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Es war am Vorabend meines Geburtstages, und ich war mit meiner Gesellschafterin allein. Da meinte ich ihr eine Freude zu machen, indem ich ihr meine Schmuck­sachen zeigte. Ich habe deren ziemlich viel; denn mein seliger Gatte Pflegte mich sehr reich zu beschenken, mtb; manches hcche ich auch! von meiner verstorbenen Mutter geerbt. Ich bin nämlich aus gutem Hause, Herr Präsi­dent! Mein Vater--"

Das interessiert uns hier nicht weiter. Lassen Sie uns, bitte, bei der Sache bleiben."

Nun also! Ich gab der Margarete Willisen die Schlüssel zu dem eisernen Schrank, der in die Wand meines Schlafzimmers eingelassen ist, und beauftragte sie, mir die beiden großen Kassetten mit den Juwelen zu holen. Wir breiteten alles auf dem Tisch im Empfangssalon aus, weil dort die beste Beleuchtung ist, und ich ließ sie die einzelnen Stücke betrachten, indem ich ihr sagte, welchen Wert jedes von ihnen ungefähr habe. Der Brillant­schmetterling mit den Rubinen und Saphiren schien ihr ganz besonders zu gefallen, und ich erzählte ihr, daß mein seliger Gatte ihn mir auf unserer Hochzeitsreise in Paris für achttausend Franken gekauft habe. Dann packte ich mit eigenen Händen alles wieder in die beiden Kassetten ein und befahl ihr, sie an ihren Platz zurückzubringen.. Da ich ihr den ganzen Schlüsselbund mitgeben mußte, weil sie doch den Wandschrank verschließen sollte, hatte sie auf dem Wege nach dem Schlafzimmer die allerbequemste Ge­legenheit, die eine Kassette zu öffnen und sich den Brillant­schmetterling, der wahrscheinlich! obenauf lag, anzueignen. Als sie zurückkam, war sie unbefangen wie immer. Mir aber kam eine Besorgnis, daß sie die Schrankthür nicht gehörig zugesperrt haben könnte, und ich ging gleich nachher hin, um mich zu überzeugen, daß alles in Ord­nung sei. An die Möglichkeit eines unterwegs von ihr verübten Diebstahls dachte ich natürlich nicht."

Und wie gelangte dann dieser Diebstahl zu Ihrer Kenntnis ?"

Es war eine ganze Woche später, als ich zum Theater­besuch mein Smaragdarmband anlegen wollte, ein Geschenk, das mir mein seliger Gatte aus Petersburg ja so, das interessiert Sie wieder nicht. Also ich öffnete den Schrank und die Kassette, in der ich das Armband wußte. Das fiel mir's auf, daß der Schmetterling nicht darin war, obwohl ich mich genau erinnerte, daß ich ihn zugleich mit dem Armband hineingelegt hatte. Heftig erschrocken durch­suchte ich trotzdem auch! den anderen Kasten, um mich bald zu überzeugen, daß ich von dieser Person dort auf eine schändliche Weise bestohlen worden war."

Sie hatten den Schrank in der Zwischenzeit nicht ge­öffnet?"

Frau Haller verneinte.

Und dör Schlüssel kann auch nicht in die Hände irgend einer anderen Person geraten sein, die sich seiner dann- in sträflicher Weise bediente?"

Ganz unmöglich, Herr Präsident! Ich bin in solchen Sachen sehr vorsichtig, und ich kann einen heiligen @ib; darauf leisten, daß ich den Schlüsselbund Tag und Nacht in meinem Gewahrsam gehabt habe."

Nun, Angeklagte, Sie hören, was die Zeugin bekundet. Möchten Sie sich auf diese mit solcher Bestimmtheit aus­gesprochene Anschuldigung hin nicht doch! lieber zu einem offenen Geständnis bequemen?"

Die schmalen Hände Margarete Willisens sanken bei den Worten des Präsidenten von dein blassen Gesichtchen herab, und eine müde Stimme sagte:Ich kann nur immer aufs neue wiederholen, daß ich nichts zu gestehen habe. Ich habe weder die Kassette geöffnet, wie Frau Hallev vermutet, noch den Schmetterling genommen."

Und Sie können auch keiue Vermutung darüber äußern, auf welche Weise er sonst abhanden gekommen und zu dem Pfandleiher gelangt sein mag?"

Nein."

Der Landgerichtsrat zuckte die Achseln und wechselte ein paar leise Worte mit- den Beisitzern. Dann drückte er auf ,die vor ihm stehende Glocke und befahl, nachdem er Frau Haller durch eine Handbewegung bedeutet hatte, auf der Zeugeubank Platz zu nehmen, dem Gerichtsdiener: Der Pfandleiher August Jmberg."

Der kleine alte Mann verbeugte sich tief vor dem Gerichtshof. Er war sehr befangen und antwortete auf die Fragen des Vorsitzenden mit leiser, schüchterner Stimme. Den Eid aber, der ihn verpflichtete, die lautere Wahrheit zu sagen, sprach auch er fest und ohne Stocken.

Betrachten Sie die Angeklagte, Herr Zeuge, und sagen Sie uns, ob Sie sie kennen."

August Jmberg leistete der Aufforderung Folge.

Ja, ich glaube sie bestimmt wiederzuerkennen. Sie brachte mir am Abend des dreißigsten September einen Brillantschmetterling, um ihn bei mir zu verpfänden. Und sie gab sich dabei für ein Fräulein Melanie v. Neu­hofs aus."

Sie sind Ihrer Sache ganz gewiß? Ein Irrtum in der Person der Angeklagten scheint Ihnen vollständig aus­geschlossen?"

Der Pfandleiher betrachtete die Angeklagte nochmals aufmerskam und erklärte dann, ein solcher Irrtum scheine ihm nicht möglich.

So erinnern Sie sich vielleicht auch!, wie die Ueber- 6 ring ernt des Brillantschmetterlings gekleidet war?"

Jawohl. Sie trug einen langen, eng anschließenden Regenmantel von dunkelgrauer oder dunkelblauer Farbe und einen roten Seidenshawl um den Kopf."

Frau Haller wollen Sie gefälligst noch einmal vor­treten! Besaß Ihre Gesellschafterin Kleidungsstücke, auf welche diese Beschreibung paßt?"

Allerdings! Sie hatte einen blauen Regenmantel, und das rote Kopftuch habe ich ihr selbst geschenkt. Sie begleitete mich, als ich ein solches für meine Nichte kaufte, unb- da es ihr so sehr gefiel, nahm ich ein gleiches auch für sie."

Einer der Richter flüsterte dem Vorsitzenden eine Frage zu, und dieser nickte.

Die Nichte, deren Sie da soeben erwähnen, ist außer allem Verdacht?"

Aber Herr Präsident! ich bitte Sie! Die Tochter meiner Schwester unb ein adeliges Fräulein! Außerdem hat meine Nichte während der fraglichen Zeit mein Haus überhaupt nicht betreten, und am Abend des dreißigstem September war sie gar nicht hier in der Stadt. Sie mußte schon am Vormittag abreisen. Ich erinnere mich! dessen so genau, weil der dreißigste mein Geburtstag war und weil ich mich darüber ärgerte, daß sie mir weder gratuliert noch sich von mir verabschiedet hatte."

Ich danke Ihnen das wäre also erledigt. Nur noch etns: die Person, welche den Schmetterling! bei dem Pfandleiher Jmberg versetzte, bediente sich zu ihrer Legi­timation einer Visitenkarte mit dem Namen Melanie v. Neuhofs. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie Ihre Gesellschafterin in den Besitz einer solchen Karte gelangt sein könnte?"

O, nichts war für sie leichter als' das. Aus einer Schale in meinem Empfangssalon liegen Hunderte von Karten meiner Besucher. Auch die des Fräulein v. Neu­hofs war in mehreren Exemplaren darunter. Die Diebin wird wohl die erste beste herausgegriffen haben, die ihr in die Hände fiel."

Sie können sich setzen. Angeklagte Willisen, ich frage Sie noch einmal, ob Sie trotz der beschworenen Aussage des Zeugen Jmberg bei Ihrem Leugnen beharren wollen?"

Ich bin niemals bei diesem Manne gewesen, und id)' sah ihn zum ersten Mal, als er mir int Amtszimmer des Untersuchungsrichters gegenübergestellt wurde."

Ter Vorsitzende klingelte wieder.Herr Referendar Rudolf Jmberg!"

Bleich und mit einem Ausdruck höchster Spannung' in den Zügen trat der junge Manu in den Sitzungssaal ein. Sein erster Blick galt der Angeklagten, und' er wandte die Augen nicht von ihr, während er die Personalfragen beantwortete.

Je länger er sie ansah, desto- mehr hellte sein Gesicht sich auf, und noch ehe seine Vereidigung erfolgt war, sagte er:Ich muß! es auf das tiefste beklagen, daß der Untersuchungsrichter meinem Verlangen nicht stattgegeben und mich der Angeschuldigten nicht schon früher gegen­übergestellt hat. Er hätte sie dann jedenfalls sofort aus der Hast entlassen müssen; denn sie ist nicht dieselbe, die meinem Vater den Brillantschmuck überbrachte."