll bereits in vier Wachsen stattfinden — die Wohnung ist schpn gemietet, die Einrichtung besorgt ... ich bitte Herrn Oberst dringend, von einer solchen Versetzung abzusehen."
Das Blut war ihm in die Wangen gestiegen, sein Herz pochte in rascheren Schlägen. Also man hatte doch an seiner Verlobung mit Irma etwas auszusetzen! Das ärgerte ihn und erweckte seinen Trotz.
„Hm —" machte der Oberst, „Ihr Fräulein Braut will wohl gern in Berlin bleiben?"
„Allerdings. — Und ich sehe auch nicht den geringsten Grund für eine solche Versetzung, Herr Oberst. . ."
„Das zu beurteilen, müßten Sie nun freilich Ihren Vorgesetzten überlassen, Herr von Petershagen. Doch wie gesagt, Ihr Fräulein Braut würden wir alle gern in unseren Kreis aufnehmen — aber Sie wissen wohl, daß der Major 'Weserling durch Selbstmord geendet hat?"
„Ich weiß es. — Er war geisteskrank. . ."
„Wer hat Ihnen das gesagt?"
SSrcuit/7
"Es ist richtig, daß man der Tochter den wahren Beweggrund dieser That ihres Vaters zu verschweigen sucht. Ihnen jedoch, Herr von Petershagen, bin ich es als älterer Kamerad schuldig, Aufklärung zu geben. Major Weserling erschoß sich, um einer ehrengerichtlichen Verhandlung aus dem Wege' zu gehen, die unfehlbar damit geendet haben würde, daß Major Weserling aus dem Offizierstande aus- gestoßen wäre. . ."
£)bctft'? !/z
"Der traurige Fall erregte vor fünf oder sechs Jahren großes Aufsehen. Sie selbst wurden erst später zu dem Reaiment versetzt, als man nicht mehr von dem Fall sprach. Auckc ich wußte nichts davon, da ich! erst zwei Jahre beim Reaiment bin — ich hätte Sie sonst früher gewarnt — erst vor einigen Tagen erfuhr ich- offiziell die üackten That- sachen, an denen nicht zu zweifeln ist."
~ Darf ich fragen, was man dem Ma^or vorwarf?"
„Es thut mir leid, Herr von Petershagen ch-; diese Auseinandersetzungen müssen Ihnen sehr peinlich sein — aber in Ihrem eigenen Interesse muß es sem. Man beschuldigte den Major, int Unionklub — sagen, wir inkorrekt gespielt zu haben . . . man stellte ihn vor die Wahl, nach Amerika auszuwandern oder titor ein Ehrengericht gestellt zu werden —i er zog es vor, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen." , ,
„Und bas ist verbürgt, Herb Oberst?"
ist ein Protokoll über all diese Vorgänge äufge- Uommen, welches den Personalpapieven des, Majors tm Kriegsministerium beigefügt ist, ED ist von einwanchrereu


