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fiel, als es die feinsten Schnüffler des Reportertums, die das Gras wachsen hören, vorhergesagt hatten.
Mit Scheelsucht sieht man im allzeit neidischen deutschfeindlichen England auf diese Verheiratung. Hatte man doch — wenigstens so lange bis die Burentragödie in Südafrika anfing, die das Herz der Holländer ihren Vettern jenseits des Kanals wohl auf immer entfremdet hat — sich; der Hoffnung hingegeben, einen englischen Prinzen an die Seite der niederländische Königin zu bringen und dadurch die Politik dieses durch seine geographische Lage immer noch überaus wichtigen Landes in britisches Fahrwasser zu leiten und den Nutzen des stattlichen holländischen Kolonialbesitzes mit seinen 38 Millionen Einwohnern in englische Taschen gleiten zu lassen.
In Deutschland ist man weit von der Illusion entfernt, aus dieser Familienverbindung ähnliche überschwengliche Hoffnungen abzuleiten. Man macht aber aus einem gewissen 'Gefühl der Befriedigung, rote es auch der Kaiser anläßlich der „200 Jahr-Feier" zum Ausdruck gebracht hat, kein Hehl, und zwar mit Recht. Denn die Ereignisse einer mehr als Dreihundertjährigen ruhmvollen Geschichte schlagen eine feste Brücke zwischen den Regierenden und Regierten hüben und drüben, und auch die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern sind so mannigfaltig und umfangreich, daß selbst den Blindesten eine Ahnung von der Zusammengehörigkeit dieser Länder aufdämmert, die in der einen oder anderen Weise in einer nicht zu fernen Zeit ihren staatsrechtlichen Ausdruck finden wird und muß.
Die Handelsbeziehungen zwischen Holland und dem Deutschen Reiche haben sich in den letzten Jahrzehnten, namentlich aber, seitdem auf dem wesentlich vertieften Rhein die größten Flußschiffe, ohne lichtern zu müssen, von Rotterdam bis Frankfurt a. Main und Mannheim fahren können, in erstaunlichem Tempo gehoben; denn von allen Ländern, mit denen die Niederlande Handel treiben, steht Deutschland an der Spitze, das nach dem Lande, dessen Umfang den einer mittleren preußischen Provinz nicht übersteigt, Waren im Werte von jährlich 280 Millionen holländischen Gulden verkauft und dafür solche im Werte von fast 500 Millionen Gulden einhandelt, was zusammen etwa dem fünften Teile der gesamten Handelsbewegnng Dieses Landes gleichkommt, dessen Volkseinkommen züm großen Teile auf der Vermittelung des Zwischenhandels zwischen den holländischen Kolonien und Deutschland beruht.
Was nun die geschichtlichen Bande zwischen beiden Ländern betrifft, so gehen diese bis auf jene Zeiten zurück, wo das ruhmvolle Geschlecht der Oranier sich gegen den Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts an die Spitze der im Mittelalter ebenso wie Deutschland in unselige Kleinstaaterei zerfallenen Niederlande stellte, um deren nationalen Verzweiflungskampf gegen die empörende Gewaltherrschaft des finsteren Philipp II. von Spanien und seiner Nachfolger M organisieren. Die von den Burgundenherzogen wieder vereinigten selbständigen Herzogtümer hatten seit dieser Vereinigung die Schicksale Burgunds geteilt und kamen durch die Heirat der Erbtochter Philipps, Maria mit Maximilian I. von Oesterreich an das Haus Habsburg.
Unter diesem Kaiser Max, dem „letzten Ritter" und namentlich unter seinem Nachfolger, Karl V. gelangten die Niederlande zur herrlichsten Blüte. Die dauernde Bindung an die Geschicke des Hanfes Habsburg verhinderte aber das Umsichgreifen der Reformation, welche hier bald im weitesten Umfange Wurzel faßte, umsomehr als Philipp II. von Spanien, an den die Lande nach Karls V. Tod gekommen waren, durch feilten Hochmut und abstoßendes Wesen ebenso wie durch seine sinnlose Härte, namentlich in den religiösen Angelegenheiten das sonst so ruhige Volk auf das furchtbarste gegen seine Herrschaft erbitterte und jenes Blutregiment des berüchtigten Herzogs Alba einsetzte, das zahlreiche niederländische Adlige, darunter die Grafen Egmont und Hoorn aufs Schaffst schleppte.
In diesen schicksalsschweren Zeiten traten am 18. Juli 1572 in Dordrecht die Abgeordneten von 12 holländischen Städten zusammen und beschlossen zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Freiheiten einen Bund, an dessen Spitze sie einen der Führer ihres hohen Adels, den Grafen Wilhelm von Nassau-Dillenburg-Oranien wählten.
Dieser „Wilhelmus von Nassouwen", wie die Holländer
ihren großen Kriegshelden nannten, der die Seele des Widerstandes war und der Begründer der holländischen Freiheit geworden ist, entstammte einer Nebenlinie des Gesamthauses Oranten, das seinen Ursprung auf den südfranzösi- schen Grafen Adhemar von Orange, der im Jahre 1096 starb, zurückgeleitet, und war erst 1544 nach dem Tode des Grafen Rene' von Nassau-Dillenburg in den Besitz der orani- scheu Erbschaft gelangt. Zur Flucht gezwungen und geachtet von Alba, der seinen Sohn als Geisel nach Spanien schickte, ward Wilhelm zum grimmigsten Feinde der spanischen Herrschaft, die er mit umsomehr Erfolg bekämpfte, als die Aufmerksamkeit Philipps durch die Wirren in Frankreich und seine Unternehmungen gegen England einigermaßen von den Niederlanden abgelenkt wurde. Als am 23. Januar 1579 die sieben nördlichen und fast durchweg protestantischen Provinzen Hollands sich zur Utrechter Union zusammen- thaten, ward Wilhelm aufs neue geächtet, worauf von feiten der niederländischen Stände als Antwort die Losreißung von Spanien in aller Form erfolgte. Noch ehe die Verfassung des neuen Staates, welche dem Oranier die erblichen Rechte des Landesherrn übertrug, beschworen werden konnte, fiel Wilhelm in Delft, als er von der Mittagstafel aufstand, durch die Kugel eines fanatischen Franzosen Balthasar Gerard, der sich mit gefälschten Empfehlmigsbrtefen au ihn herangedrängt hatte und nach vollbrachter That kaltblütig erklärte, daß er hierzu angestiftet sei.
Die Aufregung über diese Mordthat war ungeheuer; der Sache der Freiheit gereichte sie aber wenigstens in moralischer Hinsicht zum Vorteil, und auch die äußeren Erfolge blieben nicht aus, besonders seit Wilhelms ältester Sohn 'Moritz zum Statthalter von Holland und^Zeeland gewählt worden war und es verstand, die kriegerischen Erfolge dauernd an seine Fahnen zu fesseln. Als Philipp II. int Jahre 1598 starb, konnten die Niederlande bereits als für die spanischen Habsburger verloren gelten. Die schlummernden Kräfte dieses zähesten niederdeutschen Stammes aber waren ans jahrhundertlangem Schlaf geweckt; denn obwohl Philipp III. von Spanien mit Holland einen die niederländische Unabhängigkeit änerkennenden Frieden schloß, zögerten die Holländer keinen Augenblick, ihn in seinen von Portugal überkommenen ostiudischen Besitzungen anzugreifen.
Dieser Kolonialkrieg war der Grundstein zu Hollands enormer kommerzieller Blüte, welche hom Anfang des 17. bis znm "Ende des 18. Jahrhunderts anhielt und in deren Folge sich ein geistiger und künstlerischer Aufschwung sondergleichen entwickelte. Die Freiheit des Glaubens, der Wissenschaft und Der Presse machten das kleine Land an den Mündungen Des Rheins zum Mittelpunkte aller geistigen Bestrebungen, die anderswo verfolgt wurden, und am Himmel der'Künste glänzen als Sterne allerersten Ranges die Namen eines Rembrandt, Rubens und van Dyck.
Damals beherrschten Hollands Handel und Industrie die Welt. Die ostindische und westindische Handelskompagnie brachten den Milliardensegen ins Land. Die Sundainseln, Ceylon, halb Vorder-Jndien und Die Kapländer waren in holländischem Besitze, und vorübergehend gehörte sogar Brasilien der Republik unter den oranischen Statthaltern, deren Unabhängigkeit int westfälischen Frieden neu verbrieft wurde. Im Jahre 1634 zählte die holländische Handelsflotte nicht weniger als 35 000 Schiffe mit 2 Millionen Lasten Tragfähigkeit, und noch war diese Seegewalt nicht auf dem Gipfel der Macht angekommen, welcher erst erreicht wurde, als die Admirale Tromp und de Ruyter, letzterer der Sohn eines einfachen Brauknechtes, die niederländischen Flotten znm Siege gegen Spanien, Frankreich und England führten.
Ein Unglück für Holland war es, daß sie ihre Landmacht verfallen ließen und dem von Wilhelm III. gestifteten Bunde der Seemächte treu blieben, auch nacbdem Meier Fürst nach Vertreibung der Stuarts den englischen Thron bestiegen hatte. So' kam es, daß die Niederlande ihre Kräfte in kostspieligen Kriegen erschöpften, während, das größere und von Natur mehr" begünstigte England seinen Handel und seine Schiffahrt auf'.Kosten der Holländer ausdehnte, bis es sich stark genug fühlte, räuberisch über den langjährigen Verbündeten herzufallen. Obendrein schafften sie nach dem Tode Wilhelms III., mit dem die ältere oranische Linie erlosch, die Statthalterwürde ab, die nach vielerlei polit-


