1901.
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llein zu sein! Drei Worte leicht zu sagen, i Und doch so schwer, so endlos schwer zu tragen.
Chainisso.
(Nachdruck verboten.)
Der Schmetterling.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Der Alte schüttelte mißbilligend den Kopf. „Du solltest Dir das doch noch überlegen, mein Junge! Ich! habe absichtlich Deinen Anteil an der Geschichte verschwiegen, damit Du nicht mit hineingezogen wirst. Am Ende" — und er blickte dabei verlegen zu Boden „am Ende braucht doch nicht alle SBelt zu erfahren, daß der Referendar Jmberg der Sohn eines Pfandleihers ist."
Zwischen den Augenbrauen des jungen Mannes erschien eine Falte des Unmuts. „Soll ich mich! dessen etwa schämen, Vater? Dürfte ich unter Deinem Dache leben und Dein Brot essen, wenn ich es thäte?"
„Nein, nein, ich sage ja nicht, daß Du Dich Deiner Herkunft schämen sollst. Aber es giebt doch nun einmal Leute, die mich um meines Geschäftes willen verachten."
„Und deren Verachtung! wir, wie ich denke, mit Gleich^- mut ertragen können, so lange uns das eigene Gewissen sagt, daß sie ungerecht und thöricht ist. Laß uns nicht weiter davon reden, lieber Vater!"
Mit einem Blick voll unendlicher Zärtlichkeit und Liebe sah Auguit Jmberg zu seinem stattlichen Sohne auf. „Thue denn, was Dir gut und zweckmäßig scheint, Rudolf! Es wird ja gewiß immer das Richtige sein."
Der Referendar drückte ihm die Hand und ging in das Wohnzimmer hinüber. Aber seine innere Bewegung schien doch stärker, als er es in dem Gespräch mit seinem Vater gezeigt hatte.
Ruhelos ging er lange auf und nieder, und als er endlich in seiner Wanderung innehielt, genau an der nämlichen Stelle, wo er den dankbaren Händedruck der angeblichen Melanie v. Neuhofs empfangen, sagte er nach schwerem Aufatmen halblaut vor sich hin: „Nein, es ist unmöglich! Und ich werde es nicht glauben, so lange ich es nicht aus ihrem eigenen Munde gehört habe."
Drittes Kapitel.
„Die Zeugen in der Strafsache gegen Margarete Williseni" rief der Gerichtsdiener mit schallender Stimme in den Korridor hinaus. „Frau Rentiere Therese Haller!
— Herr August Jmberg! — Herr Referendar Rudolf Jmberg! — Alle anwesend? Gut! — Frau Haller soll zuerst eintreten."
Er öffnete der ältlichen, wohlbeleibten, und mit übertriebener Eleganz gekleideten Dame die Thür des Sitzungszimmers und winkte den beiden anderen Zeugen noch einmal zu, sich aus seinen Ruf bereit zu halten. Frau Haller, die zwar vor Aufregung fehr rot war, im übrigen aber durch den feierlichen Ernst des Orjes keineswegs allzusehr eingeschüchtert schien, steuerte geradeswegs auf den mit einer grünen Decke belegten Richtertisch zu, um dann, als man sie bedeutete, stehen zu bleiben, einen majestätischen, zornsprühenden Blick nach der Anklagebank hinüberzuwerfen.
Dort, auf dem erhöhten Platz hinter der Gitterschranke, stand das junge Mädchen, dessen Schicksal in dieser Stunde entschieden werden sollte. Sie trug ein einfaches, schwarzes Kleid, ihr reiches, blondes Haar war in zwei dicken Flechten um den Kopf geschlungen, und ihr blasses, sanftes Gesicht war von rührender Lieblichkeit, obwohl Angst und Kummer ihren Zügen sicherlich Piel von der früheren Weichheit genommen hatten, und obwohl ihre Augen vom Weinen gerötet waren.
Unter dem Blick der Frau Haller brach! sie aufs neue in Thränen aus, und sie ließ das Taschentuch kaum von den Augen, solange die Vernehmung dieser Zeugin währte. Mit lauter, fester Stimme hatte die Dame die üblichen Fragen nach ihren Personalien beantwortet und die Eidesformel nachgesprochen. Nun sagte der Richter:
„Die Angeklagte Margarete Willisen, die verdächtig ist, Sie bestohlen zu haben, stand als Gesellschafterin in Ihren Diensten?"
„Ja. Ich hatte sie vor einem halben Jahre engagiert — halb aus Mitleid, weil sie mir als sehr bedürftig empfohlen worden war. Ihr Pater war kürz vorher gestorben, und die kleine Pension, auf die feine Witwe angewiesen war, reichte nicht hin, um Mutter und Tochter zu erhalten. Da dachte ich ein Werk der Menschenliebe zu thun, aber ich bin schlecht dafür belohnt würden."
„Haben Sie schon vor diesem letzten Ereignis Zeichen von Unzuverlässigkeit oder Unredlichkeit an der Angeklagten wahrgenommen?"
, Mein Gott — nein! Ich schenkte ihr eben unbegrenztes Vertrauen, weil sie doch am Ende aus einer anständigen Familie war und sehr gewinnende Manieren hatte."
„So erzählen Sie uns, wie der Diebstahl Ihrer Ansicht nach verübt worden ist, und auf welche Weise Sie ihn entdeckten."
Mit großer Redefertigkeit kam die resolute Dame dieser Aufforderung nach.


