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„Desto besser! Sie werden ja noch Yente oder spätestens morgen vorgeladeu werden, damit man Ihnen die Person gegenüberstellen kann. Den Schmuck nehme ich natürlich in Beschlag."
Er fertigte dem Pfandleiher eine Empfangsbescheinigung aus und verabschiedete sich, äußerst zufrieden mit dem unerwartet schnellen und günstigen Ergebnis seiner Nachforschungen.
Als zwei Stunden später der Referendar Jmberg heimkehrte, fand er seinen Vater in so tiefer Bekümmernis, daß er besorgt nach der Ursache seines Kummers fragte. Der Alte sah ihn traurig an, wie wenn es ihm schwer würde ,mit der Sprache herauszukommen.
„Wir beide sind schmählich hintergangen worden, mein Junge!" begann er endlich. „Die Person, die vor acht Tagen den Brillantschmetterling bei mir verpfändete, war eine gemente Diebin."
Der Referendar wurde blaß vor Bestürzung. „Das ist nicht wahr, Vater", erklärte er dann mit Bestimmtheit. „Es kann nicht wahr sein. Wenn man etwas derartiges von ihr behauptet, so muß sie das unglückliche Opfer eines Irrtums oder einer Personenverwechslung geworden sein."
„Und warum muß sie das? Weißt Du denn mehr von ihr als ich? Hatte sie Dir vielleicht noch Näheres über ihre Verhältnisse erzählt? Oder hast Du sie seitdem wieder gesehen?"
„Nichts von alledem. Aber ich würde überhaupt an keines Menschen Rechtschaffenheit mehr glauben können, wenn dies Mädchen eine Diebin oder auch nur eine Lügnerin gewesen wäre."
August Jmberg wiederholte ihm statt jeder anderen Antwort den Inhalt des Gespräches, das er vorhin mit dem Kriminalbeamten geführt hatte. Wenn nun der Referendar auch dadurch offenbar keineswegs überzeugt wurde, daß die junge Unbekannte einen Diebstahl bericht habe, so machtert ihn diese Mitteilungen doch sehr niedergeschlagen und nachdenkliche
-Vater und Sohn saßen sich beim Mittagessen viel ernster und schweigsamer gegenüber als sonst. Sie berührten zur Verwunderung des Dienstmädchens die einfache Mahlzeit kaum, und obgleich des Brillantschmetterlings zwischen ihnen zunächst nicht weiter Erwähnung geschah, unterlag es doch keinem Zweifel, daß sich! die Gedanken beider, wenn auch vielleicht in sehr verschiedener Weise, ausschließlich mit ihm und mit seiner Ueberbringerin beschäftigten.
Wie der Kriminalschutzmann Fahrig es vorausgesagt hatte, wurde dem Pfandleiher noch am nämlichen Tage durch einen uniformierten Schutzmann die Vorladung übermittelt, die ihn für den nächsten Morgen in das Amtszimmer des Untersuchungsrichters Föhring beschied. Davon sagte er seinem Sohne nichts; denn da Rudolf ja der eigentliche Urheber des ganzen Unglücks war, mußte er jede Erwähnung der Angelegenheit notwendig wie eine verschleierte Anklage empfinden. August Jmberg liebte aber seinen Sohn, für den er feit einem Vierteljahrhundert unermüdlich schaffte und arbeitete, um ihm den Weg zu Ehre und Ansehen zu ebnen, viel zu zärtlich, als daß er nicht darauf bedacht gewesen wäre, ihm jede peinliche Empfindung nach Möglichkeit zu ersparen. Als er dann aber von der Vernehmung nach Hause zurückkam und sem in- zwischen verschlossen gebliebenes Geschäftslokal wieder öffnete, war es Rudolf selbst, der eine Frage nach dem Stande der Sache an ihn richtete.
Und nun vermochte der alte Mann nut seinem Ingrimm freilich nicht länger zurückzuhalten.
„Wie es steht? Schlecht steht es mein Junge — fo schlecht als möglich! Die tausend Mark kann ich getrost in den Schornstein schreiben,' und ich' darf obendrein Gott danken, wenn es damit abgethan ich Der Untersuchungsrichter hat mir über mein Geschäftsgebahren einige Artigkeiten gesagt, die ich wahrhaftig nie in meinem Leben zu hören erwartet hätte."
„Es ist nicht das, was ich wissen mochte, Vater! Du bist der angeblichen Diebin gegenübergestellt worden und, nicht wahr, es war eine andere als die, welche Dir den Schmuck brachte?"
„Nein, nein", tyidersprach der Pfandleiher eifrig, „es war dieselbe! Eine geriebene Komödiantin, sage ich Dir — eine ganz gefährliche Kreatnr! — Anfangs stutzte ich allerdings, und ich wäre wirklich beinahe irre daran geworden, ob sie es sei, so geschickt wußte sie es anzustellen. Dann aber mußte sie auf den Befehl des Richters das rote Kopftuch umnehmen, und nun erkannte ich sie wieder, obschon ich sie an jenem Abend ja nur toeifige Augenblicke glesehen hatte."
„Und sie hat ihre Schuld gestanden?" fragte der Referendar mit gepreßter Stimme.
„Nichts hat sie gestanden. Ins Gesicht hinein hat sie mir's bestritten, mich jemals gesehen oder ein Wort mit mir gesprochen zu haben. Aber ihr Leugnen ist natürlich umsonst. Sie muß ohne Gnade ins Zuchthaus — die verstockte Person."'
„Du solltest nicht in so harten Worten von jemand sprechen, dessen Schuld noch nicht erwiesen ist. Hat man denn das Geld bei ihr gefunden?"
„Nichts! Wer sie hatte ja auch eine ganze Woche Zeit, es beiseite zu schaffen. Jedenfalls hat sie einen Liebhaber, der sie zu der Thai angestiftet hat, und dem sie es daun zustecken konnte."
Dem Referendar war plötzlich das Blut ins Gesicht gestiegen. „Ist vielleicht etwas derartiges zur Sprache gekommen?"
„Der Untersuchungsrichter äußerte es als Vermutung, und er wird damit wohl auf dem rechten Wege gewesen sein. Aber das Fräulein Willisen wies es mit Entrüstung zurück, wie sie überhaupt alles mit Entrüstung zurückweist, Na, bei der Verhandlung wird sie schon aus einer anderen Tonart singen."
„In dieser Gerichtsverhandlung soll man auch mich als Zeugen vernehmen", erklärte Rudolf Jmberg entschieden. „Ich selbst werde es beantragen."
(Fortsetzung folgt.)
Naufi, auf d' Alm!
Von Bruno Schrader.
(Nachdruck verboten.)
Wie viele fingen und sagen von der Alm! Die tiroler, färntner und sonstigen Lieder des Alpenvolkes sind ja längst geläufig geworden. Und doch wissen viele Leute nicht so recht, was ’ es eigentlich mit diesen vielbesungenen Almen auf sich hat. Ihnen gilt vornehmlich das folgende kurze Geplauder.
Aufzug zur Alm! Den erlebt nur der, dem es vergönnt ist, sich längst vor Beginn der eigentlichen Reisezeit der klaren Gebirgsluft zu erfreuen. Schon Ende Mai, spätestens anfangs Juni, „fahren sie auf", wie die heimische Ausdrucksweise besagt. Es sind meist stattliche Herden, oft bis gegen vierzig Stück der schönsten Rinder jeden Alters. Und das Prädikat „schön" wird ihnen wohl jeder zugestehen, der sie einmal aus ihren heimischen Fluren ;ah. Kein größerer Unterschied, als der zwischen solch stattlicher Bergkuh und ihrer mehr oder minder armseligen Schwester in den Flachlanden! Ehe jedoch aufgefahren wird, machen sie eine Art Vorbereitungszeit durch. Das erheischt der winterliche Stallaufenthalt für sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Körperlich!, damit sie sich an die freie Luft gewöhnen, und seelisch, damit die frohe Ausgelassenheit gedämpft und der weite Weg zur Alm ohne Gefahr zurückgelegt werde. Denn die Istere sind gar gerne auf der Alm und merken wohl, wenn es losgeht, wenigstens die, die schon einmal oben waren. Und da äußern sie eben ihre Freude in ihrer drolligen, für Besitzer und Hüter aber nicht immer bequemen Weise. In dieser Ueber- gangszeit hört man abends, nachts und morgens früh allenthalben im Thale die musikalisch nicht einwandfreien, aber doch in anderer Beziehung so stimmungsvollen Herdenglocken. Tags aber, wenn die Sonne steigt, müssen die Tiere wieder in den heimischen Stall, der Bremsen wegen und auch, um gemolken zu werden. Das geht so eine Woche lang; dann aber steht der Auffahrt nichts mehr entgegen.
Diese beginnt meistens sehr früh, morgens um drei ober vier Uhr; denn der Weg ist oft viele Stunden lang


