Ausgabe 
10.3.1901
 
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i>ie durch eins der Kajütenfenster läuft, und mit dem -anderen Ende irgendwo an ihm festgebunden würde?"

Das ist eine gute Idee", rief er.Willst Du die erste 'Wache haben?"

Ja."

Wieviel Uhr ist es jetzt?"

Zehn Minuten nach acht."

Dann kommst Tu also um zwölf zur Koje. Es läßt sich nicht anders machen. Ach, Jessie", rief er mit einem abermaligen plötzlichen Ausbruch von Kummer,was würde ich darum geben, wenn ich Dir dies ersparen könnte!"

Kein Wort weiter, Richard", erklärte ich, indem ich ihn küßte.Wenn Du den Mut sinken lassen willst, was soll ich dann anfangen? Wir wollen Gott bitten, daß wir Morgen um diese Zeit von allen Sorgen befreit sein mögen."

Ich eilte aus der Kajüte, da ich mir nicht mehr zu reden getraute, und er nicht sehen sollte, daß mir die Hellen Thränen aus den Augen stürzten trotz meiner verzweifelten Anstrengung, sie zurückzudrängen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Eine seltsame Begegnung.

Ich teilte Spence mit, daß wir uns die Wachen zu Je vier Stunden einteilen würden, und bat ihn, eine Lot­leine oder sonst ein langes Ende zu besorgen, das eine 'Ende an seinem Arm zu befestigen, und das andere durch -ein Kajütenfenster bis nach achtern zu leiten. Er that -es, und begab sich in die Kajüte, damit wir zunächst eine Probe anstellen könnten, wie diese Einrichtung sich be- tvähren würde. Sowie ich an der Leine zog, kam er 'sofort heraus, und erklärte, es sei alles in Ordnung, und ich könnte ihn mit dieser Leine aus seinem Grabe herausziehen, wenn es auch hundert Faden tief unter der Erde wäre.

Glücklicherweise fühlte ich- mich durchaus nicht müde. Die Spindel des Rades war mit einem tunnelartigen Deckel 'versehen, an welchem auf beiden Seiten ein breiter Rand -angebracht war, so daß ich mich setzen und zugleich! die Speichen des Rades halten konnte. Auch die nervöse -Erregtheit, in der ich mich befand, trug dazu bei, mich munter zu erhalten. Nach, Schlaf hatte ich auch- nicht das geringste Verlangen. Bald nach 10 Uhr wurde die Kompaßlampetrüber; das hatte nichts weiter zu bedeuten. Bis Spence mich ablöste, konnte ich nach dem Monde -steuern, der so- lange vorne sichtbar sein würde.

Ich hatte nach der Uhr gesehen, und mit großer Mühe beim Schein der Kompaßlampe entdeckt, daß es zwanzig Minuten vor Mitternacht war. Ich steckte die Uhr wieder in die Tasche, und schaute querab zu Luward über die See. Da glaubte ich eine Art grauen Schatten zu sehen. Um sicher zu gehen, ließ ich das Rad los, und ergriff das Fernrohr. Ich brauchte einige Minuten, um mir das Glas in der Dunkelheit richtig zu stellen, und mußte die steifen Röhren mehrmals hin und herschieben, bis ich endlich ein klares Gesichtsfeld erreicht hatte. Ich, richtete das Glas auf den erwähnten Schatten, und erkannte nun deutlich, daß es ein großes Schiff unter vollen Segeln sei, das ebenso steuerte, wie wir selber.

Sofort riß ich mit beiden Händen an der Leine. Drei­mal mußte ich daran ziehen, ehe es mir gelang, den Jungen zu erwecken.

Meine Ungeduld stieg und wurde zu einer wahren Qual. Das Schiff segelte schnell und kam immer weiter vorwärts wie eine Rauchwolke. Ich rannte auf die Kajüte zu da kam Spence mir entgegengestürzt.

Was giebt's denn, Madame?" rief er,ist es schon acht Glasen?"

Sehn Sie, dort ist ein Schiff!" schrie ich und konnte vor Erregung kaum die Worte hervorbringen.Wie können wir uns ihm bemerkbar machen?"

Wir müssen ein Flackerfeuer zeigen!" brüllte er und geberdete sich wie ein Verrückter bei dieser plötzlichen Nach­richt.Passen Sie aufs Ruder auf, Madame. Die Segel schlagen back." Damit stürzte er nach vorne.

. Ich rannte an das Rad und drehte es hart über. Die Brigg machte indessen keine Fahrt mehr, ja sie ging wo­möglich schon über Steuer, in welchem Falle ich das Ruder hart backbord hätte legen müssen.

Daran dachte ich im Augenblick nicht. Alle unsere Hoffnungen, von dem Schiffe bemerkt und unterstützt zu werden, schienen mir nun wie mit einem Schlage vernichtet zu sein. Wenn das Schiff auch bedeutend schneller segelte, als wir, so hätten wir doch, wenn die Brigg in Fahrt blieb, uns noch so lange innerhalb seines Gesichtskreises halten können, bis unser Flackerfeuer bemerkt worden wäre.

(Fortsetzung folgt.)

Vom Monat März.

März 1901.

(Nachdruck verboten.)

Der März ist der Auferstehungsmonat der Natur, er­bringt uns den Frühlingsanfang, und ist er milde, so sieht man bald Grünes an allen Enden. Nach dem strengen Winter wird auch dieser März uns die Herrlichkeiten seiner vegetarischen Frühlingsfreuden bringen, schon sprossen in geschützten Waldwinkeln die Schneeglöckchen empor, und au sonnigen Hängen knospen duftige Frühlingstriebe aller Art. Vom Rhein her ist als Frühlingsgruß frischer Waldmeister in stark duftender, dunkelgrüner Ware eingetroffen. Die Ankunft des Waldmeisters gehört zu den großen Ereig­nissen in den Delikateßläden. Durch das außergewöhnlich- frühe Eintreffen dieses hochgeschätzten Pflänzchens in diesem Jahre konnte die Reihe der Frühlingsbowlen schon im Februar eröffnet werden. Wer seine Bowlen aber mit edleren und kostbareren Beigaben Herstellen will, der findet in den Delikateßläden schon heimische Pariser Erdbeeren und Pfirsiche. Wer Ananas bevorzugt, deren würziger Dust von keiner anderen Frucht erreicht wird, und als aller- feinstes Bowlenmaterial gilt, findet westindische und aus­gereifte hiesige Ananas zu mäßigen Preisen. Neben dem Waldmeister sehen wir von frischem Grün noch Erfurter Brunnenkresse, die seit einigen Jahren ein bedeutenden Handelsartikel geworden und wegen ihres Eisengehaltes für Bleichsüchtige sehr zu empfehlen ist; fein geschnitten auf Butterbrot bietet sie eine wohlschmeckende Frühstücksspeife. Weiter bringt uns der Frühling grünen Schnittlauch, Peter­silie, Bitterkresse und Suppenkrüuter, die von Tag zu Tag besser und begehrter werden. Aus freiem Laude liefern die Gärtnereien Rapunze und Spinat. Unter der fastenden Menschheit genießt die Frühlingssuppe den besten Ruf, sie ist ein Weiheessen altdeutscher Vorzeit und vorchristlichen Ursprunges. Da auch heimischer Salat schon vorhanden ist, so ist nachstehende grüne Suppe für den Gründonnerstag sehr gut herzustellen. Man koche 3 Liter Wasser eine Stunde lang mit reichlich Wurzelwerk und Porree, dämpfe bann 3 Eßlöffel Mehl in einem Stück Butter hellgelb, rühre es mit der Brühe an, gebe es wieder aufs Feuer und füge, wenn es kocht, Spinat- und Sauerampferblätter, Petersilie, Kerbel, jungen Salat, Portulak und ein wenig Schnittlauch, alles sein gehackt, ferner etwas Chalotte, Salz und Muskat­nuß hinzu, lasse die Suppe aufkochen, legiere sie mit Ei­dottern, welche man mit 3 Eßlöffeln süßer Sahne verklopft hat und richte sie über gerösteten Weißbrotschnitten an. Für solche, die sich nicht verpflichtet fühlen, zu fasten, kann durch Hinzufügen von Bouillon aus Liebigs Fleisch-Extrakt die Suppe gekräftigt werden. Unsere heimischen Gärtnereien und Treibereien, von denen die mittelschlesischien die leistungs­fähigsten Deutschlands sind, versorgen den Markt schon im März mit Radieschen, Salat, frischen grünen Bohnen, jungen Kohlrabi, langen, zarten, grünen Gurken, auch weißen Stangenspargel liefert die Treibkunst der Gärtner. In den Delikateßläden giebt es in- und ausländisches Fein- gemüfe in bester Auswahl. Neben weißem ftanzösischen Spargel, Schoten, Karotten, Artischoken, Tomaten, finden wir Rhabarberstiele für Kompott, Kopfsalat und Endivien aller Art als feine Bratenbeilagen. Blumenkohl kommt in großen Mengen zu niedrigen Preisen zu Markte. Cham­pignons werden reichlich angeboten, dagegen ist für die Morchel vor Ende März noch wenig Aussicht.

Infolge der allgemeinen Schonzeit ist das Wildpret knapp, auch! das Reh verschwindet von der Speisekarte und bleibt nur die Wahl zwischen Wildschwein, Fasanenhähnen, Wildenten, russischem Federwild, sowie lombardischen, dal- matiner und hiesigen Schnepfen, für letztere beginnt im März die Frühjahrsjagdzeit.