über still Bleibt", erklärte ich. Die Stille und schöne Farbe der spiegelglatten See erinnerte mich lebhaft an einen schönen Hochsommerabend, und doch rief mir jetzt, wo die Sonne niedrig stand, das Aussehen der Luft den Winter wieder ins Gedächtnis zurück.
Mein Mann sagte etwas zu d§m Steuermann, worauf dieser sofort kommandierte: „Alle Mann klar zum Segelbergen! Royals und Bramsegel aufgeien! Hierher nach achtern ein paar Mann, das Großsegel aufzuholen!"
Im Augenblick war alles in Bewegung; Taue wurden an Deck geworfen, in die Höhe steigende Blöcke von losgeworfenen Fallen quiekten wie die Ratten. Dazwischen tönte das Aussingen der Matrosen, und das tiefe, rasselnde Geräusch der an den Stangen herabrauschenden Raaen. „Klar beim Anker" — und nach einer Pause: „Fall". Auf das augenblickliche Schweigen folgte das laute Geräusch des jinS Wasser fallenden Ankers, und der Donner der zur Klüse hinausrasselnden Kette. Dann gings wieder an die Segel. Stagsegel und Klüverfallen wurden losgeworfen, der Besan eingegeit, und Aussingen vornen und achtern. Inzwischen schwajte die Bark langsam mit der Flut, und nun hatten wir die dunkle Küste und die Lichter von Deal an unserer linken Seite.
In wenigen Minuten lag unser Fahrzeug, von der Kette .gehalten, leise schaukelnd auf der Dünung, die mit dem gebrochenen Widerschein der Sterne daraus, aus1 der Dunkelheit von Südosten her heranrollte.
Ich war froh, daß wir vor Anker lagen. Hier in den Downs, dem berühmtesten Gewässer der Welt, zu liegen, der historischen Stadt Deal gegenüber, und die Aussicht zu haben, morgen früh an Land zu gehen; das machte die Reise doch lohnend. Am besten hätte es mir gefallen, jeden Morgen vor einer andern Stadt zu ankern, bis hinunter nach Landsend, und dann wieder zurück in derselben Weise an der französischen Küste entlang. Doch unsere Ladung hatte Eile, und als mein Mann an Deck auf und ab ging, und ringsum über die See schaute, bemerkte ich wohl seine Ungeduld über diesen unfreiwilligen Aufenthalt.
Die Segel waren aufgerollt, und die hellbrennende Ankerlaterne wurde am Fockstag aufgehißt. Nun würde die Ankerwache aufgesetzt, und die Bark lag ruhig da. Schweigen herrschte auf Deck, durch die Wanten glitzerten die Sterne, und die uns zunächst liegenden Schiffe schienen gleich Schatten über den dunkeln Gewässern zu schweben.
Wir konnten die auf dem Kiessand von Deal auflaufende Brandung hören, sowie das schwache Geräusch eines an Land spielenden Trommler- und Pfeiferkorps. Einmal hörte ich eine Uhr schlagen. Das waren die einzigen vom Land herüberdringenden Töne. Mehr Leben schien auf dem Wasser zu herrschen, wo die Schiffe vor Anker lagen. Zuerst hörte man hier und dort die Töne einer Harmonika oder Geige, dann auch den Gesang einer kräftigen Männerstimme, in welchen ab und zu ein Chor 'einfiel.
Die Nacht war mondlos, doch funkelten die Sterne erster Größe lebhaft in Strahlen von blau-grünem oder weißem Feuer. Ein andauernder Sternschnuppensäll machte den Eindruck, als ob eine mächtige Hand Silberstaub über den dunkeln Himmel ausstreute.
„Ist irgend welche Aussicht, daß wir schon vor Tagesanbruch Wind bekommen?" fragte id)F
„Das möchte ich auch gern wissen", sagte mein Mann, „Februar ist zwar gerade nicht ein Monat, wo dergleichen Windstillen häufig sind."
„Nun, je mehr ich zu sehen bekomme, desto mehr kann ich dem Vater erzählen. Es ist doch schon etwas, in den Downs vor Anker gelegen zu haben."
„Sogar sehr viel, was den Aufenthalt betrifft", rief er aus. „Wer ist das dort am Steuerbordsfallreep?"
„Es scheint der Steuermann zu sein."
Er schwieg eine Weile. Dann sagte er mit unterdrückter Stimme: „Ich wünschte, ich hätte einen lebendigeren Steuermann. Was ist dieser Mensch eigentlich? Vielleicht ein Dichter; er scheint stets zu träumen."
„Entweder kann er Dir den Verweis nicht vergessen oder er ist von Natur mürrisch, und kann ebenso wenig für seinen Charakter, wie ich für meine Haarfarbe."
„Beides vielleicht", antwortete er. „Aber etwas gefällt mir nicht. Er und der Zimmermann scheinen auf sehr gutem Fuß miteinander zu stehen. Darin würde ich nun
nichts finden, wenn die Beziehungen zwischen ihm und mir so wären, wie sie sein müßten und auch sein würden, wenn er ein tüchtiger, umgänglicher Mann wäre. Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn der Steuermann sich seine Freunde unter den Leuten sucht, wenn auch der betreffende Freund Offiziersstelle vertritt."
„Wie heißt eigentlich der Zimmermann, Richard?" „Thomas Short."
„Ein guter Name für seine kurze Figur. In Betreff des Benehmens scheinen die beiden sich nichts vorzuwerfen zu haben. Der Zimmermann sieht mehr aus wie ein Schiffs- gallion, als wie ein menschliches Wesen. Ist er ein guter Seemann?"
»O, er kennt die Tauenden", antwortete mein Mann lachend. „Ja, Jessie, junge Leute haben es immer furchtbar eilig, Schiffsführer zu werden, aber die Sorgen und die schwere Verantwortlichkeit wegen der seiner Obhut anvertrauten Menschenleben und wertvollen Ladung, — die machen sie sich nicht klar. Jeder einzige Faden der auf dem Wasser zu durchlaufenden Entfernung kommt mir vor, wie das Spiel „Kopf oder Schrift", in welchem ein Geldstück hingeworfen wird. Fällt „Kopf", dann gut. Gewonnen! Fällt Schrift, Verloren!"
Er sprach mit einer gewissen Niedergeschlagenheit, die vielleicht zum Teil durch den Aufenthalt, der ihn ärgerte, hervorgerufen wurde. Sehr wohl war er sich der schweren Verpflichtungen seiner Stellung bewußt.
Von Landbewohnern können nur die, die viel als Passagiere zur See gereist sind, sich von dem Leben eines Schiffskapitäns eine Vorstellung machen. Sie iverden sich erinnern, wie sich ihre Gedanken, wenn sie in ihren Betten lagen und dem Brausen der See lauschten, auf den Mann richteten, in dessen Händen ihr Leben lag, der in durchnäßten Kleidern draußen auf dem finstern, sturmgepeitschten Deck stand und mit wachsamem Auge auf jeden Zwischenfall gefaßt, die stürmische Nacht durchspähte und pflichtgetreu und schlaflos sein Schiff beobachtete. Sie werden sich erinnern, wie sie den Mann bewundert und geschätzt haben, wenn nach einer langen Reise die ersehnte, sonnenbeschienene Küste auftauchte und die alte oder neue Heimat in Sicht kam, und sie allen Gefahren der lauernden Tiefe entgangen waren. Doch auch solche erfahrene Reisende wissen noch nicht alles. Sie folgen dem Führer des Schiffes nicht in seine Kabine, und sehen ihn nicht über seinen Karten und Berechnungen grübeln. Auch von den hundert Sorgen wissen sie nichts,' die dem Kapitän aus dem Wetter, der Länge der Reise, dem Betragen der Mannschaft und dem Vertrauen auf die Steuerleute erwachsen.
Mein Mann hatte eine heitere Natur und wurde bald wieder unbekümmert und leichten Herzens, so daß er, als wir hinunter stiegen, — er, um seine allabendliche Ration von einem Glase Grog zu nehmen, ich um einen Zwieback zu knabbern !— sich wiederin einer so vorzüglichen Stimmung befand, als ob wir im Atlantischen Ozean mit den durch unsere Wanten brausenden Passatwinden unaufhaltsam vorwärts stürmten.
(Fortsetzung folgt.)
Nassau-Omnien und die Niederlande.
Ein Gedenkblatt zur Hochzeitsfeier der Königin Wilhelmina von Holland, 7. Februar.
Von Dr. Eduard Busse.
(Nachdruck verboten.)
Am 7. Februar hat Königin Wilhelmina von Holland, der jüngste und letzte Sproß des altberühmten oranischen Stammes dem Auserwählten ihres Herzens, dem deutschen Prinzen Heinrich, aus dem Hause Mecklenburg-Schwerin, die Hand zum Ehebunde gereicht. Seit mehr als 60 Jahren, nämlich seit jener Zeit, als es sich darum handelte, für die jungfräuliche Königin Viktoria von England einen passenden Ehegemahl ausfindig zu machen, hat'sich die öffentliche Meinung kaum, je so nachhaltig für die Bräutigamswahleiner Fürstin interessiert, wie im Falle Wilhelminas, die seit ihrer am 31. August 1898 erreichDi Großjährigkeit die Zügel der Regierung ergriffen hafi^und von deren vermutlicher Verlobung seitdem viele Dutzendmal die Rede war, bis ihre Wahl schließlich in eine ganz ahbere Richtung


