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und sehen Sie zu, wenn die eisernen Kasten vorbeischwim- men. Der Bug ist so in die Höhe gestülpt, als ob er sich der Stengen schämte, die Sie Masten schimpfen. Mittschiffs sind diese Bauwerke so schmal, daß ein Mann mit etwas langen Beinen mit einem Fuß aus jeder Seite stehen könnte. Und dann seh'n Sie sich 'mal die innere Einrichtung an und schauen Sie, wie die Teerjacken mit schwarzen Gesichtern sich in den Kohlenkellern ihr Brot verdienen."
(Fortsetzung folgt.)
Sittenbilder aus China.
(Nachdruck verboten.)
I.
Der Kaiserund derHof.
„Sintemal am fünften Tage des Mondes (12. Januar) in der Aeo-Stunde (5 Uhr abends) Seine Erhabenheit der Kaiser aus diesem Leben geschieden und auf einem Drachen in die Höhe gefahren ist, wurde das gnädige Mandat der Kaiserin-Witwe und der Kaiserin-Mutter von uns ehrfurchtsvoll ausgenommen, das uns auferlegte, die große Erbfolge anzutreten. Zur Erde gebeugt, klagten wir dem Himmel unfern Kummer, vergeblich unsere Hand im Jammer ausstreckend ... In Worten können wir die Trauer nicht zum Ausdruck bringen, die unser Herz durchdringt und sich in blutigen Thränen ausdrückt."
So hieß es in dem Edikt, in ivelchem der gegenwärtige Kaiser von China im Jahre 1875 den Thron bestieg. Er war damals vier Jahre alt. Aber seine zarte Jugend war wohl seine vornehmste Anwartschaft auf die Thronfolge — wenigstens in den Augen der herrsch- und ränkesüchtigen „Kaiserin-Witwe", die sich wiederum zur Regentin hatte ernennen lassen, wie sie es unter seinem Vorgänger gewesen war. Tsu-Hsi war nie eigentliche Kaiserin gewesen, sondern nur ein Nebenweib dritten Ranges des Kaisers Hsien-Fung, der 1861 starb. Wie ihn der Tod ereilte, darüber konnte wohl nur ihre Majestät Thu-Hsi Auskunft eben, die nun zusammen mit einer anderen Gattin, aber auch nicht Haupt-Gemahlin des Kaisers — deren ganz jungen Sohn Tung-Chi nominell zum Kaiser ausrief, selbst aber die Regentschaft ausübte. Im Jahre 1873 wurde der Kaiser volljährig, übernahm die Regierung und nahm sich auch eine Gattin oder mehrere. Sobald sich die älteren Kaiserinnen auf diese Weise etwas in den Hintergrund gedrängt sahen, fing der Kaiser auch bald zu „kränkeln" an und starb 1875, nachdem sich die beiden vormaligen Regentinnen ihr Amt aufs neue hatten übertragen lassen.
Seiner jungen Witwe wurde nun nahegelegt, wie geziemend es sein würde, wenn sie in ihrem unheilbaren Schmerze um den Gatten sich selbst den Tod geben würde. Ob sie die Sache wirklich in dem Lichte aufgefaßt, wird wiederum Tsu-Hsi am besten wissen. Jedenfalls wurde es offiziell so der Welt kuudgethan und ihre edelmütige Hingabe weit und breit gepriesen. Recht gelegen mochte der Kaiserin Tsu-Hsi auch wohl der Plötzliche Tod ihrer Mitregentin kommen. Wenigstens wird berichtet, daß die beiden Damen einen gar heftigen Streit mit einander gehabt. Den offiziellen Hofnachrichten zufolge hauchte die Kaiserin-Mutter ihr Leben in einem Wutanfall aus.
Inzwischen war ein Neffe der Verstorbenen, deren Schwester einen der Brüder des verstorbenen Kaisers geheiratet, unter dem Namen Kwang-Hsu — denn bei der Thronbesteigung findet ebenso wie beim Tode stets ein Namenswechsel statt — der gegenwärtige Kaiser auf den Thron berufen, dessen Eingangs erwähntes Edikt sich in der Abfassung gewiß in nichts davon unterscheidet, wie sie bei dergleichen Schriftwerken in China zu Zeiten Abrahams und seither stets üblich gewesen.
Der junge Kaiser, der vor lauter Heiligkeit zur Puppe herabgesunken, wuchs auf in dem goldenen Käfig der für dre Außenwelt streng „verbotenen" Tartaren-Stadt und bei solcher Abgeschlossenheit ist es denn erklärlich, daß int allgemeinen niemand über das Land mangelhafter unterrichtet tst als derjenige, der es zu beherrrschen berufen. Er verläßt bte Tartarenstadt nur sehr selten, wenn er im Tempel des Hunmels Opfer bringt. Und dann müssen alle Fenster und schüren der Straßen, durch die er kommt, verschlossen und
verhängt werden. Wer sich aut der Straße befindet, muß sich zu Boden werfen, und wer aufblickt, ist des Todes.
Doch Kwang-Hsu mag em Schwächling fein und ist, wie es heißt, von tiefer Melancholie niedergebeugt, aber im übrigen erfreut er sich eines sehr guten Rufes. Im Jahre 1889 übernahm er, wenigstens nominell, die Zügel der Regierung und begann sogar mit Hilfe des bekannten aufgeklärten Kaug-Au-Wei tiefgreifende Reformen zu planen. Indessen er hatte ohne die Kaiserin-Witwe gerechnet. „Was, an den Einrichtungen unserer Vorfahren rütteln?" rief sie, und das ganze Beamtentum, das in den zerrütteten Verhältnissen der allgemeinen Bestechlichkeit ein gutes Auskommen findet, rief es ihr nach. Kang-Du-Wei entkam noch zeitig nach Schanghai, aber sechs seiner Verwandten, denen nichts nachzusagen war, als eben diese Verwandtschaft, und vierzehn Männer aus der nächsten Umgebung des Kaisers wurden sofort hingerichtet.
Der Kaiser selbst suchte zu entfliehen. Er kam bis an das Thor der „verbotenen Stadt", wo er sich plötzlich von einer Schar von Eunuchen der Kaiserin umringt sah. Sie wagten nicht, an feine geheiligte Person Hand anzulegen. Auf ihren Knien umlagerten sie ihn aber in solchen Massen, daß er sich schließlich genötigt sah, wieder umzukehren. Er wurde nun in noch strengerem Gewahrsam gehalten, wenn, auch sein Gefängnis wohl immer noch „goldig" genannt werden durfte. Aber wir können uns kaum wundern, wenn es nun bald hieß, daß auch dieser Kaiser „zu kränkeln" angefangen, und nach einiger Zeit eröffnete „er selbst" seinem Volke, daß er an einer unheilbaren Krankheit leide und die geheiligte Majestät der Kaiserin-Witwe ersucht habe, einen Nachfolger für ihn auszuwählen. In ihrer „superlativen Güte" und auf wiederholtes Drängen des Kaisers hatte die edle Frau sich denn auch endlich bereit gefunden, den jungen Sohn des Prinzen Tuan zum Erbfolger zu erlesen, einen Entschluß, den der Kaiser „mit unaussprechlicher Freude" aufnahm. Prinz Tuan war es bekanntlich, der zur Zeit der jüngsten Wirren in Peking die Regierung an sich gerissen und den Angriff auf die Gesandtschaften leitete.
Sein Sohn wird gewiß niemals Kaiser werden. Wohl aber dürfen wir hoffen, daß die europäischen Mächte ein Mittel finden werden, den noch lebenden Herrscher von dem „Leiden" zu befreien, von dem er, wie feine Vorgänger befallen, daß die Tage der Kaiserin-Witwe selbst gezählt sind, jedenfalls aber ihre Macht auf immer dahin ist.
Das gegenwärtige Herrscherhaus Chinas ist dasjenige der Mandschuren, die im Jahre 1644 das Land eroberten. Von dieser Zeit her stammt auch erst der Zopf, der als ein Zeichen der Anhänglichkeit an die neue Dynastie anfangs mit so großem Widerstreben von den Chinesen angenommen, heute aber längst ihren ganz besonderen Stolz bildet. Die Mandschuren-Damen unterscheiden sich von den Chinesinnen noch dadurch, daß sie sich niemals zu den in China üblichen Verkrüppelungen der Füße bequemt haben. Auch dürfen noch jetzt keine ehelichen Verbindungen zwischen den beiden Völkerschaften geschlossen werden, und so sind auch die Gemahlinnen und Nebenweiber des Kaisers und" selbst alle Dienerinnen des Palastes ausschließlich Mandschurinnen. Doch herrscht in unseren Tagen sonst kein großer Unterschied mehr zwischen Mandschuren und Chinesen, indem die Eroberer im wesentlichen die Anschauungen und Sitten des m der Zivilisation doch höher stehenden eroberten Landes angenommen haben.
Der Kaiser ist „der Sohn des Himmels", „der höchste Herrscher", „der Heilige und Erhabene", „der himmlische Herrscher", „der Buddha der Gegenwart, „der Herr". Ja, er ist „dem Himmel und der Erde ebenbürtig" und bildet mit ihnen zusammen eine Dreieinigkeit, ist aber selbst wieder der Höchste von allen Dreien, wie er ja auch die Macht hat, andere Götter im Rang zu erhöhen und zu erniedrigen.
Freilich mit den Göttern hat es in China eine eigene- Bewandnis. Sie sind von geringem Belang. Nur die Buddhisten und Taoisten haben sich solche zurecht gemacht; und die Konfueianer glauben eigentlich nur daran, insofern sie gleichzeitig auch der Buddhistischen ober Taoistischen Religion — oder beiden — angehören. Konfucius aber lehrt: Man solle sich eines moralischen Lebenswandels'befleißigen, und die Voreltern ehren, aber sich nicht um das Uebematür- liche kümmern, seien es Götter, Engel oder Teufel.
Wilh. F. Brand.


