und muß bis zu Beginn der heißesten Zeit des Tages zurückgelegt sein. Heuer sah ich drei Herden auffahren, zwei beim Aufbruche von meinem Alpendorfe aus und eine, in schon vorgerückter Morgenstunde, beim Durchzuge. Tie ersten beiden waren noch sehr übermütig und „scherzten" viel, d. h. sie führten kleine Hörnergefechte auf, sprangen auf die seitwärts vom Wege liegenden Wiesengründe über und machten so ihren Treibern genug zu schaffen. Fröhlich und hell klang ihr Geläut in den taufrischen Morgen hinein. Denn bei der Auffahrt sowohl wie bei der herbstlichen Heimkehr bekommt jedes Tier seine Glocke. Die ist teils gewöhnlicher Art, zumeist aber von der charakteristischen Form kleiner zusammengenieteter Trichter und Kessel. Solche Schellen stellen in der Regel ein Stück erblichen Familienbesitzes dar, auf das man ob seines Alters stolz ist. Die Größe ist sehr verschieden. So hatte eines der Tiere einen stattlichen, neu bronzierten Kessel um, der vielleicht 40 Ctm. lang und 30 Ctm. breit war, das jüngste Kalb aber ein zierliches Glöckchen von silberhellem Klange.
Die durchziehende, dritte Herde, die nur aus achtzehn Stück bestand, verhielt sich schon ruhiger. Sie hatte bereits, morgens um halb acht Uhr, vier Stunden hinter sich, und hatte noch weitere drei, zuletzt in mühsamem Steigen, zurückzulegen. Tiere und Menschen waren aber froh und wohlgemut. Ist doch die Auffahrt ein festlicher Tag, wenn er auch nicht, wie die glückliche Heimkehr, festlich begangen wird! Diesem Umstande gemäß ist auch der Zug schlicht und einfach, ohne besonderes Gepränge. Hinterher fährt meistens ein Wagen mit Fourage und den Gerätschaften, die zur Bewirtschaftung der Alm nötig sind.
Diese Almen nun sind nichts anderes, als die im Gebirge liegenden Weidegründe. Man sagt dafür auch „Alpe"; doch ist „Alm" gebräuchlicher. Je nachdem diese freundlich aus dem Schwarzgrün des Bergwaldes oder dem höheren, unwirtlichen Geschröff ins Thal hinabblickenden Gefilde niedriger in den Vorbergen oder mehr im Hochgebige liegen, spricht man von Nieder- oder Hochalmen. Die letzteren haben natürlich in steilen Hängen, Felsabstürzen und Steingeröll schlechte Stellen, die allzu munteren oder noch jungen, unerfahrenen Tieren verderblich werden können. Auf den Wiesengründen der Almen sind häufig einzelne Strecken durch die dem Alpenwanderer bekannten rohen Bretterzäune oder durch etwa meterhohe „kyklopische", also aus rohen Steinen ohne Bindematerial gefügte Mauern abgesondert. Das sind die dem Vieh verschlossenen „Mähwiesen", zur Heuernte bestimmt. Denn bei andauerndem schlechtem Wetter kommt die Herde auch auf der Alm in den Stall und muß dann natürlich gefüttert werden. Inmitten der Alm steht die Hütte, die reiche Bauern aber in jüngerer Zeit häufig zu ansehnlichen Häusern anwachsen lassen. Auf den Niederalmen sind es meistens Holzbauten, aber auf den Hochalmen sind sie aus Steinblöcken aufgeführt. Oben liegt das Bretterdach, das zum Schptze gegen Wind und Wetter mit schweren Felssteinen belegt wird. Im Innern haben die Almhütten für gewöhnlich nur zwei Räume. Der vordere davon dient gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlasstätte, wobei das Lager meistens unter dem Dache angebracht ist. Die hintere Abteilung aber ist der Vorratsraum. Er führt in den Stall über, der ja auch unten im Thale unmittelbar an das Wohnhaus angegliedert ist. Nahe bei der Hütte befindet sich der Brunnen, das dem Berge häufig mittelst eines langen Holzrohres entfließende Quellwasser, das sich in einem Tröge zu zwanglosem Gebrauche für Mensch und Vieh sammelt. Häufig vervollständigt sich das hübsche Bild dann noch durch eines jener „Herrgott!", die man auf Schritt und Tritt im Thale anzutreffen Pflegt. Die Alm selbst ist entweder Eigentum des Herdenbesitzers oder von ihm auch nur gepachtet. Größere Bauern haben in der Regel mehrere, meist benachbarte Almen in Besitz oder Pacht, geradeso wie sich wohl auch mehrere kleinere Herden in die Weide einer einzigen Alm teilen. Denn die Almen sind oft so groß, daß mehrere Bauern die Gerechtsame daran haben.
Ist man nun nach langer Wanderung und oft beschwerlichem Aufstiege oben angelangt, so wird zunächst das Vieh besorgt. Dann aber richtet der Senne oder.: die Sennin — die Alm wird keineswegs immer vom weMichen Geschlecht bewirtschaftet — den Treibern das einfache Mahl zu. Es
besteht selten aus mehr als Kaffee und „Schmarrn", der beliebten fetten, eierkuchenähnlichen Mehlspeise. . Denn lukullische Genüsse giebts da oben nichjt. Fleisch ist ganz ausgeschlossen. Selbst wenn ein Tier verunglückt und geschlachtet werden muß, kommt das Fleisch davon zum Verkaufe hinab ins Thaldorf. Nach der Mahlzeit wird noch ein wenig geplaudert, und dann steigen die Treiber und sonstigen Begleitsleut^„abi". Senne oder Sennin sind nunmehr allein.
Sind nun keine anderen Almen in naher Nachbarschaft, so wird diese Einsamkeit nur selten unterbrochen. Ab und zu kommt ja einmal ein „Jäger", d. h. ein Forstbeamter oder sonst Jagdberechtigter, oder ein verwegener Wilderer — das „Wilderern" gehört ja' zum guten Tone im Alpendorfe —, ein Holzfäller, oder, wenn die Alm im Grenzbezirke liegt, ein „Grenzer" (Zollbeamter) und nach ihm der gesuchte „Schwirzer" (Schwärzer, Schmuggler) durch, aber fest gerechnet werden kann nur auf den Besuch der Dorfangehörigen, der in regelmäßigen Perioden Mehl, Eier, Brot und die sonstigen einfachen Bedarfsmittel auf die Alm schafft, um dagegen deren Produkte, zumeist Butter und Käse, mit hinunter zu nehmen. Der ist es auch vor allem, der den Aelpler auf dem Laufenden erhält, ihm die Dorfchronik berichtet und was sonst vorgefallen ist, „in der Welt". „Stadtvolk" aber spricht nur vor, wenn die Almen an Touristenwegen liegen. Selbst der Herzenserkorene der Almerin kommt Sonntags nur dann, wenn die Alm nicht, was meistens der Fall ist, einen vielstündigen Marsch vom heimischen Dorfe entfernt liegt. Um so treuer sind aber häufig zwei andere Freunde: Gesang und Saitenspiel, und „Klampfen" (Guitarre) und „Zithern" hört man oft da oben ertönen.
Dennoch aber kommt nichts weniger als Langeweile aus. Dazu giebts zuviel Arbeit. Erstmal sind täglich die Mhe zu melken und zu beaufsichtigen, denn die streifen ja bei gutem Wetter frei umher. Dabei halten sie sich immer zu der Glockenkuh, zu dem Leittiere, das allein oben auf der Alm die Schelle umbehält und durchs deren Klang allzeit den Standort der Herde verrät. Dann ist zu buttern und zu „käsen". Weiter müssen Stall und Mähwiesen besorgt werden. Da heißt's streuen und düngen, mähen, wenden und das Heu „einkraxeln". Die Alm soll aber auch bebaut werden, und das bringt die mühselige Arbeit des „Rentens" mit sich, wobei Wurzeln und Holzüberreste zu entfernen und kleineres Buschzeug, besonders aber, aus Hochalmen, „Latschen" (Legföhren) auszurotten sind. Auch muß der Bewirtschafter Holz für den eigenen Bedarf spalten und sich überhaupt des ganzen Leibes und Lebens Notdurft selbst besorgen. Daß es da nicht so poetisch zugeht, wie unsere Maler malen und unsere jungen Damen schwärmen, liegt auf der Hand. Mancher städtische Neuling war deshalb schon enttäuscht über die unsaubere Wirtschaft, die die Herren Sennen führen, oder über die wenig verlockenden Almerinnen. Ich habe bereits manche Alpe erstiegen, aber noch sehr wenig von den berühmten schönen und „blitz- saubern Diarndln", die da im Sinne unserer Dichter und Maler hausen sollen, zu sehen bekommen. Einheimische sagten mir, daß dergleichen aber auch zu finden sei, doch nur ausnahmsweise und dann an solchen Stellen, die dem Touristenstrome ausgesetzt lägen und deshalb mehr Restaurationsbetrieb als eigentliche Alpenwirtschaft hätten.
Rührend ist die Liebe zu den Tieren, die man fast immer bei den Almleuten findet, und die Anhänglichkeit der Tiere untereinander. Da geht keines eher aus dem Stalle, als bis es sich überzeugt hat, daß alle mit dem Melkgeschäfte fertig sind, und treu halten sie gegen etwaige Eindringlinge aus fremden Herden zusammen. Und Senn und Sennin hegen jedes Stück wie ein Kind; geben den bevorzugten eigene Namen und haben die Freude, daß jedes ihrem Rufe in pünktlichem Gehorsame folgt.
Ist nun der Sommer herum und alles gut gegangen, d. h. kein Stück erkrankt oder verunglückt, so wird festlich abgefahren. Das geschieht bei normalen Witterungsverhältnissen in der ersten Hälfte des Oktober. Da erhält jedes Tier wieder seine Glocke und zwischen die Hörner einen prächtigen „Buschen" aus Tannengrün, auch wohl einen schönen Kranz um den mächtigen Hals, bunte Papierkronen und anderen schmückenden Tand. Die Treiber und sonstige Zugehörige kommen herauf, der Wagen wird bepackt und


