Donnerstag den 8. August.
Nr. 111.
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n der Tugend Geleit,
^uf 6er Liebe Schwingen
Hip* Jedes Ziel erringen
Kann Beharrlichkeit. Kotzebue.
(Nachdruck verboten.)
Der Schmetterling.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Der Pfandleiher war bereits an den Geldschrank geeilt, in dem er die wertvolleren Pfandstücke aufzubewahren pflegte, und mit zitternder Hand öffnete er den besonderen Verschluß, der die allerwertvollsten enthielt. Er drückte auf die Feder des roten Etuis, das er ihm entnommen hatte, urtfr las mit fast versagender Stimme: „Armand Thiebaut, Paris! Es stimmt — stimmt alles ganz genau. Und das mußte mir widerfahren — mir! Ah, es ist niederträchtig — schändlich — es ist ein Nagel 311 meinem Sarge!"
„Aber so beruhigen Sie sich doch, bester Herr Jmberg. Tas kann ja jedem widerfahren. Kein Mensch wird Ihnen einen Vorwurf daraus machen, und da Sie bei der Beleihung ohne allen Zweifel vollkommen korrekt verfahren sind, wird Ihnen auch kein Schaden aus der Sache erwachsen. Mit dieser selbst hat es freilich offenbar feine Richtigkeit. Tie Beschreibung paßt ja in allen Einzelheiten. Von wem haben Sie denn nun den Schmuck bekommen?"
Der Pfandleiher war noch immer ganz fassungslos, und der Beamte mußte seine Frage wiederholen, ehe er Antwort erhielt.
„Bon einem jungen Mädchen — einer Person, auf deren Ehrlichkeit ich unbedenklich Gift genommen hätte."
„Na, in der Beziehung kann man sich allerdings gründlich täuschen, namentlich bei Frauenzimmern — davon wissen wir ein Lied zu singen. Unter welchem Namen ist sie denn aufgetreten?"
„Warten Sie — ich werde gleich nachsehen. Da, hier steht es. Melanie v. Neuhoff, Parkstraße 2."
Der Schutzmann lachte. „Als etwas Geringeres mochte sie es wahrscheinlich nicht thun. Den Herrn v. Neuhoff und seine Familie kenne ich zufällig. Er ist ein pensionierter General und besitzt durch seine Frau ein Vermögen von einigen Millionen. Das Fräulein Melanie braucht also keine Schmucksachen zu versetzen, und sie hat es noch weniger nötig, solche zu stehlen. Wodurch hat sich denn die Diebin als Fräulein v. Neuhoff ausgewiesen?"
August Jmberg keuchte vor Aufregung. Aber er dachte
nicht daran, sich mit einer Lüge herauszureden. „Durch eine Visitenkarte. Da — ich habe sie noch in meinem Pulte liegen."
Der Beamte musterte den schmalen Kartonstreisen, und sein bis dahin recht vergnügtes Gesicht wurde ernster.
„Aber das ist doch keine Legitimation, Herr Jmberg! Sie werden ja vermutlich bessere Ausweise von ihr verlangt haben, ehe Sie sich auf die Sache einließen."
„Das ist ja mein Unglück, daß ich es nicht gethan habe", ächzte der Pfandleiher. „Ich — ich ließ mich eben bereden."
„Dann fieht es allerdings einigermaßen bedenklich für Sie aus. Ich will nicht sagen, daß man etwas Unehrenhaftes in Ihrer Handlungsweise erblicken wird — davor schützt Sie wohl die Makellosigkeit Ihrer bisherigen Geschäftsführung. Aber Sie werden viele Scherereien haben, und stch «glaube auch nicht, daß die Frau Haller unter solchen Umständen dazu verpflichtet ist, Ihnen das Geld, das Sie auf das Schmuckstück geliehen haben, zu ersetzen."
August Jmberg lief in dem kleinen Raum hinter dem Ladentische umher, als würde er von heftigen körperlichen Schmerzen gepeinigt. Er, dessen Stolz es gewesen Ivar, daß er in diesen langen dreißig Jahren mit der Polizei niemals in unliebsame Berührung gekommen, er sah sich da mit einem Mal in eine Angelegenheit verwickelt, deren verhängnisvolle Tragweite sich noch gar nicht absehen ließ. Der Gedanke an den drohenden Verlust der beträchtlichen Summe und an alle die anderen damit verbundenen Möglichkeiten brachte ihn schier zur Verzweiflung.
„Es ist gräßlich! Aber diese Person — wenn ich ihrer habhaft werde — ich glaube, ich könnte sie erwürgen."
„Tas lassen Sie doch lieber bleiben. Sie kriegt ihre Strafe auch so. Nun wird ihr ja voraussichtlich« all ihr Leugnen nfcht mehr viel helfen."
Der Pfandleiher horchte hoch auf. „Man hat sie also schon gefaßt? Sie befindet sich hinter Schloß und Riegel?"
„Ja — immer vorausgesetzt, daß es die richtige ist. Die Bestohlene, eine sehr vermögende Witwe in der Buchen- Allee, erklärte von vornherein, den Umständen nach könne nur ihre Gesellschafterin, eine gewisse Margarete Willisen, den Schmuck entwendet haben. Ich weiß nun zwar noch nicht, welche Verdachtsgründe gegen das Mädchen vorliegen; denn ich habe mich bis jetzt nicht viel um die Sache gekümmert. Aber das weih ich) daß die Willisen heute morgen von meinem Kollegen Braun verhaftet wurde. Sie bestreitet bis jetzt auf das entschiedenste ihre Schuld, aber wenn Sie im stände sind, sie zu rekognoszieren, ist sie natürlich geliefert."
„O, ich will sie schon wiedererkennen, wie geschickt sie sich auch vermummt hatte. Ist mir's doch, als sähe ich sie noch hier leibhaftig vor mir stehen."


