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Eine Bewegung des Erstaunens ging durch den Saal. Mit solcher Bestimmtheit und mit so gewichtigem Nach- druck war die Erklärung abgegeben worden, daß sie nach Lem Voraufgegangenen notwendig einen geradezu ver­blüffenden Eindruck hervorbringen mußte. Der Vertreter! der Anklagebehörde nahm zuerst das Wort.

Ich beantrage, die Beeidigung dieses Zeugen vor­läufig auszusetzen."

Der Referendar erhob mit einer jähen Bewegung den .Kopf.Aus welchem Grunde?"

Darüber bin ich Zhnen keine Rechenschaft schuldig. Aber ich will es Ihnen trotzdem sagen. Ihr Vater hat soeben beschworen, daß er den Schmuck von der Ange­klagten empfangen habe. Wenn Sie nun unter Ihrem Ende die Behauptung des Gegenteils aufrecht erhalten wollten, so müßte einer von Ihnen sich notwendig zum mindesten eines fahrlässigen Falscheides schuldig gemacht haben. Der Gerichtshof wird also nur Ihr eigenes In­teresse wahrnehmen, toenn er Ihnen Gelegenheit giebt, sich, über die Tragweite Ihrer Aussage völlig klar zu werden, ehe Sie ihre Richtigkeit beschwören."

Mehrere nicht allzu vertrauenerweckend aussehende Personen im Zuhörerraum, sogenannteKriminalstudenten", spitzten jetzt die Ohren und drängten sich näher an die Schranke heran. Die bis dahin ziemlich gewöhnliche und uninteressante Sache schien plötzlich; einen sensationellen Charakter annehmen zu wollen.

Ter Referendar stand mit gesenktem Kopfe da, wie von , einem betäubenden Schlage getroffen. Dann wandte er sich nach seinem'hinter ihm auf. der Zeugenbank sitzenden Vater um, und seine Lippen zuckten, als ob er eine Frage an ihn richten wolle. Aber der Präsident, der sich leise mit seinen Beisitzern besprochen hatte, machte es ihm un­möglich.

Der Gerichtshof beschließt, Ihre Vereidigung vorläufig auszusetzen, Herr Referendar! Die Gründe dafür hat der Herr Vertreter der Staatsanwaltschaft Ihnen bereits ver­raten. Treten Sie nahe an die Angeklagte heran und sehen Sie ihr aufmerksam ins Gesicht. Ich brauche Sie, der Sie selbst Jurist sind, wohl nicht erst ausdrücklich auf die Bedeutung Ihrer Aussage hinzuweisen."

Margarete Willisen und Rudolf Jmberg standen sich; Auge in Auge gegenüber. Von der beglückenden Hoffnung; erfüllt, in ihm einen Retter gefunden zu haben, hielt sie seinem fest und durchdringend auf sie gerichteten Blicke stand, ohne die Lider zn senken. In seiner Hilflosigkeit; und seinem namenlosen Jammer war ihr Gesichtchen von wahrhaft rührendem Liebreiz, und als sich jetzt langsam ein zartes Rot über ihre Wangen breitete, war wohl keiner im Saale, der sie nicht wunderhübsch gefunden hätte. Wohl eine Minute lang war es so still, daß man das leise Knistern eines von dem Gerichtsschteiber umgewendeten' Blattes bis in den entferntesten Winkel hören konnte.

Tann erklang die sonore Stimme des Referendars fest und entschieden wie vorhin:Diese junge Dame war die Ueberbringerin der Schmetterlingsbrosche nicht. Mein Vater hat sich geirrt, wenn er sie in ihr wiederzuerkennen glaubte."

Der Pfandleiher hatte sich langsam, Zoll für Zoll, von seinem Sitze erhoben. Seine über der Krücke des Regen­schirmes zusammengelegten Hände zitterten. Schmerz und Bestürzung spiegelten sich in seinem Gesicht.

Rudolf mein Sohn" keuchte er.Bedenke doch, was Du da sagst! Willst Du Deinen eigenen Vater--"

Ich muß jede Unterhaltung zwischen den Zeugen auf das entschiedenste verbieten", fiel der Vorsitzende befehlend ein.Angeklagte Willisen, wo befindet sich in diesem Augen­blick Ihr Regenmantel und das Kopftuch, das Sie von Frau Haller zum Geschenk erhielten?"

Im Untersuchungsgefängnis. Ich mußte die Sachen dorthin holen lassen, als ich dem Pfandleiher vorgestellt wurde."

Gut! Man schaffe diese Gegenstände herbei, uttb: Sie, Herr Referendar, werden uns inzwischen ausführlich er­zählen, wie sich Ihre Begegnung mit der Ueberbringerin' des Schmuckes gestaltete."

Rudolf Jmberg kam dem Verlangen nach, ohne zu Zögern. Als er mit seinem Bericht zu Ende wär, mußte

er zurücktreten, und sein Vater wurde wieder aufgerusen.

Haben Sie an der Darstellung Ihres Sohnes etwas zu berichtigen oder ihr etwas hinzuzufügen?"

Nein."

Und wünschen Sie vielleicht an Ihrer eigenen Aus­sage etwas zu ändern? Sollten Sie sich etwa inzwischen überzeugt haben, daß Ihre vorige Bekundung auf einem Irrtum beruht, so können Sie jetzt noch durch einen Wider­ruf alle üblen Folgen abwenden. Ich werde Ihnen den Paragraphen des Strafgesetzbuches vorlesen, dessen Schutz Sie in solchem Falle in Anspruch nehmen dürfen. Es ist der Paragraph hundertdreiundsechzig, und er lautet in seinem zweiten Absatz:

Straflosigkeit tritt ein, wenn der Thäter, bevor eine Anzeige gegen ihn erfolgt oder eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, und bevor ein Rechtsnachteil für einen anderen aus der falschen Aussage entstanden ist, diese bei derjenigen Behörde, bei welcher er sie abgegeben hat, widerruft."

(Fortsetzung folgt.)

Das Horn von Wanza.

Eine Erzählung von Wilh elm Ra ab e. Zweite Auf­lage. Berlin 1901. Verlag von Otto Janke. Preis geh. 3, gebt 4 Mark.

Hoffentlich ist die Geschichte vom Horn von Wanza in den zwanzig Jahren seit ihrem ersten Erscheinen nicht so sehr veraltet, daß das heutige Publikum eine nochmalige Ausgabe als eine Unhöflichkeit auffassen könnte" so lautet kurz und bündig, und doch zugleich Bände redend des Verfassers Vorwort zur zweiten Auflage, aus dem zugleich der stillvergnügte goldene Humor hervorleuchtet, der die ganze Erzählung durchglüht. Zwanzig Jahre waren erforderlich, um die sicher nicht gar hoch gegriffene erste Auflage desHorn von Wanza" abzusetzen. So ver­steht das deutsche Volk seine besten, gemüt- und humor­vollsten Schriftsteller zu würdigen! Wir wollen hoffen, daß sich viele beeilen, den nun bald Siebenzigjährigen gründlich kennen und schätzen zu lernen. Das Horn von Wanza zeigt ihn von seiner besten Seite, und wenn diese zweite Auflage bis zum 8. September vergriffen wäre, so dürfte dies als nicht geringste Geburtstagsfreude für den Verfasser gelten.

Nein, veraltet ist die Geschichte vom Horn von Wanza ganz und gar nicht, so wenig, wills Gott, jemals deutsche Treue und Biederkeit veralten werden. Freilich schreitet die Zeit unaufhaltsam fort, aber die so oft zu Unrecht geschmähte gute alte Zeit bleibt doch die Wurzel allen Fortschritts, und wehe uns, wenn wir je vergessen, was uns groß und stark gemacht hat. Darum, wem über dem Hasten unserer Zeit die Freude am Kleinstadtleben und seinen Charakteren nicht verloren gegangen ist, der greife zum Horn von Wanza und tute kräftig mit hinein, ohne befürchten zu müssen, damit zum Nachtwächter zu werden.

Bdt.

Gemeinnützige».

Etwas über Häuserschmückung. Es ist eine sehr lobenswerte Bestrebung der letzten Jahre, nicht nur an hochherrschastlichen Häusern, sondern auch . an ein­facheren Mietswohnungen für möglichst jede Mietspartei einen Balkon anzubringen. Man sieht häufig diese Bal­kons in reichem und geschmackvollem Blumenschtnuck prangen, und manche Städte unterstützen das Interesse an der Ausschmückung der Balkons durch ausgesetzte Preise, da sie sich wohl bewußt sind, welch freundliches Aussehen geschmückte Balkons den Straßen verleihen, und wie dadurch der Fremde sich angeheimelt fühlt.. Mit besonderer Liebe pflegt meist der Großstädter dieses einzige Stückchen Natur, welches ihm in dem Straßen- und Häusermeer geblieben ist. Die Engländer, die ja als Garten- und Blumenfreunde bekannt sind, betreiben die Ausschmückung der Außenseite ihrer Häuser mit Gewächsen in ausgedehntem Maße. Be­günstigt wird dieses Bestreben noch dadurch, daß Miets­kasernen, wie bei uns, in England nicht in dem Maße bestehen, daß vielmehr dort das Einfamilienhaus vor-