Ausgabe 
10.1.1901
 
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kochte selbst seine Mahlzeiten und räumte eigenhändig seine Wohnung auf.

Ich habe bei Ben Stephenson eine Pfeife geraucht", sagte er mit einer Stimme, die man kaum ohne Lachen an­hören konnte,aber ich wollte nicht heimgehen, ohne nachzu­fragen, ob man etwas von Euch gehört hat. Das war ein harter Sturm, mein Junge! Was für'n Schiff war's? Eine Brigg?"

Die ,Gräfin Durham'," antwortete mein Vater und gab mir einen Wink, dem alten Manne einen steifen Grog zu mischen.

Die kenne ich ganz gut", quackte der alte Bursche und folgte dabei mit seinem einzigen, glänzenden Auge allen meinen Bewegungen.Was für Wetter hattet ihr?"

So, so!" rief mein Vater und stieß eine Rauchwolke «ms.Wir waren in Ballast, und das Schiff war so rank tote ein Kreisel, der sich ausgetanzt hat. Die Vormarsstenge ging zum Teufel und nahm den Klüverbaum mit. Salmon, einen ärgern Sturm habt Ihr noch nicht durchgemacht. Mann, ich sage Euch, er stand tote eine Mauer."

Der Alte that einen langen Zug aus dem dampfenden Glase und sah sich dann mit einer ziemlich sauren Miene im Zimmer um, als ob dieser Vergleich mit seinen eigenen Er­fahrungen nicht nach seinem Geschmack wäre. Als sein Blick endlich auf meine Mutter fiel, sah er sie nachdenklich an und sagte:

Liebe Frau, jetzt müßt Ihr Tom Snowdon veranlassen, die Seefahrerei aufzugeben. Er hat sein Schäfchen ins Trockene gebracht und kann nicht verlangen, daß Ihr Euch bei jedem Sturm halb zu Tode ängstigen sollt."

Wenn er wüßte, was Jessie und ich diese Nacht und heute morgen durchgemacht haben", erwiderte sie und blickte Hren Mann liebevoll an,so würde er nie wieder ein Schiff anfehen."

Annie, mein Herz", sagte der Vater feierlich,Du sollst Leinen Willen haben. Jetzt gebe ich das Seefahren für immer auf. Der alte Ozean soll mir keine solchen Streiche mehr spielen. Mein Kabel ist abgelaufen. Von nun an bleibt Tom Snowdon an Land."

Die Pfeife zitterte in seiner Hand, als er zuerst meine Mutter und oann mich anblickte; sein wettergebräuntes Ge­sicht zuckte vor innerer Bewegung, und er sprach mit ge­brochener Stimme. Meine Mutter sprang auf und schlang die Arme um seinen Hals, und als sie ihn genug geherzt hatte, kam ich an die Reihe. Trotzdem er schon oft ver­sprochen hatte, sich zur Ruhe zu setzen und doch immer wieder zur See gegangen war, so merkte man doch, daß es ihm diesmal heiliger Ernst war.

O Tom", sagte meine Mutter,das ist eine rechte Freudenbotschaft."

Aber haltet auch Euer Versprechen", rief Kapitän Sal­mon aus, indem er sein Glas mit einer Hand erhob und seinen langen, hornartigen Zeigefinger darüber legte.Ich kenne die Seeleute. Ich weiß, wie ich war. Kein Kabeltau ist lang und stark genug, um eine echte, rechte Teerjacke an Land festzuhalten. Die See hat eine unwiderstehliche An- zichungskraft, und er wird schon eine Ausrede zum Ent­wischen finden, liebe Frau", wandte er sich an meine Mutter, wenn Ihr ihn nicht fest und kurz haltet."

Keine Furcht, Salmon; keine Furcht, Annie", ant­wortete mein Vater, noch immer tief bewegt.Ms ich gestern nacht luvwärts in die pechschwarze, tobende Schaum­slut sah und daran dachte, was die, die ich in dem alten Hause zurückgelassen, wohl fühlten, wenn sie den Sturm so heulen hörten, da sagte ich zu mir selbst:Thomas, wenn Gott der Allmächtige dich noch diesesmal glücklich heimführt, dann machst du ein Ende und gehst nicht mehr zur See, son­dern bleibst zu Hause. Du wirst dich zwar nach dem freien Leben hier draußen sehnen und deine Gedanken auf Reisen gehen lassen, aber du wirst deinen Lieben gegenüber deine Pflicht erfüllen. Du wirst es ihnen ersparen, noch einmal solche Herzensangst zu durchleben und wirft Vergnügen und Unterhaltung auf dem Lande suchen. Auf die Knie wirst du fallen und Gott danken, daß du dich nach 47jährigem Seedienst als gesunder Mensch mit geraden Gliedern, gutem Appetit und Humor und mit etwas Geld im Kasten zur Ruhe setzen kannst, sodaß dir die Gerichtsvollzieher stets zehn ^ritt vom Leibe bleiben." Das waren meine Gedanken, und hier sitze ich nun, danke Gott und bin fest entschlossen.

Nein", rief er mit großer Energie und heftigem Kopfschütteln aus,Ihr sollt sehen, ich werde nicht anderer Meinung. Hier bin ich und hier bleibe ich. Ich brauche Ruhe und will sie genießen."

Dann steckte er wieder die Pfeife in den Mund und rauchte schnell und förmlich herausfordernd. Dabei sah er Kapitän Salmon unverwandt an, als wollte er sagen, wenn wir an seine Aufrichtigkeit glaubten, so sollte der alte Mann es auch thun.

Kein Mann, der Gatte und Vater ist, sollte auf der See bleiben, sobald er Geld genug erspart hat, um sie auf­geben zu können", sagte meine Mutter.Giebt es ein ge­fährlicheres Leben? Und welche Ehre bringt es einem Manne ein, Seemann zu sein? Letzte Nacht und heute, Tom, hast du schrecklicheren Gefahren getrotzt, als irgend ein Soldat auf dem Schlachtfelde. Und welchen Lohn bekommst du dafür? Wenn du dein Schiff verlierst, so kann es sein, daß sie dir dein Patent nehmen, und wenn du arm bist, so kannst du dann betteln gehen. Wenn du ertrinkst, bricht deinem Weibe das Herz, und deine Tochter ist eine verlassene Waise. Wenn du aber wohlbehalten nach Hause kommst, so verliert niemand ein Wort darüber, niemand nimmt Notiz davon, niemand lobt dich wegen deines Mutes und deiner Geschicklichkeit".

Das ist alles wahr", erwiderte mein Vater und schüttelte gedankenvoll den Kopf, indem er nach dem alten Salmon blickte.Kein Leben ist undankbarer, als das des Seemanns. Die Leute auf dem Lande haben kein Interesse für Janmaat, verstehen ihn nicht und mögen sich nicht mit ihm befreunden. Sein Sold ist armselig, und er arbeitet für sein Leben und seiner Dienstherren Gewinn. Wenn er stirbt, so giebt man ihm den letzten Stoß; niemand weint ihm nach, und die Ringe und Blasen im Wasser, nachdem die Hängematte, in die man ihn genäht hat, über Bord gegangen ist, sind das einzige wahre Bild von eines Seemanns Leben und Tod".

Kapitän Salmon hörte regungslos zu, und nur feine Unterlippe bewegte sich.

Aber Seeleute werden doch auch geliebt, Vater", sagte ich schüchtern.Zu jeder Stunde, Tag und Nacht, beten Tausende treuer Herzen für die Seeleute, die unterwegs sind."

Nun, das weiß ich noch nicht so genau, mein Mädel", rief der alte Salmon plötzlich aus.Es wird zwar sehr gefühlvoll über uns Seeleute gesprochen, und es werden mehr Lieder auf uns gedichtet, als ich singen hören möchte, und wenn ich bis zum Jahre 1895 lebte. Ml dies Gewäsch über den Janmaat ist aber erst aufgekommen, seitdem ich zur See ging. Früher war ein Seemann ei« Seemann, nicht blos ein Mann in einer blauen Jacke. Ter Dampf hat die Leute verdorben. Da sie immer warm im Maschinenraum sitzen, ist ihre Gesundheit so zart ge­worden, daß sich die Weiber hingesetzt haben, und Ge­dichte über sie schreiben, und, wie Fräulein Jessie hier, von den treuen Herzen reden, die ihnen überallhin folgen."

Ich wundere mich, Kapitän Salmon, daß Sie so etwas sagen können, wenn Ihnen ein Seemann wie mein Tom zuhört", sagte meine Mutter ziemlich aufgeregt, und sah meinen Vater an, dessen Gesicht von schlecht verhehlter Lustigkeit glänzte.

Entschuldigen Sie, Frau Snowdon", sagte der alte Mann ziemlich scharf und hiell sein Glas krampfhaftsiest; wenn auch fünfzig Seeleute wie Tom Snowdon hier wären, so würde ich meine Behauptung wiederholen, ohne Wider­spruch -zu fürchten. Ich kannte Ihren Mann lange, ehe Sie ihn kannten, Madame, und bitte, es nicht übel zu nehmen, aber ich kann nichts dafür. Tom Snowdon und ich haben zusammen in Schiffen gesegelt, die versunken und untergegangen sind. Sie können dreist zehntausend Pfund bieten, um nur noch einen Kupferbolzen zu sehen, der dazu gehörte; es wäre vergebens. Niemals, wieder! zu meiner Zeit, noch vor oder nachher wird's einen bessern Seemann geben als Tom Snowdon. Das kann er meines wegen hören. Aber wenn er auch zuhört, so werde ich doch nichts sagen, was ich nicht meine. Ich sage Ihnen, Madame, jetzt sind die Seeleute nicht mehr,. was sie zu meiner Zeit waren. Sehen Sie 'mal die Schiffe an, dte sie jetzt bauen. Stellen Sie sich 'mal an den Lawe hm