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solches gewesen; nach, ihren Papieren war sie über zehn Jahre alt, datierte also bis zum Jahre 1850 zurück, und zu jener Zeit wurde die Reise nach Sierra Leone und den Häfen der afrikanischen Westküste vorzugsweise auf solchen kleinen Schiffen gemacht. Ich erwähne diesen Umstand,
unglücklichen Lage vorhanden waren.
Irgend ein Fremder, der auf dieses anscheinend verlassene Schiff gekommen wäre, würde jedenfalls aufs höchste iiberrascbk gewesen sein, die Kajüte so behaglich, hell erleuchtet und mit einer gedeckten Tafel vorzufinden, auf welcher eine, für ein Schiff von der Größe der „Bolama" ganz anständige Mahlzeit aufgetischt war. Da gab es Pökelfleisch, Sardinen, eingemachte Früchte, werßen Zwne> back, eine Büchse mit konserviertem Hammelfleisch, kurz: Ueberfluß, an kalter Küche. Den wunderbarsten Anblick würde aber jedenfalls ich selber bargeboten haben: eine junge Frau mit verwirrtem Haar, die Aermel bis zu den Ellenbogen ■ aufgestreift, und das Kleid „aufgegeit", wie der Seemann sagen würde, um freier ausschreiten zu
ausgezeichnet."
„Es ist am besten, wenn Tu jetzt ans Ruder gehst , meinte er, „damit Spence die Kajüten- und Kompaßlampen anzünden kann. Er wird wohl wissen, wo das Del zu finden ist Dann kannst Du wiederkommen und etwas Abendbrot besorgen. Ich bin ein wenig hungrig."
Das freute mich mehr als irgend etwas. Es konnte ! entschieden kein besseres Zeichen für seinen Zustand geben als den Umstand, daß er Appetit hatte. Ich setzte meinen Hut auf, und begab mich an Deck. Der arme Junge stand sehr pflichtgetreu, aber mit besorgter Miene am Ruder. Sobald ich mich näherte, ries er mir entgegen: „Der Wind hat noch um zwei Striche geschreckt, seit Sie von Deck sind, Madame". ,. ,
Ich guckte in den Kompaß. Das Schiff lag West zum Norden an..
„Schadet nichts", meinte ich. „Mein Mann laßt ^hnen sagen. Sie möchten die Kajüten- und Kompaßlampen an- zündcn, und zugleich können Sie auch -mal nach dem Kombüsenfeuer sehen."
Natürlich spähte ich auch in der Dunkelheit eifrig umher, wie ich es stets that, wenn ich an Deck kam, und wie es ja bei jemand, dessen einzige Hoffnung darm besteht, ein Schiff zu entdecken, ganz natürlich war. Dunkel und öde hob sich der Horizont von den niedriger stehenden Sternen ab. Nicht der geringste Schatten war sichtbar. Nach Verlauf einer halben Stunde erschien Spence mit der Kompaßlampe. Er schob die Lampe unter die Messingkuppel und nahm mir wieder das Rad ab.
„Ich habe mir mein Abendbrot mitgebracht", sagte er.
„Wenn ich für den Kapitän gesorgt, und selber gegessen haben werde", entgegnete ich, „werde ich kommen, und mich mit Ihnen über die Wachen einigen. Inzwischen halten Sie nur scharfen Ausguck, Spence, für den Fall, daß ein Schiff in Sicht kommen sollte."
„Darauf können Sie fich verlassen", war die Antwort.
können.
Sobald ich meine Mahlzeit beendigt hatte, machte ich es meinem Manne wieder bequem, indem ich sein Gesicht wusch, sein Kopfkissen zurechtrückte, und ihm ein Paar- Bücher aus der Kapitänskammer holte, alte Zeitschriften, Romane und dergleichen.
„Wie hast Du Dich mit Spence geeinigt?" fragte er, als ich Miene machte, wieder an Deck zu gehen.
„Bis jetzt noch nicht", antwortete ich. „Der arme Bursche soll aber auch, nicht mehr als den ihm zukommenden Teil der Arbeit verrichten. Was sollten wir ohne ihn wohl anfangen? Wir können Gott nicht genug dafür danken, daß er diesen Jüngling übrig gelassen hat, um uns zu helfen. Ich denke, es wird am besten sein, wenn wir je vier Stunden am Ruder stehen." .
„Vier Stunden sind zuviel für Dich", rief er kopfschüttelnd, und betrachtete mich mit dem unruhigen, sehnsüchtigen Ausdruck eines Gefangenen.
„Gewiß nicht, wenn das Wetter schön bleibt", merntt ich. „Vier Stunden Schlaf erfrischen und erquicken; naw zwei Stunden ist man dagegen immer noch müde uno schläfrig." o
„Dann nimm meine Uhr", sagte er, indem er sie aus der Westentasche zog und mir überreichte, „damit Du E weißt, wenn Dein Turn abgelaufen ist. Wie wulst w Dich aber bemerkbar machen, wenn Spence Dich ao- lösen soll?" an;»
„Daran habe ich schon gedacht", entgegnete ich.
wäre es zum Beispiel, wenn ich das Ende einer Lerne ha ,
anöet-g darüber bestimmte. In diesem Falle würden wir l Als ich in die Kajüte trat, brannte die Lampe hell, das Rad festmachen müssen und versuchen, die Raaen an- I und Richard las in einigen Papieren, die er emer neben
zubrassen. ihm stehenden Kiste entnommen qatte.
Darauf eilte ich in die Kajüte, wo mein armer Mann I „Spence hat mir vorhin diese Papiere aus der Kapitäns- so ruhig auf der Matratze lag, als ob er schliefe. Seine I kammer gebracht", sagte er. „Sie enthalten alles Nähere Augen waren jedoch geöffnet, und ein froher, belebter Aus- I über Ladung, Bemannung und so weiter. Die Brigg ist druck kam in sein Gesicht, als ich mich näherte. I etwas größer, als ich geglaubt hatte, drei Tons unter
Spence hat mir eure Einrichtung mitgeteilt", sagte er. I zweihundert. Sie ist vollständig mit Palmenkernen an-
, Das ist sehr weise gehandelt. Bringe die Matratze und I gefüllt, und die Ladung allein muß wenigstens viertausend das Kopfkissen aus Deiner Kammer, und lege sie hier Pfund (achtzigtausend Mark) wert sein." neben mich; dann begieb Dich selber sofort zur Ruhe. I „Was mich mehr interessiert als die Ladung", sagte Du brauchst Schlaf und mußt chn haben. In Sicht ist „ist Deine Gesundheit. Macht Dir Dein Bein noch natürlich nichts, Jeß?" | viele Beschwerden?"
„Nein, aber ich muß Dir noch mitteilen, daß der I Viele nicht, es verhindert mich nur, mich zu bewegen. Wind schralt, und daß ich die Brigg abfallen lassen mutzte, x^iist. mein Temperament, Schatz. Es ist geradezu um sie voll zu halten. Sie liegt jetzt West-Nordweft an. furchtbar für mich, hier an dieses Deck genagelt zu sein.
Schadet das etwas?" ., als ob ich irgend ein seltener, auf einen Kork gespießter
Er überlegte und antwortete dann: „Nein, es fchadet SdymetterHnq wäre. Ich muß mich irgenRvie beschäftigen
nichts. Wie Du ganz richtig jagtest, i,t unsere Aussicht cber i(f)l (attce Gefahr, verrückt zu werden. Sobald ich
jetzt ein vorbeifahrendes Schiff. Spence erzählte, ihr Hatter ben verwünschten Proviantraum inspiziert hätte, wollte ich
die Flagge halbmast gehißt." sowieso die Schiffspapiere 'mal durchsehen."
"Lhr -am» Du meinte er. Du «t f»
sch«» .Wunderdinge verrichtet. Lege Dich nun nieder I §^un; denn ich glaube kaum, daß Dein Appetit
angenehm fein würde Dann nahm ich meinen Hut ab, > ^ren ^toteren war sie über zehn
legte mich auf die Matratze, und mit meines Mannes Hand in der meinigen schlief ich fast augenblicklich ein.
Ich erwachte, als Richard mich leise am Aermel zog.
**WkiEiLPwNacht. «= -°n-°w|EÄfSÄ**"un,e1 Tu mich denn schlafen laffen?"
„Nein, nein", antwortete er, „es ist nicht Nacht. ;Uc Sonne ist höchstens seit fünfundzwanzig Minuten untergegangen. Du hast drei und eine halbe Stunde geschlafen, und zwar ganz wunderschön. Dich auch nicht ein einziges Mal gerührt. Hat Dir der Schlaf gut gethan?"
O ja", erklärte ich, indem ich mich erhob. „Ganz


